Mauretanien

Hat Mauretanien ein Schuldenproblem?

Alle Indikatoren liegen mindestens über der untersten kritischen Schwelle. Die meisten liegen auch über dem höchsten der drei kritischen Grenzwerte. Wie erlassjahr.de schätzt auch der IWF Mauretaniens Überschuldungsrisiko als hoch ein.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren (Stand 2015)

IndikatorAusprägungGrenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%)103,240
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)  254,6150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)15,615
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%)93,349
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%)269,1200
Auslandsschuldenstand (US-Dollar)43,25 Mrd.
Schuldendienst: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger (US-Dollar)216 Mio.

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

Wer sind die Gläubiger von Mauretanien?

MTN Gläubigerprofil 2016-11

Erklärung der Schuldenkategorien

 Die gesamten Auslandsschulden eines Landes setzen sich aus den Schulden des öffentlichen Sektors und denen des Privatsektors zusammen. Im Diagramm sind öffentliche Schulden mit Vollfarben und private Auslandsschulden schraffiert dargestellt.

Bei den öffentlichen Schulden werden drei Gläubigergruppen unterschieden, nämlich multilaterale öffentliche Gläubiger – das sind vor allem Entwicklungsbanken und der IWF -, bilaterale öffentliche Gläubiger – das sind andere Regierungen – und private Gläubiger.

Bei den beiden öffentlichen Gläubigerkategorien unterscheiden wir zudem nach konzessionären, also zinsgünstigen Krediten zu Entwicklungshilfebedingungen, und Krediten zu Marktbedingungen („nicht-konzessionäre“).

Bei den öffentlichen Schulden bei privaten Gläubigern unterscheiden wir die beiden Hauptinstrumente, nämlich Bankkredite und Anleihen. Diese beiden Instrumente unterscheiden wir auch bei den Auslandsschulden des Privatsektors.

Mauretanien hat keine Schulden bei privaten ausländischen Gläubigern, allerdings einen für ein Niedrigeinkommensland relativ hohen Anteil an Schulden zu Marktbedingungen sowohl bei bilateralen Gläubigern (anderen Regierungen) wie auch bei den multilateralen Gläubigern (internationalen Finanzinstitutionen).

Ein besonderer Fall sind die vom IWF so genannten „passiven“ Schulden in Höhe von geschätzten 977 Millionen US-Dollar oder 21,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Dies sind Schulden bei der Kuwait Investment Agency (KIA) aus der Vor-HIPC-Zeit. Die KIA ist der Sovereign Wealth Fund des Scheichtums, in den ein großer Teil der Öleinnahmen fließt und der rund um den Globus zumeist in Privatunternehmen investiert. Diese Schulden hätten nach den Regularien der HIPC-Initiative zu mindestens 90 Prozent gestrichen werden sollen – wurden es aber nicht. Allerdings wird darauf auch „seit Jahrzehnten“ kein Schuldendienst geleistet. Insofern stellen sie auch keine Belastung für die öffentlichen Finanzen dar. Sie könnten aber unter zwei Szenarien zu einer werden:

  • Wie unter HIPC vorgesehen, könnte es zu einer Vereinbarung über die Streichung der dafür vorgesehenen 90 Prozent kommen. Dann würden rund 100 Millionen US-Dollar als dann harte und nicht mehr ignorierbare Schuld weiterbestehen. Der IWF geht in seiner jüngsten Schuldentragfähigkeitsanalyse von 2016 davon aus, dass diese Schulden noch im Jahr 2016 in einer einmaligen Operation komplett gestrichen werden und dadurch die Schulden auf 77 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zurückgehen. Dies entspräche weder den HIPC-Regeln, die eine vollständige Streichung nur auf freiwilliger Basis vorsehen, noch der bisherigen Umsetzung von HIPC durch Kuwait entspricht. Seltsamerweise weist der letzte Umsetzungsbericht zur HIPC-Initiative nur Forderungen an Mauretanien in Höhe von 36 Millionen US-Dollar (Barwert) aus.
  • Kuwait könnte sich unter dem Druck aktuell niedriger Ölpreis dazu entschließen, die schwer eintreibbare Forderung an Mauretanien an einen Geierfonds zu verkaufen. Da Mauretanien von einem ungestörten Zahlungsverkehr mit den ausländischen Käufern seines Eisenerzes abhängig ist, wäre es durch eventuelle Klagen vor europäischen Gerichten extrem verwundbar, wenn es den Klägern gelänge, Zugriff auf die Erlöse aus dem Erzverkauf zu bekommen.

Trend

Bis auf die öffentlichen Schulden im Verhältnis zu den Staatseinnahmen, wo es eine leichtere Verbesserung gegenüber 2014 gegeben hat, haben sich alle Indikatoren gegenüber dem Vorjahr – teils dramatisch – verschlechtert.

Bisherige Schuldenerleichterungen für Mauretanien

Mauretanien hat 1996 zum ersten und einzigen Mal im Londoner Club seine Schulden gegenüber privaten ausländischen Banken geregelt.

Mit dem Pariser Club wurden acht Vereinbarungen getroffen von den ersten beiden Umschuldungen ohne Erlasselement unter Classic Terms bis zu der HIPC-Exit-Umschuldung 2002 (1985 und 1986 Classic), 1987 (Ad Hoc), 1989 (Toronto), 1993 (London), 1995 (Naples), 2000 (Cologne), 2002 (HIPC-Exit))

Der HIPC-Decision Point wurde im Zuge des so genannten Millennium Rush kurz vor Ablauf des Jahres 2000 erreicht. Am Completion Point 2002 wurde er umgesetzt.

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

Mauretanien ist extrem abhängig vom Weltmarktpreis für Eisenerz und in geringerem Maße auch Kupfer. Ersterer ist von 2012 bis 2015 auf weniger als die Hälfte gefallen, letzterer um gut ein Drittel. Die Vorhersagen für beide Produkte lauten auf einen weiteren Preisverfall.

Politische Empfehlungen

Mauretanien gehört zu denjenigen Post-Completion-Point-HIPCs für die neue Umschuldungsmöglichkeiten am dringlichsten notwendig sind. Das könnte in Form eines neuen globalen Entschuldungsverfahrens (Staateninsolvenzverfahren) oder in Form einer Entschuldungsoption für Staaten, die in besonderer Weise vom Rohstoffexport abhängig sind, bestehen. So wie IWF und Weltbank für Staaten in spezifischen Stress-Situation zeitweilige Finanzierungsfazilitäten zur Verfügung stellen könnte Entschuldung als eine Option für den Schutz derart abhängiger Ökonomien vor einem Zusammenbruch von Staat und Gesellschaft geschaffen werden.

 

Stand: November 2016

 

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