Sierra Leone

Hat Sierra Leone ein Schuldenproblem?

Aktuell liegen nur die öffentlichen Schulden im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (deutlich) über dem Grenzwert. Alle anderen Indikatoren liegen darunter, weisen allerdings seit 2014 eine durch externe Schocks bedingte stark steigende Tendenz auf.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren (Stand 2015)

IndikatorAusprägungGrenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%)31,640
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)117,0150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)11,015
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%)43,849
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%)309,9200
Auslandsschuldenstand (US-Dollar)1,24 Mrd.
(2014)
Schuldendienst: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger (US-Dollar)17,4 Mio.
(2014)

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

Es gibt keine Auslandsschulden privater Unternehmen oder natürlicher Personen aus Sierra Leone bei öffentlichen Gläubigern, d.h. alle Auslandsschulden sind auch öffentliche Schulden.

Wer sind die Gläubiger von Sierra Leone?

SLE Gläubigerprofil 2016-11

Erklärung der Schuldenkategorien

 Die gesamten Auslandsschulden eines Landes setzen sich aus den Schulden des öffentlichen Sektors und denen des Privatsektors zusammen. Im Diagramm sind öffentliche Schulden mit Vollfarben und private Auslandsschulden schraffiert dargestellt.

Bei den öffentlichen Schulden werden drei Gläubigergruppen unterschieden, nämlich multilaterale öffentliche Gläubiger – das sind vor allem Entwicklungsbanken und der IWF -, bilaterale öffentliche Gläubiger – das sind andere Regierungen – und private Gläubiger.

Bei den beiden öffentlichen Gläubigerkategorien unterscheiden wir zudem nach konzessionären, also zinsgünstigen Krediten zu Entwicklungshilfebedingungen, und Krediten zu Marktbedingungen („nicht-konzessionäre“).

Bei den öffentlichen Schulden bei privaten Gläubigern unterscheiden wir die beiden Hauptinstrumente, nämlich Bankkredite und Anleihen. Diese beiden Instrumente unterscheiden wir auch bei den Auslandsschulden des Privatsektors.

Sierra Leone weist ein aus zwei Komponenten bestehendes Gläubigerprofil auf: Drei Viertel der Auslandsschulden bestehen gegenüber öffentlichen Gläubigern, davon wiederum rund drei Viertel gegenüber multilateralen Finanzinstitutionen, prominent IDA und der Afrikanische Entwicklungsfonds AfDF. Diese Kredite wurden langfristig und zinsgünstig aufgenommen, d.h. sie stellen eine relativ geringe Belastung der öffentlichen Finanzen dar.

Das verbleibende Viertel der gesamten Auslandsschulden besteht gegenüber privaten Gläubigern und zwar in Form klassischer Bankkredite. Bis 2014 leistete Sierra Leone auf diese Forderungen keinen Schuldendienst. Es handelt sich um private Kredite aus der Zeit des Bürgerkriegs, die nach den Regularien der HIPC/MDRI-Initiative weitgehend gestrichen werden müssten.

Trend

Bis 2014 entwickelte sich die Auslandsverschuldung des Landes relativ stabil. 2015 führten zwei externe Schocks dann aber zu einem spürbaren Anstieg: Die Ebola-Seuche und der Fall des Eisenerzpreises auf etwa die Hälfte des Wertes von 2014. Daraufhin brach die Produktion von 19,8 Millionen Tonnen in 2014 auf 0,8 Millionen Tonnen ein. Die Einnahmen aus dem Eisenerzverkauf gingen von 742 Millionen US-Dollar auf 78 Millionen US-Dollar zurück. Die gesamten Exporteinnahmen des Landes fielen um mehr als die Hälfte. Entsprechend stiegen die Indikatoren, die sie auf Exporteinnahmen beziehen, deutlich an – ohne allerdings die unterste kritische Schwelle bereits zu überschreiten. Das könnte in den nächsten Jahren geschehen. Der IWF geht von anhaltend niedrigen Preisen für das Hauptexportgut Eisenerz aus.

Bisherige Schuldenerleichterungen für Sierra Leone

Sierra Leone erreichte den Decision Point unter der multilateralen HIPC-Initiative 2002; umgesetzt wurde der dann beschlossene Erlass am Completion Point 2006

Sierra Leone gehört zu den Spitzenreitern, was Umschuldungen im Pariser Club der öffentlichen bilateralen Gläubiger betrifft: 1977, 1980, 1984 und 1986 wurde jeweils ohne Erlasselement unter den so genannten Classic Terms umgeschuldet. 1992, 1994 wurden unter London Terms begrenzte Erleichterungen bei den laufenden Zahlungen gewährt. Diese wurde 1996 unter Naples Terms erweitert und 2001 wurde unter den gleichen Bedingungen auch ein Teilerlass des gesamten bilateralen öffentlichen Schuldenstandes gewährt. 2002 schließlich wurden 90 Prozent der noch bestehenden bilateralen Forderungen unter Cologne Terms, und 2007 endlich (fast ) alle noch verbliebenen Forderungen dieser Gläubiger Gruppe (HIPC-Exit) gestrichen.

Eine Londoner Club Umschuldung gegenüber den privaten Banken gab es 1995. Sie hat allerdings heute keine Bedeutung mehr.

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

Der IWF schätzt die Überschuldungsgefahr als „mittel“ ein. Das heißt: Er geht davon aus, dass unter seinem Baseline-Szenario die wesentlichen Indikatoren unter den vom IWF großzügiger als von erlassjahr.de definierten kritischen Grenzwerten bleiben – bzw. diese nur kurzzeitig überschreiten. Nur unter Schockszenarien steigen die Indikatoren dauerhaft in den kritischen Bereich.

Eine solche positive Einschätzung gelingt nur unter optimistischen Annahmen, wie der, dass nach dem Einbruch der Wirtschaft 2015 um 21,1 Prozent schon ab 2016 wieder ein stabiles jährliches Wachstum in der Größenordnung von 4 Prozent erzielt wird. Politische Stabilität, das Ausbleiben einer erneuten Ebola-Epidemie, ein zumindest nicht substanziell weiter fallender Preis für Eisenerz infolge einer Stabilisierung der globalen Nachfrage sowie eine erfolgreiche Diversifizierung der Wirtschaft sind alles andere als sicher gegebene Voraussetzungen für eine so erfolgreiche Entwicklung.

Ein zusätzliches Risiko könnte entstehen, wenn Inhaber der privaten Altforderungen diese an aggressive Geierfonds verkaufen, die dann auf volle Begleichung einschließlich der erheblichen aufgelaufenen Zinsen und Zinseszinsen zu klagen – und Zugriff auf die Einnahmen aus dem Eisenerzexport gewinnen.

Politische Empfehlungen

Der IWF empfiehlt eine vorsichtige und auf populistische Wohltaten verzichtende Fiskalpolitik. Wie das in dem nach wie vor unsicheren politischen Umfeld des Landes nicht einmal zehn Jahre nach dem Ende des Bürgerkrieges gelingen soll, verrät er nicht.

Im Sinne neuerer Papiere von Wissenschaftlern aus dem IWF sollten die Behörden des Landes sich darauf vorbereiten, nötigenfalls eine präventive Umschuldung vor Eintreten der Staatsinsolvenz anzustreben. Dazu könnten sie den Schulterschluss mit anderen ähnlich dramatisch vom Verfall der Rohstoffpreise betroffener Länder suchen.

 

Stand: November 2016

 

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