Ecuador-Tagesbuch: Donnerstag 21.2.: Ein verlassenes Fort Knox

Jürgen Kaiser, erlassjahr.de
22. Februar 2008

Die Mehrheit der Kommission sass heute in aller Frühe im Flieger nach Montechristi. Das ist ein etwas mythischer Ort für die Ecuadrianer, seit im vorletzten Jahrhundert von dort die liberale Revolution des Generals Àlfaro ausging, die dem Land den ersten Modernisierungsschub nach der spanischen Kolonisierung verpasste. Dort tagt die im letzten Jahr gewählte Verfassungsgebende Versammlung, und eine der Unterkommissionen wollte heute von der CAIC und der Grupo Nacional de Deuda, zu der auch unsere Freunde von Jubileo gehören,  wissen, wie die sich die künftige Ver-und Entschuldungspolitik des Staates vorstellen.

Ich bin in der Zeit mit dreien der Angestellten der Kommission in die Casa de laMoneda gefahren. Das ist das, was man bei uns die “Staatliche Münze” nennen würden, d.h. der Ort, an dem vor der Dollarisierung die Sucres gedruckt und geprägt wurden. Seit der Währungsumstellung hat die Einrichtung ihre Funktion eigentlich verloren, und wirkt entsprechend verlassen – aber noch immer sehr gut bewacht. Nur nach aufwändiger Anmeldung (siehe Blog von letzter Woche) bekamen wir die entsprechenden Ausweise, mit denen wir uns durch zahlreiche Schleusen in einen dunklen Raum bewegen durften, der jede Menge Akten enthält. Er ist – ehrlich gesagt – nicht ganz so grauenhaft organisiert, wie ich an dieser Stelle auch schon mal geschrieben habe. Ein freundlicher Techniker wies uns in die durchaus brauchbare Systematik der Ordner zum Thema Auslandsverschuldung, Weltbank, Pariser Club etc. ein. Und machte für mich allein (die anderen stellten ein dickes Paket für Gail zusammen) ungefähr fünf Kilo Kopien, von denen ich noch nicht weiß, wie ich KLM erklären soll, dass die unbedingt mitmüssen, aber keinesfalls extra bezahlt werden können.

Die spannendsten Stücke haben wir dort leider nicht gefunden – nämlich Unterlagen zur Verhandlungsrunde im Pariser Club von 2000 – als wir selbst mit den französischen,ecuadorainsichen und anderen Kolleg/innen vor dem Tresòre demonstrierten, und die deutsche Delegation hinterher durchblicken ließ, man hätte ja gern mehr für Ecuador getan, aber wenn die selber nicht mehr wollten, dann müssten ja wohl auch wir einsehen, dass man als Gläubiger nichts machen könne. Gefunden haben wir aber – erstmals so lange ich mich mit Schulden beschäftige – die Stellungnahmen zu früheren Verhandlungen von IWF und Weltbank. Deren Gefälligkeitsgutachten waren bei der perversen Konstruktion des Clubs traditionell dazu da, die jeweils gültigen Umschuldungs-Angebote des Clubs als angemessen und jedenfalls total tragfähig hinzustellen.

Eine seltsame Erfahrung dieser Tag. Ursprünglich hatte ich vorgehabt, mit meiner Gastgeberin Gabi Weber hier in Quito in die Berge zu fahren, und mir wenigstens einen Tag mal für Land und Leute zu nehmen. Nun ist Gabi krank geworden, ich selbst wollte wenigstens einmal in die Casa de la Moneda, und überdies regnet es hier auf eine derart ungemütliche Art und Weise, dass ich mich schon wieder auf den ausgefallenen deutschen Winter freue. 

Aber das ist eine andere Geschichte.

2 Kommentare zu “Ecuador-Tagesbuch: Donnerstag 21.2.: Ein verlassenes Fort Knox

  1. Hallo Jürgen, vielleicht findest Du ja doch mal am Abend und zwischendurch Zeit für Land und Leute, dann halt im urbanen Raum – und interessante, hilfreiche Dinge im 5-Kilo-Paket! Ich beneide Dich auch ein wenig, wenn auch nicht für’s Wetter (hüben und drüben). Wünsche für die restliche Zeit noch viel Energie, Optimismus, Erfolg und (natürlich!) Spaß!

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