Armenien

Hat Armenien ein Schuldenproblem?

Im Blick auf die Gesamtheit aller Indikatoren ist Armenien eines der am stärksten verschuldeten Länder der Erde. Die Tendenz zum Schuldenanstieg ist umfassend.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren (Stand 2016)

IndikatorAusprägungGrenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%)92,440
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)228,7150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen(%)34,115
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%)53,549
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%)250,2200
Auslandsschuldenstand (US-Dollar)9,953 Mrd..
Schuldendienst: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger (US-Dollar)1,483 Mrd.

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

 

Wer sind die Gläubiger von Armenien?

Erklärung der Schuldenkategorien

 Die gesamten Auslandsschulden eines Landes setzen sich aus den Schulden des öffentlichen Sektors und denen des Privatsektors zusammen. Im Diagramm sind öffentliche Schulden mit Vollfarben und private Auslandsschulden schraffiert dargestellt.

Bei den öffentlichen Schulden werden drei Gläubigergruppen unterschieden, nämlich multilaterale öffentliche Gläubiger – das sind vor allem Entwicklungsbanken und der IWF -, bilaterale öffentliche Gläubiger – das sind andere Regierungen – und private Gläubiger.

Bei den beiden öffentlichen Gläubigerkategorien unterscheiden wir zudem nach konzessionären, also zinsgünstigen Krediten zu Entwicklungshilfebedingungen, und Krediten zu Marktbedingungen („nicht-konzessionäre“).

Bei den öffentlichen Schulden bei privaten Gläubigern unterscheiden wir die beiden Hauptinstrumente, nämlich Bankkredite und Anleihen. Diese beiden Instrumente unterscheiden wir auch bei den Auslandsschulden des Privatsektors.

Etwas mehr als die Hälfte der armenischen Auslandsschulden entfällt auf den Staat, der Rest auf Schulden des Privatsektors bei ausländischen Banken. Zwei Drittel der Auslandsschulden des Staates bestehen gegenüber multilateralen Gläubigern zu konzessionären Bedingungen. Zusammen mit den ausschließlich konzessionären Schulden gegenüber bilateralen Entwicklungshilfegläubigern weist das Land einen für seine Einkommensklasse bemerkenswert hohen Anteil von Schulden zu günstigen Bedingungen (niedrige Zinsen, lange Laufzeiten, Freijahre) auf. Allerdings ist dieser Anteil von extreme hohen 40 Prozent vor zehn Jahren auf nunmehr rund 25 Prozent zurückgegangen.

Deutschland hält nach Angaben des Bundesfinanzministeriums 95 Millionen Euro an Forderungen aus der Entwicklungszusammenarbeit gegenüber Armenien. Armenische Quellen geben demgegenüber Schulden bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau in Höhe von 233,5 Millionen US-Dollar an. Mit Letzterem wäre Deutschland knapp nach Japan Armeniens zweitgrößter bilateraler Gläubiger.

Trend

Alle Schuldenindikatoren sind von 2012 bis 2016 um mindestens 10 Prozent angestiegen. In der noch jungen Geschichte des unabhängigen Armenien war 2009 ein Jahr, in dem die permanent ansteigende absolute und relative Schuldenbelastung einen großen Sprung nach oben gemacht hat. Von 2012 auf 2013 gab es eine bemerkenswerte Reduzierung der öffentlichen Entwicklungshilfeschulden, welche allerdings von einem gleich großen Anstieg der privaten Bankenschulden im Ausland aufgewogen wurde.

Bisherige Schuldenerleichterungen für Armenien

Weder mit seinen Privatgläubigern noch mit dem Pariser Club der öffentlichen Gläubiger hat Armenien bislang Schuldenerleichterungen ausgehandelt.

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

Zwei der Schuldenindikatoren Armeniens, nämlich die Auslandsschulden im Verhältnis zur gesamten Wirtschaftsleistung und der Auslandsschuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Hartwährungseinnahmen aus dem Export von Gütern und Dienstleistungen liegen bislang im höchsten kritischen Bereich. Noch bedenklicher aber ist die seit 2009 mit nur kurzen Unterbrechungen anhaltende Tendenz zum Anstieg aller Indikatoren.

Die Wirtschaftsleistung des Landes hat seit dem von der globalen Finanzkrise im Jahr 2009 ausgelösten Einbruch um mehr als 30 Prozent das Niveau des Jahres 2008 noch nicht wieder erreicht. Auch dadurch stieg die relative Belastung durch die anhaltend hohe Verschuldung beständig weiter an.

Offiziell existiert eine Schuldenobergrenze von 60 Prozent für die gesamten öffentlichen Schulden des Landes. Im Jahr 2017 hat Armenien sich dieser Grenze immer mehr angenähert, und es wir darüber gesprochen, die Grenze anzuheben, um im Falle einer Verschärfung des latenten Konflikts mit Aserbaidschan militärisch handlungsfähig zu sein. Ein mit ausländischen Krediten finanzierter Waffengang könnte allerdings das Ende für die Schuldentragfähigkeit bedeuten.

Politische Empfehlungen

Armenien sollte entgegen seiner Tradition Möglichkeiten für Schuldenerleichterungen prüfen und entsprechende internationale Initiativen unterstützen.

Da das Land sich auch für Schuldenumwandlungen unter der deutschen Umwandlungsfazilität qualifiziert, sollte es diese Möglichkeit nutzen, um Auslandsschulden in Investitionen in die Zukunft des Landes zu verwandeln.

 

Stand: April 2018

 

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