Überschuldungsrisiken in armen Ländern steigen dramatisch: IWF

Jürgen Kaiser, erlassjahr.de
1. April 2016

Etwa vier mal im Jahr aktualisiert der IWF in einer handlichen Übersichtstabelle seine Einschätzung der Überschuldungsgefahren in allen Ländern, die sich für sein konzessionäres Kreditfenster, den Poverty Reduction and Growth Trust (PRGT) qualifizieren. Dabei kondensiert er seine eigenen komplexen Schuldentragfähigkeitsanalysen auf vier Kategorien. Länder haben

  • ein niedriges Überschuldungsrisiko, wenn weder das Basisszenario, welches der IWF für das wahrscheinlichste in den nächsten 10-15 Jahren hält, noch irgendeines der verschiedenen standardmäßig durchgerechneten „Schockszenarien“ dazu führt, dass mindestens einer der Indikatoren für ein kritisches Schuldenniveau überschritten wird;
  • ein mittleres Risiko, wenn es unter dem Basisszenario keine Überschreitungen gibt, unter mindestens einem Stress-Szenario aber schon;
  • ein hohes Risiko, wenn schon unter dem Basisszenario mindestens ein kritischer Grenzwert überschritten ist;
  • einige Länder sind darüber bereits im Schuldenstress, wenn sie aktuell substanziell mit Zahlungen im Rückstand sind.

Die jüngste Aktualisierung bezieht sich auf den Stichtag 4. Februar 2016. Demnach haben von 70 aufgeführten Ländern

  • 15 ein hohes Risiko
  • 36 ein mittleres
  • 13 ein niedriges;
  • 3 Länder sind im Schuldenstress, und
  • über 3 liegen keine ausreichenden Informationen vor.

Im Laufe des letzten Jahres (seit der Beurteilung am 9.4.2015) ist der Anteil von Ländern mit niedrigem Risiko von 30% auf 22% zurückgegangen. Gestiegen sind die dagegen die Anteile mit mittlerem Risiko (42% auf 51%) und mit hohem Risiko (von 19% auf 22%).

Betrachtet man nur die Länder, die unter der HIPC/MDRI Initiative seit 1996 weit reichend entschuldet worden sind, ergibt sich ein ähnliches Profil: Von 35 HIPCs, haben 8 ein hohes Risiko, 22 ein mittleres, und 5 ein niedriges; ein Land ist aus der Betrachtung heraus gefallen, weil es sich nicht mehr für die PRGT qualifiziert.

Neben dem HIPC Bolivien (im letzten Oktober niedriges Risiko)  gilt dies auch für die Nicht-HIPCs Mongolei (hoch), Nigeria (niedrig) und Vietnam (niedrig).

Insgesamt hat es seit Oktober 2015 keine einzige Verbesserung beim Rating durch den IWF gegeben, aber fünf Verschlechterungen:

in Kamerun und Dominica wurde aus dem mittleren Risiko ein hohes

in Äthiopien, Liberia und Madagaskar wurde aus dem niedrigen Risiko ein mittleres.

Nur auf der kleinen Karibikinsel Dominica ist diese Umgruppierung durch ein einziges spektakuläres Ereignis erklärbar, nämlich den Hurricane Erika, der Ende August 93% der Jahreswirtschaftsleistung in einer Nacht zerstört hat, und zu dessen Bewältigung die Gläubiger bis heute keine von der Regierung erbetene Schuldenerleichterung gewährt haben.

In den vier anderen Ländern muss man die Verschlechterung als Ausdruck des globalen Trends betrachten, der fast alle Länder erfasst hat: Den Umschwung von extrem billigen Krediten der letzten drei Jahre, in denen viele Länder sich hoch verschuldet haben, zu etwas höheren Zinssätzen, gepaart mit dem Verfall wichtiger Rohstoffpreise.

Bemerkenswert ist überdies die „Massierung“ in der Gruppe der mittleren Verschuldung. Sie besagt, dass der IWF mit seinen nicht immer nachvollziehbaren Basisszenarien Entwicklungen annimmt, bei denen es gerade noch mal gut geht, aber wenn er dann auf die Risiken schaut, einräumen muss, dass Zahlungsunfähigkeit eine akute Bedrohung ist.

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