Bolivien

Hat Bolivien ein Schuldenproblem?

Bolivien weist steigende, aber noch nicht die Zahlungsfähigkeit bedrohende Schuldenindikatoren auf. Zusammen mit der Krise des politischen Systems können die hohen Haushaltsdefizite bei weiterhin niedrigen Energiepreisen aber schnell zu einer kritischen Situation führen.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren (Stand 2016)

IndikatorAusprägungGrenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%)33,240
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)131,8150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)9,315
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%)43,449
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%)131,0200
Auslandsschuldenstand (US-Dollar)11,015 Mrd.
Schuldendienst: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger (US-Dollar)776,0 Mio.

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

Wer sind die Gläubiger von Bolivien?

Erklärung der Schuldenkategorien

 Die gesamten Auslandsschulden eines Landes setzen sich aus den Schulden des öffentlichen Sektors und denen des Privatsektors zusammen. Im Diagramm sind öffentliche Schulden mit Vollfarben und private Auslandsschulden schraffiert dargestellt.

Bei den öffentlichen Schulden werden drei Gläubigergruppen unterschieden, nämlich multilaterale öffentliche Gläubiger – das sind vor allem Entwicklungsbanken und der IWF -, bilaterale öffentliche Gläubiger – das sind andere Regierungen – und private Gläubiger.

Bei den beiden öffentlichen Gläubigerkategorien unterscheiden wir zudem nach konzessionären, also zinsgünstigen Krediten zu Entwicklungshilfebedingungen, und Krediten zu Marktbedingungen („nicht-konzessionäre“).

Bei den öffentlichen Schulden bei privaten Gläubigern unterscheiden wir die beiden Hauptinstrumente, nämlich Bankkredite und Anleihen. Diese beiden Instrumente unterscheiden wir auch bei den Auslandsschulden des Privatsektors.

Zwei Drittel der Auslandsschulden Boliviens bestehen von Seiten des Staates. Ein Drittel besteht aus Bankkrediten an private bolivianische Unternehmen.

Bolivien ist erst seit wenigen Jahren ein Mitteleinkommensland und damit auch nicht mehr für die zinsgünstigsten Kreditfenster seiner multilateralen Geber qualifiziert. Deswegen nimmt der Anteil der nicht-konzessionären Schulden bei den multilateralen Gläubigern langsam, aber beständig zu. Trotzdem ist der größte Teil der multilateralen Schulden noch immer zinsgünstig und vor allem mit langen Laufzeiten ausgestattet. Bilaterale Gläubiger haben bislang noch nicht (wieder) Kredite zu anderen Konditionen als Entwicklungshilfekonditionen bereitgestellt.

Trend

Absolut gesehen haben sich die Schulden Bolivien seit 2008 knapp verdoppelt. Seit 2010 verdoppelt hat sich auch die Indikatoren Auslandsschulden zu Exporteinnahmen sowie Auslandsschuldendienst zu Exporteinnahmen. Erstaunlicherweise ist die Verschuldung im Verhältnis zur gesamten Wirtschaftsleistung im gleichen Zeitraum stabil geblieben. Das deutet auf eine erfolgreiche Umorientierung der Wirtschaft auf den Binnenmarkt hin. Diese wurde allerdings auch um den Preis einer stark wachsenden inländischen Verschuldung des Staates erreicht. Wegen des in der gleichen Zeit noch starken Wachstums der Gesamtwirtschaft wurde allerdings trotz des starken Wachstums der Schulden nicht der kritische Grenzwert überschritten.

Bisherige Schuldenerleichterungen für Bolivien

Bolivien erreichte 2000 den Decision Point unter der multilateralen Entschuldungsinitiative für hoch verschuldete arme Länder (HIPC) und bald danach den Completion Point. Im Zuge von HIPC hatte eine besonders starke Jubileo-Bewegung zu einem der erfolgreichsten wirtschaftlichen Reformprogramme im Rahmen der Initiative geführt. Insbesondere die deutsche Entwicklungsministerin jener Zeit betrachtete Bolivien als eine der HIPC-Erfolgsgeschichten. Die HIPC-Obergrenze von 150 Prozent Schuldenstand zu jährlichen Exporteinnahmen wurde gleichwohl erst erreicht, als Bolivien auch in den Genuss der Streichung aller Altschulden bei der Internationalen Entwicklungsorganisation, dem Internationalen Währungsfonds und dem Weichkreditfenster der Interamerikanischen Entwicklungsbank, dem FSO, kam.

Im Pariser Club der westlichen Gläubigerregierungen hatte Bolivien zuvor zwischen 1986 und 1998 bereits sieben Mal zu unterschiedlichen Bedingungen umgeschuldet, ohne dass das Land dadurch einem tragfähigen Schuldenniveau wesentlich näher gekommen wäre.

Gegenüber seinen privaten Bank-Gläubigern konnte Bolivien 1988 und1996 zweimal Schulden in Höhe von insgesamt rund 650 Millionen US-Dollar mit einem Teilerlass umschulden.

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

Das allmähliche Auslaufen des stark konzessionären Schuldenprofils bei gleichzeitigem Anstieg der Weltmarktzinsen kann den Schuldendienst schnell in kritische Höhen treiben. Dieser war von seinem Höhepunkt 2014 bis 2016 wieder spürbar zurückgegangen, hatte sich zuvor allerdings seit 2011 mehr als verdoppelt.

Seit 2014 wächst die bolivianische Wirtschaft nur noch minimal, was nicht nur zu einem Anstieg der relativen Schuldenindikatoren führt, sondern auch zu beträchtlichen sozialen Problemen, da die Bevölkerung weiterhin wächst. Der Einbruch beim Wirtschaftswachstum ist in starkem Maße auf den gefallenen Rohölpreis auf dem Weltmarkt zurückzuführen, da an diesen auch der Preis für Boliviens Hauptexportgut Erdgas gekoppelt ist.

Damit wiederum zusammen hängen auch massive Probleme bei der Deckung der öffentlichen Haushalte: Wies Bolivien zwischen 2006 und 2013 noch Haushaltsüberschüsse zwischen 0,1 und 4,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf, ist der Staatshaushalt seither anhaltend im Defizit. Für 2017 erwartet Jubileo Bolivia ein Minus von 7,8 Prozent und für 2018 von 8,3 Prozent. Das fiskalische Defizit wiederum engt den Handlungsspielraum der ursprünglich progressiven Regierung des Präsidenten Morales weiter ein, da er die für den weiteren Machterhalt angestrebte Loyalität der Bevölkerung durch eine großzügige, aber wenig nachhaltige Verteilung der Überschüsse aus dem Gasexport erkauft hatte.

Politische Empfehlungen

Eine Wiederherstellung der fiskalischen Handlungsfähigkeit Boliviens durch eine Reduzierung der Schuldendienstzahlungen an ausländische Gläubiger würde so lange keine positive Wirkung zeigen, wie die frei werdenden Mittel im Sinne des unter Morales eingeschliffenen klientelistischen Systems einfach konsumtiv verwendet würden.

Weiterführende Informationen und Materialien:

Präsentation: Länderinfo Bolivien – von Geld und Schulden (2014)

Video: „Staatsverschuldung in Bolivien – Patricia Miranda“

 

Stand: Mai 2018