Afghanistan

Hat Afghanistan ein Schuldenproblem?

Die gängigen Schuldenindikatoren weisen für Afghanistan kein unmittelbar drängendes Schuldenproblem aus. Allerdings betrachtet der IWF das Land als Hochrisikoland für eine Neu-Überschuldung. Nach Schätzungen erfassen die offiziellen Statistiken aber nur etwa ein Fünftel der gesamten Wirtschaftstätigkeit im Land, so dass alle Aussagen über die afghanische Volkswirtschaft nur begrenzt aussagekräftig sind.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren (Stand 2015)

IndikatorWertGrenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%)7,040
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)35,7150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)2,115
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%)7,049
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%)37,7200
Auslandsschuldenstand (US-Dollar)2,554 Mrd.
(2014)
Schuldendienst: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger (US-Dollar)38 Mio.
(2014)

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

Wer sind die Gläubiger von Afghanistan?

Ende 2014 betrugen die gesamten Auslandsschulden Afghanistans fast genau 2 Milliarden US-Dollar. 1,086 Milliarden schuldet das Land multilateralen Gläubigern, sämtlich zu günstigen Konditionen (konzessionär). Von 912,6 Millionen US-Dollar Schulden bei bilateralen öffentlichen Gläubigern sind 806,1 Millionen ebenfalls konzessionär. Die übrigen 106,5 Millionen sind Handelsforderungen zu Marktbedingungen.Informationen zu individuellen Gläubigern liegen nicht vor.

Trend

Nach der offenbar statistisch bedingten Korrektur seiner Schulden auf rund 2 Milliarden US-Dollar im Jahr 2007 liegen die gesamten Auslandsschulden Afghanistans konstant auf diesem Niveau. Da die Wirtschaft Afghanistans seither leicht gewachsen ist, sind die offiziellen Schuldenindikatoren von einem niedrigen Niveau weiter leicht zurückgegangen. Kritische Grenzwerte wurden seither nicht überschritten.

Bisherige Schuldenerleichterungen für Afghanistan

Afghanistan hat den Decision Point der HIPC-Initiative relativ spät, nämlich erst 2007 erreicht. Alle dort vereinbarten Schuldenstreichungen wurden dann am Completion Point 2010 umgesetzt. Gleichzeitig wurden unter der Multilateral Debt Relief Initiative (MDRI) alle vor 2003 bzw. 2004 eingegangenen Schulden bei der IDA und dem IWF gestrichen.Nach der Entschuldung unter der HIPC-Initiative betrugen die Auslandsschulden weniger als 1 Milliarden US-Dollar. Von 2006 auf 2007 stieg dieser Betrag nach Angaben der Weltbank auf rund das Doppelte, ohne dass die entsprechende Weltbank-Statistik erklären konnte, woher diese (langfristigen) Schulden kamen.Im gleichen Jahr (wie in allen Jahren danach) überstiegen die Schenkungen, die Afghanistan von seinen westlichen Partnern jährlich erhielt, den gesamten Schuldenstand erheblich – in manchen Jahren um mehr als 100%. 

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

Der IWF kategorisiert Afghanistan als ein Land mit hohem „Überschuldungsrisiko“. Das bedeutet, dass auch unter dem für wahrscheinlich gehaltenen „Basisszenario“ für die nächsten Jahre mindestens einer der kritischen Grenzwerte überschritten werden wird. Dies spiegelt nicht die aktuell sehr niedrigen Schuldenindikatoren wider, sondern die extreme Abhängigkeit des Staates von Zuschüssen aus dem Ausland sowie die begrenzte Reichweite der IWF-Vorhersagen generell, da nur der kleinere Teil der Wirtschaftstätigkeit Afghanistans überhaupt in amtlichen Statistiken erfasst wird.

Politische Empfehlungen

Trotz der realistisch-kritischen Einschätzung des IWF sind die Auslandsschulden im Moment mit Sicherheit nicht das dringendste Problem Afghanistans. Allerdings sollte – ähnlich wie bei hoch verletzlichen kleinen Inselstaaten – die Möglichkeit geschaffen werden, im Krisenfall schnell und ohne negative Konsequenzen den Schuldendienst aussetzen und sinnvolle Umstrukturierungen mit allen Gläubigern suchen zu können. 

 

Stand: Oktober 2016