Muss man nicht unbedingt gelesen haben: "Schulden die ersten 5000 Jahre" von David Graeber

Jürgen Kaiser, erlassjahr.de
28. September 2012

Nein, Graebers Buch stellt die Welt des Kapitalismus nicht auf den Kopf. Es bietet der oder dem Interessierten (und nur dem Interessierten, weil jeder andere beim Rumsurfen in der Geschichte schon bald Schwierigkeiten hätte, festzustellen, welcher Baum gerade jetzt wieder den Blick auf den Wald verdeckt) Leser eine ebenso anstrengende wie interessante Wanderung durch die Wirtschaftsgeschichte. Dabei haben es dem Autor die Frühzeit und das frühe Altertum in besonderer Weise angetan, was aus unserer Sicht prima ist, denn das biblische Erlassjahr spielt häufig implizit und an prominenter Stelle auch mal explizit bei Graeber eine große Rolle.

Ein paar Dinge kann auch ein erlassjahr-Aktivist noch aus diesen historischen Wanderungen mitnehmen: Dass das erlassjahr-Konzept nicht nur im Alten Testament vorkommt, sondern auch in der Sumerischen und der Babylonischen Geschichte auftaucht. Oder eine große Zahl von Quellen, die zeigen, dass das biblische Erlaßjahr durchaus nicht nur Theorie geblieben ist, sondern im alten Israel auch umgesetzt wurde (Kap. 4, fn 19). Entsprechend und sympathisch ist der einzige handlungsorientierte Vorschlag den der Autor ganz am Ende des Werkes zum besseren Umgang mit dem Problem von Überschuldung macht, der, dass es so etwas wie ein biblisches Erlaßjahr geben sollte. Das ist nett formuliert, in Zeiten, wo der Bundesfinanzminister schon mal auf dem Katholikentag erklärt, ein Erlaßjahr könne ja wohl keine Lösung für Europas Schuldenkrise sein. Wie das Erlaßjahr für die sehr unterschiedlichen Arten von Schuldner-Gläubiger-Beziehungen tatsächlich aussehen sollte, verrät Graeber uns allerdings nicht.

Was bei all diesen interessanten Details das Werk fragwürdig macht, ist dass der Autor Kapital wie Geld auf einem großen Haufen zu betrachten scheint. Wird etwas davon verliehen, scheint es keinen Unterschied zu machen, wofür: Konsumentenkredite, Investive Kredite, Nothilfe-Kredite, Staatsanleihen und andere Budget-Finanzierungen. Dass gerade für eine moralisch-ethische Beurteilung der Berechtigung von Gläubiger-Ansprüchen es tatsächlich einen Unterschied macht, ob ein Kredit zur freundschaftlichen Finanzierung einer Luxus-Anschaffung, zur Hilfe in großer Not oder zur Erzielung eines Profits gegeben wurde, übersieht er 400 Seiten lang. In diesem Sinne ist das Buch auf eine ärgerliche Weise unpolitisch.

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