Ägypten

Hat Ägypten ein Schuldenproblem?

Ägyptens Auslandsschulden liegen im Verhältnis zur gesamten Wirtschaftsleistung deutlich, im Verhältnis zu den Hartwährungseinnahmen aus dem Export von Gütern und Dienstleistungen aber nur noch relativ knapp unter dem jeweiligen Grenzwert.

Die gesamten öffentlichen Schulden im In- und Ausland liegen indes bei rund dem Doppelten dessen, was als unproblematisch gilt. Von daher hat Ägypten im Moment kein Auslandsschuldenproblem, aber ein Problem mit seinen öffentlichen Schulden.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren (Stand 2015)

IndikatorAusprägungGrenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%)14,340
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)123,0150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)12,715
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%)88,949
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%)405,4200
Auslandsschuldenstand (US-Dollar)46,6 Mrd.
Schuldendienst: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger (US-Dollar)4,8 Mrd.

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

Wer sind die Gläubiger von Ägypten?

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Erklärung der Schuldenkategorien

 Die gesamten Auslandsschulden eines Landes setzen sich aus den Schulden des öffentlichen Sektors und denen des Privatsektors zusammen. Im Diagramm sind öffentliche Schulden mit Vollfarben und private Auslandsschulden schraffiert dargestellt.

Bei den öffentlichen Schulden werden drei Gläubigergruppen unterschieden, nämlich multilaterale öffentliche Gläubiger – das sind vor allem Entwicklungsbanken und der IWF -, bilaterale öffentliche Gläubiger – das sind andere Regierungen – und private Gläubiger.

Bei den beiden öffentlichen Gläubigerkategorien unterscheiden wir zudem nach konzessionären, also zinsgünstigen Krediten zu Entwicklungshilfebedingungen, und Krediten zu Marktbedingungen („nicht-konzessionäre“).

Bei den öffentlichen Schulden bei privaten Gläubigern unterscheiden wir die beiden Hauptinstrumente, nämlich Bankkredite und Anleihen. Diese beiden Instrumente unterscheiden wir auch bei den Auslandsschulden des Privatsektors.

Ägyptens Auslandsschulden bestehen zu rund der Hälfte aus Entwicklungshilfekrediten aus bilateralen Quellen. Insgesamt bestehen mehr als 90 Prozent der Auslandsschulden bei anderen Regierungen bzw. zwischenstaatlichen Einrichtungen. Das ist nicht zuletzt ein Ergebnis der geschickten „Vermarktung“ des Landes durch die unterschiedlichen Regierungen der letzten Jahre gegenüber westlichen Geldgebern, die immer wieder überzeugt werden konnten in die – wie auch immer verstandene – Stabilität dieses strategisch wichtigen Landes Entwicklungshilfe zu investieren. Zuletzt stellten Mitglieder der Europäischen Union 800 Millionen US-Dollar im November 2016 zur Verfügung.

Deutschland spielt dabei eine herausgehobene Rolle: 2,3 Milliarden Euro schuldet das Land der Bundesregierung, der ganz überwiegende Teil davon aus der Entwicklungszusammenarbeit. Allerdings könnten auch die Handelsforderungen im nächsten Bericht deutlich ansteigen: Im April 2016 sagte der deutsche Wirtschaftsminister der Regierung Ägyptens die Lieferung von vier deutschen U-Booten zu.

Im Inland steht der Ägyptische Staat bei Anleihezeichnern, Banken und Investmentfonds mit mehr als dem Vierfachen seiner Auslandsschulden in der Kreide.

Trend

Ägyptens Auslandsschulden waren 2014 kurzzeitig rückläufig, stiegen 2015 aber wieder auf den Stand vor einer größeren Rückzahlung an die Pariser Club Gläubiger an. Die oben genannten Zusagen der Öffentlichen Geber lassen erwarten, dass die Auslandsverschuldung in nächster Zeit weiter ansteigen wird.

Bisherige Schuldenerleichterungen für Ägypten

Nach einer einfachen Umschuldung 1987 erhielt Ägypten im Jahr 1991 für sein Wohlverhalten im Zweiten Golfkrieg vom Pariser Club eine außergewöhnliche Schuldenerleichterung in Höhe von rund 50 Prozent der Forderungen der westlichen Gläubiger.

Für weitere Multilaterale Schuldenreduzierungen wie die HIPC-Initiative ist Ägypten nicht qualifiziert.

2011 kündigte die Bundeskanzlerin eine außergewöhnliche Schuldenerleichterung von rund 200 Millionen Euro für Ägypten im Rahmen des deutschen Schuldenumwandlungsprogramms an. Wegen der zeitweiligen Machtübernahme durch die Partei der Muslimbrüder wurde die Schuldenumwandlung aber nicht umgesetzt.

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

Die fiskalische Handlungsfähigkeit der ägyptischen Regierung hängt davon ab, dass der interne Schuldendienst kontinuierlich refinanziert werden kann. Nach den politischen Turbulenzen um den Arabischen Frühling und die raschen Regierungswechsel ist die Wirtschaft des Landes aber noch nicht auf einen nachhaltigen Wachstumspfad zurückgekehrt, so dass der öffentliche Schuldendienst mehr und mehr über die Inflation finanziert wird.

Zunehmend versucht die Regierung auch die niedrigen internationalen Zinsen auszunutzen, und die ausländische Verschuldung auszuweiten. Damit ist naturgemäß die Gefahr einer neuen Auslandsschuldenkrise verbunden, für die die rasche Annäherung der auf die Exporteinnahmen bezogenen Indikatoren an die kritischen Grenzwerte ein Indiz ist.

Politische Empfehlungen

Nach der Entmachtung des langjährigen autoritären Präsidenten Mubarak forderte eine Bürgerbewegung eine Überprüfung der von Mubarak verursachten Auslandsschulden sowie seines auf bis zu 70 Milliarden US-Dollar geschätzten Privatvermögens. Diese Forderungen konnten sich unter der Regierung der Muslimbrüder nicht durchsetzen. Die aktuelle Militärregierung unterbindet jeden Versuch, die Beziehungen zu ihren Geldgebern durch die Forderung nach Transparenz und verantwortlicherer Kreditaufnahme zu stören.

Die Zusage weiterer deutscher Rüstungsexporte nach Ägypten ist nicht nur aus außenpolitischer und menschenrechtlicher, sondern auch aus schuldenpolitischer Sicht eine Katastrophe.

Weiterführende Informationen und Material:

 

Stand: Januar 2017