Bhutan

Hat Bhutan ein Schuldenproblem?

In Bhutan verschärft sich der Liquiditätsengpass und kann in nächster Zeit zu einer Solvenz- oder Schuldenkrise führen. Es ist eines der Länder bei denen hohe aktuelle Schuldenindikatoren und eine negative Schuldendynamik am dramatischsten zusammenfallen.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren (Stand 2015)

IndikatorAusprägungGrenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%)94,540
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)374,9150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)22,915
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%)96,249
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%)520,3200
Auslandsschuldenstand (US-Dollar)1,840 Mrd.
(2014)
Schuldendienst: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger (US-Dollar)82,792 Mio.
(2014)

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

Wer sind die Gläubiger von Bhutan?

Gläubigerprofil: Bhutan

Erklärung der Schuldenkategorien

 Die gesamten Auslandsschulden eines Landes setzen sich aus den Schulden des öffentlichen Sektors und denen des Privatsektors zusammen. Im Diagramm sind öffentliche Schulden mit Vollfarben und private Auslandsschulden schraffiert dargestellt.

Bei den öffentlichen Schulden werden drei Gläubigergruppen unterschieden, nämlich multilaterale öffentliche Gläubiger – das sind vor allem Entwicklungsbanken und der IWF -, bilaterale öffentliche Gläubiger – das sind andere Regierungen – und private Gläubiger.

Bei den beiden öffentlichen Gläubigerkategorien unterscheiden wir zudem nach konzessionären, also zinsgünstigen Krediten zu Entwicklungshilfebedingungen, und Krediten zu Marktbedingungen („nicht-konzessionäre“).

Bei den öffentlichen Schulden bei privaten Gläubigern unterscheiden wir die beiden Hauptinstrumente, nämlich Bankkredite und Anleihen. Diese beiden Instrumente unterscheiden wir auch bei den Auslandsschulden des Privatsektors.

Für ein Niedrigeinkommensland ist Bhutans Gläubigerprofil sehr ungewöhnlich: Während unter den multilateralen Gläubiger, wie zu erwarten, die zinsgünstigen (konzessionären) Schulden überwiegen, spielen diese bei den bilateralen Gläubigern nur eine marginale Rolle. Vielmehr beruht der größte Teil der Forderungen dieser wichtigsten Gläubigergruppe auf Handelsgeschäften zu Marktbedingungen.

Mit Abstand wichtigster Gläubiger ist die indische Regierung, die zu kommerziellen Bedingungen ein großes Wasserkraftprojekt finanziert hat. Weitere bilaterale öffentliche Gläubiger mit der gleichen Art der Finanzierung sind die Regierungen von Dänemark und Österreich.

Unter den multilateralen Gläubigern teilen sich vor allem die Asiatische Entwicklungsbank und die Weltbanktochter IDA (das „Weichkreditfenster“ der Weltbank) die Forderungen zu etwa gleichen Teilen.

Trend

Gegenüber 2014 sind die Indikatoren, die sich auf das Bruttonationaleinkommen bzw. das Bruttosozialprodukt beziehen, leicht gefallen. Dagegen hat es bei den Indikatoren, bei denen (öffentliche) Einnahmen bzw. Exporteinnahmen im Nenner stehen, teilweise starke Anstiege gegeben. Das spiegelt das noch immer anhaltende nominelle Wachstum der bhutanischen Volkswirtschaft bei gleichzeitig fallenden öffentlichen und Exporteinnahmen wider.

Bisherige Schuldenerleichterungen für Bhutan

Bhutan hat bisher weder gegenüber öffentlichen noch gegenüber bilateralen Gläubigern seine Schulden restrukturiert. Für die multilaterale Entschuldungsinitiative HIPC/MDRI wurde das Land untersucht, hat auf eine Beteiligung an der Initiative aber verzichtet.

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

Bhutans Schuldenindikatoren sind mit einer Ausnahme – Schuldendienst zu Exporteinnahmen, wo es Zu- und Abnahmen gegeben hat – seit 2010 durchweg angestiegen und haben mit der genannten Ausnahme sämtlich kritische Größenordnungen erreicht.

Trotzdem geht der IWF nur von einem „mittleren“ Überschuldungsrisiko aus; das heißt unter dem vom IWF erwarteten „Basisszenario“ werden bis 2020 keine Zahlungseinstellungen stattfinden. Dabei baut der IWF vor allem darauf, dass die Investitionen in den Ausbau der Wasserkraft sich durch den Stromverkauf selbst refinanzieren. Allerdings würden Abweichungen von den im Basisszenario getätigten optimistischen Annahmen zur Zahlungsunfähigkeit führen. Risiken stammen vor allem aus der großen Abhängigkeit von Indien (Stabilität der Rupie, eventuelle Verlangsamung des Wachstums dort) sowie aus der Fokussierung auf und dem weiteren Ausbau der Wasserkraft.

Politische Empfehlungen

Wegen der großen Abhängigkeit von wenigen großen Gebern (indische Regierung, Asiatische Entwicklungsbank, Weltbank), sollte die Regierung von Bhutan baldmöglichst eine vom Gläubiger Weltbank unabhängige Schuldentragfähigkeitsanalyse und Risikoeinschätzung in Auftrag geben. Auf dieser Grundlage sollte mit diesen drei Gläubigern die Option einer zwischenzeitlichen Einstellung des Schuldendienstes für den Krisenfall vereinbart werden, um Spielraum für eine Schuldenrestrukturierung zu schaffen.

 

Stand: Oktober 2016