Serbien

Hat Serbien ein Schuldenproblem?

Serbien weist uneinheitliche, aber punktuell kritische Schuldenindikatoren auf. Eine unmittelbare Zahlungseinstellung ist nicht zu befürchten, aber generell sind sowohl die Auslandsschulden als auch die gesamten öffentlichen Schulden im Verhältnis zur gesamten Wirtschaftsleistung höher als mittelfristig tragbar ist.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren (Stand 2016)

IndikatorAusprägungGrenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%)83,240
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)149,1150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)3015
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%)74,149
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%)175200
Auslandsschuldenstand (US-Dollar)29,599 Mrd.
Schuldendienst: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger (US-Dollar)5,959 Mrd.

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

Wer sind die Gläubiger von Serbien?


Erklärung der Schuldenkategorien

 Die gesamten Auslandsschulden eines Landes setzen sich aus den Schulden des öffentlichen Sektors und denen des Privatsektors zusammen. Im Diagramm sind öffentliche Schulden mit Vollfarben und private Auslandsschulden schraffiert dargestellt.

Bei den öffentlichen Schulden werden drei Gläubigergruppen unterschieden, nämlich multilaterale öffentliche Gläubiger – das sind vor allem Entwicklungsbanken und der IWF -, bilaterale öffentliche Gläubiger – das sind andere Regierungen – und private Gläubiger.

Bei den beiden öffentlichen Gläubigerkategorien unterscheiden wir zudem nach konzessionären, also zinsgünstigen Krediten zu Entwicklungshilfebedingungen, und Krediten zu Marktbedingungen („nicht-konzessionäre“).

Bei den öffentlichen Schulden bei privaten Gläubigern unterscheiden wir die beiden Hauptinstrumente, nämlich Bankkredite und Anleihen. Diese beiden Instrumente unterscheiden wir auch bei den Auslandsschulden des Privatsektors.

Rund 40 Prozent der Auslandsschulden entfallen auf den serbischen Privatsektor (Banken, Unternehmen und Privatpersonen), die übrigen 60 Prozent auf den serbischen Staat.

Nimmt man beide Gläubigerkategorien zusammen, bestehen zwei Drittel aller Auslandsschulden gegenüber privaten ausländischen Gläubigern, im Normalfall zu Marktkonditionen. Dabei sind private serbische Kreditnehmer hauptsächlich bei Banken verschuldet, während der Staat Kapital von privaten ausländischen Geldgebern über die Ausgabe von Staatsanleihen eingesammelt hat. Das übrige Drittel besteht etwa im Verhältnis von 2:1 gegenüber multilateralen und bilateralen öffentlichen Gläubigern. Dabei wurden die multilateralen Kredite überwiegend zu Marktkonditionen und die bilateralen als Entwicklungszusammenarbeit zu vergünstigten Bedingungen eingenommen.

Mit der Ausgabe neuer Eurobonds nach Ende 2016 sind die Anleiheschulden über die obigen Angaben hinaus deutlich angestiegen – inzwischen auf 4,5 Milliarden US-Dollar.

Die wichtigsten bilateralen Gläubiger sind die Mitglieder des Pariser Clubs mit aktuell ausstehenden 1,4 Milliarden US-Dollar. Deutschland hielt dabei Ende 2016 mit 177 Mio. € den größten Teil aller serbischen Schulden aus der Entwicklungszusammenarbeit, während es mit 167 Millionen Euro von nur einen geringen Teil der gesamten Handelsforderungen hielt. Außerhalb des Clubs sind aktuell Abu Dhabi und die VR China die wichtigsten Gläubiger.

Trend

Die serbischen Auslandsschulden haben sich in den letzten Jahren spürbar stabilisiert, während die gesamte Volkswirtschaft des Landes um fast 20 Prozent eingebrochen ist. Dadurch ergeben sich die starken Anstiege sowohl der öffentlichen wie der Auslandsschuldenindikatoren.

Bisherige Schuldenerleichterungen für Serbien

Im November 2001 erreichte Serbien – als Rechtsnachfolgerin der Bundesrepublik Jugoslawien – eine bemerkenswert großzügige Regelung seiner Altschulden mit dem Pariser Club. Es wurden etwas weniger als zwei Drittel der Altschulden erlassen und das verbliebene Drittel langfristig umgeschuldet.

Bemerkenswert war, dass das europäische Mitteleinkommensland damit de facto Umschuldungsbedingungen erhielt, die nach den Regeln des Clubs eigentlich Niedrigeinkommensländern vorbehalten waren, die so genannten Naples Terms. Der Club machte sich sogar die Mühe, die Schuldenstreichung wenige Prozentpunkte unter den formalen zwei Dritteln, nämlich bei 63,4 Prozent anzusiedeln, damit nicht behauptet werden könnte, Jugoslawien werden wie eines der ärmsten Länder behandelt. Das aktive Interesse der Europäer an einer Sonderbehandlung des Krisenherdes auf dem Balkan war gleichwohl unübersehbar. Darin war Serbien ein früher Vorläufer der von Europa betriebene Schuldenregelung Griechenlands zehn Jahre später.

2004 folgte der Privatsektor mit einer vergleichbaren Regelung seiner damals ausstehenden Forderungen in Höhe von 2,4 Milliarden US-Dollar.

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

Es ist seit 2014 gelungen, die wichtigsten Auslandsschuldenindikatoren zu stabilisieren. Dies gelang auch dadurch, dass neue Kreditgeber jenseits der traditionellen Geber im Pariser Club gewonnen werden konnten, prominent darunter Abu Dhabi. Mögliche künftige Umschuldungen werden dadurch nicht einfacher.

Politische Empfehlungen

Die Rolle, welche Konditionalitäten des Internationalen Währungsfonds (IWF) von den späten achtziger Jahren bis heute bei der Abwicklung des jugoslawischen Modells und der Umgestaltung der einzelnen Volkswirtschaften gespielt haben, ist weit gehend unaufgearbeitet. Aus der damaligen Anwendung orthodoxer IWF-Rezepte resultiert heute eine gegenüber dem Ausland stark abhängige offene Volkswirtschaft, welche auch für Störungen höchst anfällig ist. Eine Vertiefung dieses Modells könnte in der Zukunft zur Verbindung von Austerität mit einer weiter wachsenden Verschuldung führen.

 

Stand: März 2018