Nicaragua

Hat Nicaragua ein Schuldenproblem?

Nicaraguas öffentliche Schulden sind bis Ende 2015 nicht wieder in einen kritischen Bereich geraten, nachdem das Land unter der multilateralen HIPC/MDRI-Initiative fast 90 Prozent seiner damaligen Auslandsschulden nach und nach erlassen bekommen hat.

Stark gewachsen sind indes die gesamten Auslandsschulden, vor allem die Schulden des nicaraguanischen Privatsektors, die Ende 2015 mehr als 5 Milliarden US-Dollar betrugen. Hier ist ein dramatisches Wachstum zulasten der formell privaten Kanalbaugesellschaft HKND zu erwarten, die den größten Teil der geschätzten 50 Milliarden US-Dollar Baukosten für den geplanten interozeanischen Kanal im Ausland aufnehmen muss.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren (Stand 2015)

IndikatorAusprägungGrenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%)84,940
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)218,4150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)17,515
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%)28,449
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%)122,3200
Auslandsschuldenstand (US-Dollar)10,49 Mrd.
Schuldendienst: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger (US-Dollar)840,3 Mio.

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

Wer sind die Gläubiger von Nicaragua?

Erklärung der Schuldenkategorien
Die gesamten Auslandsschulden eines Landes setzen sich aus den Schulden des öffentlichen Sektors und denen des Privatsektors zusammen. Im Diagramm sind öffentliche Schulden mit Vollfarben und private Auslandsschulden schraffiert dargestellt.

Bei den öffentlichen Schulden werden drei Gläubigergruppen unterschieden, nämlich multilaterale öffentliche Gläubiger – das sind vor allem Entwicklungsbanken und der IWF -, bilaterale öffentliche Gläubiger – das sind andere Regierungen – und private Gläubiger.

Bei den beiden öffentlichen Gläubigerkategorien unterscheiden wir zudem nach konzessionären, also zinsgünstigen Krediten zu Entwicklungshilfebedingungen, und Krediten zu Marktbedingungen („nicht-konzessionäre“).

Bei den öffentlichen Schulden bei privaten Gläubigern unterscheiden wir die beiden Hauptinstrumente, nämlich Bankkredite und Anleihen. Diese beiden Instrumente unterscheiden wir auch bei den Auslandsschulden des Privatsektors.

Nicaraguas Auslandsschulden entfallen zu mehr als die Hälfte auf die Schulden privater nicaraguanischer Unternehmen, Banken und Privatleute bei privaten ausländischen Gläubigern. Dieser Schuldenberg hat sich seit 2007 verachtfacht und geht vor allem auf große Infrastrukturinvestitionen zurück.

Die rund 40 Prozent der gesamten Auslandsschulden, die auf den öffentlichen Sektor entfallen, sind überwiegend zu konzessionären Bedingungen aufgenommen worden, wodurch sie eine relativ geringe Belastung der Zahlungsbilanz des Landes darstellen: Nur rund ein Siebtel aller Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger entfallen auf öffentliche Kassen.

Deutschland hält nach der Streichung von mehr als einer halben Milliarde US-Dollar Ex-DDR-Forderungen im Rahmen der HIPC-Initiative nur noch bescheidene FZ-Forderungen in Höhe von 17 Millionen Euro.

Trend

Seit 2008 haben sich Nicaraguas gesamte Auslandsschulden mehr als verdoppelt, wobei der öffentliche Anteil geringer gewachsen ist als der private. Die Schuldenindikatoren, das heißt die verschiedenen Quotienten aus Schulden beziehungsweise Schuldendienst und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit, die jeweils in der obigen Tabelle beschrieben werden, sind deshalb überwiegend konstant geblieben. Dies liegt daran, dass Nicaragua in den letzten fünf Jahren im Schnitt respektable Wachstumsraten zu verzeichnen hatte.

Dies könnte sich ändern, wenn in Zukunft Kreditaufnahmen für den interozeanischen Kanal die Leistungsbilanz belasten.

Bisherige Schuldenerleichterungen für Nicaragua

Nicaragua hat seit der Abwahl der Revolutionsregierung 1990 sechsmal mit seinen öffentlichen bilateralen Gläubigern im Pariser Club verhandelt. Dabei wurden jedes mal überwiegend die gleichen aus der Revolutionszeit bestehenden Altschulden bei westlichen und östlichen Gläubigern teilreduziert, bis 2004 endlich eine nahezu vollständige Streichung der Altschulden erreicht wurde. Abgesehen von den dabei nicht erlassenen Altschulden (siehe unten) zahlt das Land seither pünktlich an seine Gläubiger.

Private Gläubiger erhielten im Rahmen eines Schuldenrückkaufs unter der Debt Reduction Facility der Weltbank rund 4 Cents auf jeden Dollar ihrer Altforderungen. Eine vergleichbare Regelung kam über einen trilateralen Swap zugunsten des nicaraguanischen Erziehungswesen auch im Hinblick auf die Altschulden bei Guatemala zustande, als Spanien aus Entwicklungshilfemitteln diese Forderungen aufkaufte und zugunsten von Investitionen in das nicaraguanische Erziehungssystem erließ.

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

Von den Schulden gegenüber öffentlichen ausländischen Gläubigern werden in den Büchern seit mehr als zehn Jahren 456 Millionen US-Dollar geführt, die im Wesentlichen von Costa Rica und Honduras gehalten werden. Diese Schulden gehen auf die Zeit des Bürgerkriegs in den achtziger Jahren zurück und hätten eigentlich unter der HIPC-Initiative erlassen werden sollen. Die beiden Gläubigerländer haben das aber nicht umgesetzt. Zinsen wurden offiziell seither nicht angerechnet, werden aber, wenn es zu einer Regelung kommt, sicher in Anrechnung gebracht werden, so dass die effektiv ausstehende Schuld dann deutlich höher ausfallen wird.

Politische Empfehlungen

Nicaragua begibt sich mit der Finanzierung des interozeanischen Kanals auch fiskalisch und wirtschaftlich auf einen sehr gefährlichen Pfad. Jede Störung bei der Umsetzung kann allein wegen der Dimensionen des Projektes das Land an den Rand seiner wirtschaftlichen Handlungsfähigkeit bringen. Die aktuelle Intransparenz im Blick auf das Projekt macht eine genauere Abschätzung der Risiken schwer. Solche Intransparenz hat in einem vergleichbaren Fall gerade zur Zahlungseinstellung eines anderen Ex-HIPC geführt, mit dessen (Schulden-)Geschichte Nicaragua viel gemeinsam hat, nämlich Mosambik.

Die nicaraguanische Regierung sollte überdies eine Lösung des Altschuldenproblems gegenüber Honduras und Costa Rica anstreben. Ein Verkauf von deren Forderungen an einen Geierfonds wie zum Beispiel den gegenüber Argentinien zuletzt erfolgreichen Fonds NML Capital könnte zu absurden Zahlungsverpflichtungen oder zu einer empfindlichen Störungen der Beziehungen zu ausländischen Geschäftspartnern führen.

 

 Stand: März 2017

 

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