“Augen am Hinterkopf”

Jürgen Kaiser, erlassjahr.de
15. April 2015

Am Montag ist ein großer Schriftsteller gestorben, dessen Werk uns bei erlassjahr.de mehr beeinflusst hat, als uns selbst manchmal bewusst gewesen ist. Der Uruguayer Eduardo Galeano hat nicht nur uns, sondern viele in der globalen Solidaritätsbewegung gelehrt, die Geschichte der sozialen Kämpfe, von großen Niederlagen und kleinen Erfolgen nicht zu vergessen, wenn wir uns den Ungerechtigkeiten der Gegenwart entgegenstellen. Die Metapher der “Notwendigkeit, Augen am Hinterkopf zu haben” hat er nicht nur geprägt, sie hat auch sein Werk geprägt. Und, wenn erlassjahr.de in seiner Geschichte ausführlich die Diskrepanz zwischen der großzügigen Entschuldung Deutschlands im Londoner Schuldenabkommen von 1953 und der kalten Arroganz der Deutschen als Gläubiger Afrikas oder Griechenlands skandalisiert hat, dann auch, weil jemand am La Plata uns dazu ermuntert hat.

Dass die Geschichte seines Kontinents eine des immer neu inszenierten Zusammenspiels von korrupter Klassenherrschaft und ausländischen Interventionen ist, hat er auf vielfältige und manchmal literarisch schmerzhaft schöne Weise entfaltet. Sein Ziel war dabei stets, dass die Menschen aus der Geschichte der Kanonenboote, der Conquistadoren, der US-inszenierten Militärputsche etwas lernen für die aktuellen Kämpfe gegen Verschuldung und Freihandel und kulturellen Imperialismus. Und sehr häufig steckten nicht nur Appelle in seinen Texten, sondern vor allem ermutigende Geschichten von kleinen und großen Widerständen.

Auch ohne Galeano hätten wir die Geschichte von Salvador Allende und Che Guevara gekannt. Aber wer hätte je von den sieben Toden und Wiederauferstehungen des Miguel Mármol im El Salvador des letzten Jahrhunderts gehört. Und welcher lateinamerikanische Autor hätte je in seiner Sprache die kleine Geschichte des Essener Außenstürmers Helmut Rahn erzählt?

Galeano hat all das (und noch viel mehr) getan. Wie werden ihn vermissen.

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