Ist Schulden Streichen gut oder schlecht für das Wirtschaftswachstum? Eine Studie des IWF sagt, was der IWF eigentlich nicht sagen darf

Jürgen Kaiser Jürgen Kaiser, erlassjahr.de
20. September 2016

Schulden müssen unter allen Umständen bezahlt werden. Nur in ganz wenigen Ausnahmefällen wie der HIPC-Initiative kann es ausnahmsweise mal angebracht sein, Schulden zu streichen. Und auch dann ist es hoch-problematisch, weil es dazu führen kann, dass Länder keine Kredite mehr bekommen und das Wirtschaftswachstum einbricht.

Das ist seit Jahrzehnten die offizielle Haltung des Internationalen Währungsfonds, und es gehört zur Raison d’Etre der Institution, die Heiligkeit von Kreditverträgen als konstitutives Element weltweiter Finanzbeziehungen zu verteidigen.

Aber: gibt es überhaupt einen nachweisbaren Zusammenhang von Umschuldungen und Wachstumsschwächen? Und was würde es bedeuten, wenn es den nicht gibt?

Titelseite der Studie
IMF: Sovereign Debt Restructuring and Growth

Der ersten Frage ist ein Team von IWF-Mitarbeiterinnen in einer im Juli 2016 veröffentlichten Studie nachgegangen. Sieht man sich die Zusammenfassung der Ergebnisse an, scheint die Welt zunächst weiterhin in Ordnung zu sein, denn im zweiten Satz heißt es:

We find that there are bad and good (or not so bad) debt restructurings for growth. (…) In general, three years after restructuring, growth is about 5 percent lower compared to countries that did not face restructuring over the same period. 

Allerdings gilt das nicht für alle Umschuldungen, sondern es gibt eine „Ausnahme“, nämlich, wenn eine Umschuldung dazu führt, dass ein Land tatsächlich aus der Zahlungsunfähigkeit herausfindet, dann fördert das sogar das Wachstum:

The exception is for final restructurings, which result in positive growth in the years immediately after the restructuring. Final restructurings tend to be better for growth because they reduce countries’ debt, with the strongest effect for countries that exit restructurings with relatively low debt levels. 

Auf gut Deutsch heisst das: Bei so vielen Umschuldungen, die dem Schuldnerland überhaupt nicht geholfen haben – also etwa zwei Jahrzehnte Pariser-Club-Umschuldungen in homöopathischen Dosen – hätte man es genauso gut lassen können. Dass dann hinterher die Schulden sogar höher waren als vorher zeigt eine weit hinten im Anhang versteckte Graphik.

„Final Restructurings“, also Schuldenstreichungen in einem Umfang, bei dem der Schuldner tatsächlich aus der Insolvenz herausfand und Spielraum für einen wirtschaftlichen Neuanfang hatte, waren sogar „gut für das Wachstum“.

Offenbar war der Leitung und/oder der PR-Abteilung des IWF, die auf das Abstract geschaut haben, diese Kernaussage des Papiers aber viel zu kritisch gegenüber der traditionellen Haltung und Rolle der Institution. Deswegen wurde „good restructrurings“ schnell um „(or not so bad)“ ergänzt – aber eben nur Klammern und nur mit einem Augenzwinkern. Sonst hätte es der in der Studie dargelegten Empirie doch allzu hart widersprochen.

Der Studientext selbst bringt das Ergebnis dann ganz hinten in den „Conclusions“ mit der gebotenen Deutlichkeit auf den Punkt:

Final restructurings are good for growth because they reduce countries’ debt (in NPV terms), and the lower the post restructuring debt is, the better the post restructuring growth performance for any given level of debt relief. 

Halbherziger Schuldenerlass führt zu mehr Schulden

Das ist genau das, was erlassjahr.de dem IWF seit Jahren predigt: Klar sollte man an sich an Verträge halten, und auch an Kreditverträge. Wenn man aber Schulden umstrukturieren oder schlicht streichen muss, soll man es richtig machen, und im Zweifel eher zu viel als zu wenig Schulden streichen. Sonst stehen alle Beteiligten am Ende (siehe Graphik) schlechter da als vorher.

2 Kommentare zu “Ist Schulden Streichen gut oder schlecht für das Wirtschaftswachstum? Eine Studie des IWF sagt, was der IWF eigentlich nicht sagen darf

  1. Ich finde es irrelevant, ob Schulden zu streichen das Wirtschafts-Wachstum fördert oder nicht. Ich bin gegen diesen Wachstumsfetischismus inzwischen äußerst allergisch.
    Unser Planet verträgt kein weiteres Wirtschaftswachstum!!! Genauso wenig verträgt die Mehrheit der Weltbevölkerung das gegenwärtig dominierende Wirtschaftssystem!
    Was wir brauchen, ist eine grundlegende Neu-Orientierung in Richtung Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, und zwar global.

    1. Dem letzten Satz kann ich nur zustimmen. Die Frage, ob Wachstum angestrebt werden soll, muss man dagegen differenzieren: Aus der Sicht der mit Gütern und Dienstleistungen eher überversorgten Bundesrepublik ist eine skeptische Betrachtung sicher angebracht. Aus der Sicht eines Landes in Subsahara-Afrika mit einem pro-Kopf Einkommen von weniger als 1000 US-Dollar im Jahr ist eine Vergrößerung der gesamten Wirtschaftsleistung unabdingbar, wenn Menschen extremer Armut entkommen sollen.

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