Stürzende Banker, Umzugskartons und ein Telefon in Mexiko-Stadt

Jürgen Kaiser Jürgen Kaiser, erlassjahr.de
11. August 2017

Von großen Wirtschaftskrisen bleiben manchmal bestimmte Bilder im Gedächtnis der Menschen haften: aus den Fenstern springende Banker an der Wallstreet des Jahres 1929 oder leere deutsche Autobahnen, als der Anstieg der Ölpreise 1973 die Weltwirtschaft aus den Fugen brachte. 2008 sprangen in New York keine Banker mehr aus Fenstern (wäre ja auch schade um die Millionen Boni, die sie sich zuvor genehmigt hatten), aber immerhin verließen einige ziemlich hektisch mit Umzugskartons unterm Arm ihre Büros bei Lehman Brothers.

Vor genau 35 Jahren gab es überhaupt keine spektakulären Bilder, als der mexikanische Finanzminister am 12. August 1982 ein paar Telefongespräche mit seinen US-amerikanischen Gläubigerbanken und mit dem Internationalen Währungsfonds führte. Dabei war das, was dort geschah, für eine große Zahl von Menschen nicht weniger dramatisch als die Weltwirtschaftskrisen von 1929 oder 2008: Minister Silva-Herzog teilte seinen Gläubigerbanken mit, dass sein Land die anstehenden Rückzahlungen auf fällige Kredite nicht mehr würde bedienen können. Mit diesen Telefongesprächen begann das, was danach „die Schuldenkrise der Dritten Welt“ genannt wurde, denn nach Mexiko stellten bald weitere Länder in Lateinamerika, Asien und Afrika die Zahlungen an ihre Gläubiger vorübergehend ein. Millionen von Menschen auf den drei Kontinenten gerieten in einem „verlorenen Entwicklungsjahrzehnt“ in tiefes Elend oder starben einen leisen und unspektakulären frühen Tod. Die globale Entschuldungsbewegung, zu der auch erlassjahr.de gehört, verdankt dieser Katastrophe ihre Existenz.

Gemeinsam haben alle genannten Krisen, dass als allererste Reaktion versucht wurde, die Interessen der Gläubiger zu schützen. In der Regel dadurch, dass die Staaten sich selbst verschuldeten, um den Schuldendienst insolventer Staaten an private Gläubiger und Anleger künstlich aufrecht zu erhalten. Das führte dann zu einer Verlagerung, nicht aber zu einer Überwindung der Krise.

Ideologisch untermauert wurde diese Art der „Krisenbewältigung“ mit Glaubenssätzen wie dem, dass Staaten eigentlich nicht pleitegehen können oder dass eine Abschreibung von Forderung der Banken, der Gläubigerregierungen oder auch der Internationalen Finanzinstitutionen IWF und Weltbank unweigerlich den Zusammenbruch des Weltfinanzsystems zur Folge haben würde. Das wiederum würde Millionen Menschen in den ärmsten Ländern gerade erst recht ins Elend stoßen – woran dann letztendlich die törichte Forderung nach Schuldenerlass aus dem Munde der naiven Nichtregierungsorganisationen, Kirchen und anderer Gutmenschen schuld sei.

Nirgendwo haben sich diese Glaubenssätze je als zutreffend erwiesen. Vielmehr führte die in Mexiko begonnene Krise zu einer um sich greifenden Welle von Staatspleiten, denen erst 2005 mit der fast vollständigen Streichung aller Schulden der ärmsten Länder unter der Multilateral Debt Relief Initiative (MDRI) von Weltbank und IWF wirksam und im Sinne eines wirklichen Neustarts für die überschuldeten Länder begegnet wurde. Zwischen 1982 und 2005 hatten mal lächerlich kleine, mal etwas größere Zugeständnisse die betroffenen Länder mühsam am Leben gehalten.

erlassjahr.de hat gezeigt, auf welch bestürzende Weise die westlichen Gläubiger die damaligen Fehler in der Griechenlandkrise wiederholt haben. Auch dort hätte ein rascher Schuldenschnitt bei Krisenausbruch im Jahr 2010 den Griechen Jahre einer sinnlosen Austeritätspolitik und den europäischen Regierungen einen Anstieg der eigenen Verschuldung zur Finanzierung des Schuldendienstes an Griechenlands Gläubiger ersparen können.

Noch erschreckender: Auch in zahlreichen Ländern, die 2005 aufwändig und auf Kosten von Steuerzahlern im Globalen Norden entschuldet werden mussten, liegen die Schuldenindikatoren schon fast wieder so hoch wie damals. Würde die internationale Gemeinschaft, die heute etwa durch die G20 potenziell handlungsfähiger ist als damals, tatsächlich im Interesse globaler Stabilität handeln, würde sie heute die Möglichkeit zu einer wirksamen Entschuldung schaffen – bevor die nächsten Finanzminister zum Hörer greifen.

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