Argentinien

Hat Argentinien ein Schuldenproblem?

Argentinien hat nach den spektakulär durchgesetzten Schuldenerlassen von 2005 und 2010 und guten Wachstumsraten in der zweiten Hälfte der letzten Dekade vergleichsweise moderate Schuldenindikatoren. Allerdings steigen diese seit der Amtsübernahme des konservativen Präsidenten Macri wieder steil an.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren (Stand 2015)

IndikatorAusprägungGrenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%)27,940
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)218,6150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)24,115
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%)52,149
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%)153,4200
Auslandsschuldenstand (US-Dollar)153,693 Mrd.
Schuldendienst: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger (US-Dollar)17,751 Mrd.

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

Wer sind die Gläubiger von Argentinien?

Erklärung der Schuldenkategorien

 Die gesamten Auslandsschulden eines Landes setzen sich aus den Schulden des öffentlichen Sektors und denen des Privatsektors zusammen. Im Diagramm sind öffentliche Schulden mit Vollfarben und private Auslandsschulden schraffiert dargestellt.

Bei den öffentlichen Schulden werden drei Gläubigergruppen unterschieden, nämlich multilaterale öffentliche Gläubiger – das sind vor allem Entwicklungsbanken und der IWF -, bilaterale öffentliche Gläubiger – das sind andere Regierungen – und private Gläubiger.

Bei den beiden öffentlichen Gläubigerkategorien unterscheiden wir zudem nach konzessionären, also zinsgünstigen Krediten zu Entwicklungshilfebedingungen, und Krediten zu Marktbedingungen („nicht-konzessionäre“).

Bei den öffentlichen Schulden bei privaten Gläubigern unterscheiden wir die beiden Hauptinstrumente, nämlich Bankkredite und Anleihen. Diese beiden Instrumente unterscheiden wir auch bei den Auslandsschulden des Privatsektors.

Zwei Drittel von Argentiniens Auslandsschulden entfallen auf den Staat, und davon wiederum zwei Drittel auf Anleihegläubiger. Diese sind überwiegend Inhaber der Anleihen, die aus dem Schuldentausch von 2005 und 2010 resultieren. Die bilateralen Forderungen bestehen hauptsächlich gegenüber den Mitgliedern des Pariser Clubs, darunter 2,2 Milliarden US-Dollar gegenüber der Bundesregierung. Sie werden im Rahmen eines Rückzahlungsabkommens derzeit nach und nach beglichen. Schulden zu Entwicklungshilfebedingungen spielen praktisch keine Rolle.

Trend

Durch die Restrukturierungen der Anleiheschulden in der letzten Dekade sind Argentiniens Auslandsschulden spürbar reduziert worden. Seit Amtsantritt der konservativen Regierung von Präsident Macri Anfang 2016 hat sich die Verschuldung deutlich beschleunigt. Das spiegeln die oben angegeben Zahlen der Weltbank noch nicht wider. Die Auslandsschulden werden im April 2017 auf 210 Milliarden US-Dollar geschätzt. Allein im März 2017 wurden knapp 14 Milliarden US-Dollar bei Banken und Anleihezeichnern aufgenommen.

Bisherige Schuldenerleichterungen für Argentinien?

Argentinien war das Land, für dessen Schuldenprobleme 1956 erstmals die Gläubigerregierungen im französischen Finanzministerium zusammenkamen, woraus sich später das Gläubigerkartell des Pariser Clubs entwickelt hat. Drei Mal schuldete Argentinien im Club um, bevor 1982 die umfassende sogenannte „Schuldenkrise der Dritten Welt“ ihren Anfang nahm; danach noch sechs weitere Male. Keine der Verhandlungen implizierte Schuldenreduzierungen, stets wurden lediglich Zahlungsverpflichtungen in die Zukunft verschoben.

Seine Schulden gegenüber privaten Banken hat Argentinien in den 80er Jahren dreimal umgeschuldet.

Spektakulär erzwang die peronistische Regierungen unter Präsident Nestor Kirchner einen Umtausch seiner Verbindlichkeiten bei seinen Anleihegläubigern 2005 bei einem nominalen Wertverlust von rund 70 Prozent. Damit konnte das Land die Staatspleite von 2002 hinter sich lassen. 2010 wurde der eigentlich bereits abgeschlossene Schuldentausch noch einmal geöffnet, so dass sich insgesamt 93 Prozent der Anleihegläubiger daran beteiligten. Unter den verbliebenen 7 Prozent befanden sich allerdings einige Geierfonds, die im Jahr 2016 eine Bedienung ihrer Forderungen in voller Höhe zuzüglich Zinsen und Gebühren vor US-Gerichten durchsetzen konnten.

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

Argentiniens eigentlich relativ moderate Schulden sind durch die Öffnung des Landes nach fast zehn Jahren protektionistischer und die Kapitalmärkte stark regulierender Politik unter den peronistischen Präsident/innen Kirchner wiederum stark angestiegen. Da das vergleichsweise wohlhabende Land für Anleger mit relativ hohen Zinssätzen auf seine Staatsanleihen attraktiv ist, befürchten Beobachter vor Ort, dass Argentinien sich schon bald in einer ähnlichen Situation wie vor der Staatspleite von 2002 wiederfinden wird. In den Jahren, in denen vor allem der hohe Sojapreis Argentinien Wachstumsraten bis zu 8 Prozent eingebracht hatte, war es versäumt worden die Wirtschaft zu diversifizieren und in eine Modernisierung von Produktion und Infrastruktur zu investieren.

Politische Empfehlungen

Die Regierung unter Präsidentin Christina Kirchner hatte 2014 eine starke und positive Rolle in der G77-Initiave für die Schaffung eines Staateninsolvenzverfahrens in den Vereinten Nationen gespielt. Als Gastgeberin des G20-Gipfels 2018 wäre die argentinische Regierung in einer sehr guten Position, solche politischen Innovationen auch im Kreis der Industrie- und Schwellenländer weiter zu verfolgen.

Weiterführende Informationen und Materialien:

 

Stand: Mai 2017

 

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