Jordanien

Hat Jordanien ein Schuldenproblem?

In den letzten Jahren hat sich die Schuldensituation Jordaniens deutlich zugespitzt. Es ist zweifelhaft, ob das Land in der Lage sein wird, sich ohne Schuldenerleichterungen aus dieser Situation wieder zu befreien.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren (Stand 2016)

IndikatorWertGrenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%)70,740
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)189,6150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)17,215
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%)95,150
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%)372,0200
Auslandsschuldenstand (US-Dollar)27,126 Mrd.
Schuldendienst: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger (US-Dollar)2,464 Mrd.

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

Wer sind die Gläubiger von Jordanien?

Erklärung der Schuldenkategorien

 Die gesamten Auslandsschulden eines Landes setzen sich aus den Schulden des öffentlichen Sektors und denen des Privatsektors zusammen. Im Diagramm sind öffentliche Schulden mit Vollfarben und private Auslandsschulden schraffiert dargestellt.

Bei den öffentlichen Schulden werden drei Gläubigergruppen unterschieden, nämlich multilaterale öffentliche Gläubiger – das sind vor allem Entwicklungsbanken und der IWF -, bilaterale öffentliche Gläubiger – das sind andere Regierungen – und private Gläubiger.

Bei den beiden öffentlichen Gläubigerkategorien unterscheiden wir zudem nach konzessionären, also zinsgünstigen Krediten zu Entwicklungshilfebedingungen, und Krediten zu Marktbedingungen („nicht-konzessionäre“).

Bei den öffentlichen Schulden bei privaten Gläubigern unterscheiden wir die beiden Hauptinstrumente, nämlich Bankkredite und Anleihen. Diese beiden Instrumente unterscheiden wir auch bei den Auslandsschulden des Privatsektors.

Jordaniens Auslandsschulden bestehen zu vier Fünfteln von Seiten des Staates. Von dessen Schulden entfällt etwa eine Hälfte auf private, die andere auf öffentliche Gläubiger. Die privaten Forderungen bestehen fast ausschließlich von Seiten der Inhaber öffentlicher Anleihen. Öffentliche Gläubiger sind überwiegend Entwicklungshilfegeber, und zwar sowohl bilaterale als auch multilaterale. Unter den bilateralen Gläubigern überwiegen die traditionellen Geber im Pariser Club.

Deutschland hatte am 31. Dezember 2016 Forderungen an Jordanien in Höhe von 261 Millionen Euro, die ausschließlich aus der Entwicklungszusammenarbeit stammen.

Trend

Vier von fünf Schuldenindikatoren haben sich zwischen 2012 und 2016 um mindestens 10 Prozent verschlechtert. Dabei sind die dramatischen Entwicklungen infolge der vom Syrienkrieg ausgelösten Migrationsbewegungen und der Kosten zu ihrer Bewältigung noch nicht vollständig abgebildet.

Bisherige Schuldenerleichterungen für Jordanien

Jordanien hat zwischen 1994 und 2002 viermal im Pariser Club unter den so genannten Houston Terms für Länder mit niedrigem mittlerem Einkommen umgeschuldet. Dabei wurden Zahlungsverpflichtungen in Höhe von insgesamt 3,4 Milliarden US-Dollar ohne Erlasselement in die Zukunft verschoben und zum ursprünglichen Satz verzinst. Houston Terms ermöglichen unter anderem die Umwandlung von Schulden für Entwicklungsvorhaben. Deutschland hat davon zwischen 1995 und 2007 mit insgesamt zehn Schuldenumwandlungen in Höhe von zusammen rund 235 Millionen Euro am ausführlichsten Gebrauch gemacht .

Vor den Vereinbarungen unter Houston Terms hatte das Land bereits zweimal unter Classic Terms, das heißt ohne jegliches Erlasselement und zum Teil mit Strafzinsen umgeschuldet.

1993 vereinbarte Jordanien eine Umschuldung in Höhe von1,3 Milliarden US-Dollar mit den privaten Banken im so genannten Londoner Club.

Für multilaterale Schuldenerlasse im Rahmen der HIPC-Initiative (Entschuldungsinitiative für hoch verschuldete arme Länder) ist Jordanien nicht qualifiziert.

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

Seit Ausbruch der globalen Finanzkrise sind Jordaniens Schulden im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung von zunächst noch moderaten Größenordnungen beständig angestiegen. Aktuell liegen sowohl die gesamten öffentlichen Schulden im Inland und im Ausland als auch die gesamten privaten und öffentlichen Auslandsschulden durchweg in kritischen Größenordnungen.

Im Jahr 2017 hat der Internationale Währungsfonds (IWF) versucht, die Situation mit der üblichen Mischung aus Zwischenfinanzierung und Austerität zu entschärfen. Bewirkt wurde das Gegenteil. Im Mai und Juni 2018 musste die Regierung nach regelrechten Brotunruhen die mit dem IWF vereinbarten Steuererhöhungen zurücknehmen, die Regierung trat zurück und wurde vom König durch ein neues Kabinett ersetzt.

Jordanien hat mehr Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien aufgenommen als jedes andere Land, ohne dafür eine proportionale internationale Unterstützung zu erfahren. Es spricht für die politische Kultur des Landes, dass daraus (noch) keine etwa der deutschen Situation vergleichbare xenophob-chauvinistische Bewegung entstanden ist.

Politische Empfehlungen

Jordanien hat angesichts seiner zentralen Rolle bei der Bewältigung der Flüchtlingssituation im Zusammenhang mit dem Syrienkrieg eine starke Position, um Forderungen an seine Gläubiger zu richten. Keiner der bedeutenden Gläubiger im Pariser Club noch die multilateralen Finanzinstitutionen können ein Interesse an einer weiteren ökonomischen Destabilisierung des Landes haben. Dabei hat die Bevölkerung deutlich gemacht, dass sie nicht unbegrenzt bereit ist, die Kosten für die Bewältigung der Krise zu tragen.

Vor diesem Hintergrund sollte die Regierung den Spielraum nutzen, um die Gläubiger zu substanziellen Schuldenerleichterungen zu drängen. Solche geopolitisch motivierten Schuldenerlasse hat es von Ägypten 1991 bis Irak 2004 gerade in dieser Region auch früher schon gegeben.

 

Stand: Juni 2018