Gewerkschaftliche Perspektiven auf Schuldengerechtigkeit

Avatar-Foto Lukas Braun,
5. Dezember 2025

Eindrücke von der Speaker‘s Tour mit Akhator Joel Odigie

Vom 24. bis 31. Oktober 2025 ist Akhator Joel Odigie, Generalsekretär des Internationalen Gewerkschaftsbundes in Afrika (IGB-Afrika), gemeinsam mit erlassjahr.de quer durch Deutschland gefahren. Eine Woche lang sprach er in fünf Städten über Schuldengerechtigkeit und Arbeiter*innenrechte. Was wir erlebt haben: große Resonanz, intensive Gespräche und neue Allianzen. Mein Fazit? Joel hat mein Bewusstsein dafür geformt, wie tief Schuldenpolitik, Arbeitnehmer*innenrechte und globale Gerechtigkeit miteinander verknüpft sind – und wie wichtig es ist, Bündnisse zu schmieden.

Fünf Städte – Fünf Abende voller Austausch

Frankfurt – Auftakt im DGB-Haus

Los ging es in Frankfurt am Main, dem offiziellen Startpunkt der Speaker‘s Tour. Trotz leichtem Schlafmangel und einem anstrengenden Flug startete Joel ein paar Stunden nach der Landung mit vollem Elan für die Sache ins Programm. Was sich auch im Laufe der Woche zeigte: In seiner Funktion als Generalsekretär arbeitet er nonstop und funktioniert trotzdem auf Knopfdruck! Nur wenige Stunden nach seiner Ankunft trafen wir den Influencer Stève Hiobi, der auf Instagram unter dem Namen @deinbrudersteve über den afrikanischen Kontinent und dessen Kultur, Gesellschaft, Politik und Geschichte berichtet. Joel sprach mit ihm über die Auswirkungen der Schuldenkrise in Ghana. Ein Video zum Gespräch der beiden und zur Schuldensituation in Ghana findet ihr hier auf unserem Instagram-Account. Darüber hinaus findet ihr auf dem erlassjahr.de-Account auch ein Reel zur gesamten Speaker‘s Tour.

Nach einer kurzen Pause ging es weiter ins DGB-Haus zur ersten Abendveranstaltung der Tour. Gemeinsam mit Debt for Climate Deutschland und dem ver.di Bildungswerk Hessen starteten wir in eine Woche voller anregender Diskussionen. Schon in Frankfurt wurde spürbar, wie eng Entschuldung, Klimagerechtigkeit und Arbeitnehmer*innenrechte miteinander verflochten sind und welche Rolle Gewerkschaften im Kampf für Schuldengerechtigkeit und ökonomische Gerechtigkeit weltweit spielen. Der IGB-Afrika etwa beschäftigt sich seit einigen Jahren intensiv mit der Schuldenkrise auf dem afrikanischen Kontinent, aber auch in anderen Weltregionen haben Gewerkschaften maßgeblich politischen Druck für Schuldenstreichungen gemacht. Mit Joel auf dem Podium diskutierten auch Robin Jaspert von der Graswurzelbewegung Debt for Climate Deutschland und Martin Lechner vom TIE Bildungswerk. Martin bot uns Einblicke darin, wie sich Arbeiter*innen entlang der Lieferketten solidarisieren und wie etwa in Süd-Süd-Kooperationen Workshops stattfinden, bei denen Arbeitnehmer*innen sich über Strategien für eine Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen austauschen können. Eine zentrale Frage, die an dem Abend aufkam und diskutiert wurde, war, warum Gewerkschaften insbesondere in Deutschland wenige politische Allianzen mit Gewerkschaften im Globalen Süden formen und Themen, die für Gewerkschaften in Afrika sehr wichtig sind – etwa Schuldenkrisen – in Deutschland wenig Gehör finden. Eine Frage, die uns noch während der gesamten Woche weiter beschäftigen sollte. Gleichzeitig wurde aber auch darüber reflektiert, dass die Klimabewegung in Deutschland bisher auch kaum Allianzen mit Gewerkschaften aufbauen konnte – und wie wichtig solche Bündnisse sind!

Düsseldorf – Politische Debatte im Bundestagswahlkreis

In Düsseldorf diskutierten wir dann am Samstagabend bei einer Abendveranstaltung mit Lizzy Schubert (MdB, Die Linke) über Deutschlands besondere Verantwortung in globalen Schuldenkrisen. Im Zentrum standen die Folgen früherer IWF- und Weltbankprogramme, die Rolle privater Gläubiger und die Frage, wie Schuldengerechtigkeit konkret aussehen kann. Deutlich wurde dabei, wie stark Staatsschulden demokratische Spielräume einschränken und wie wichtig es ist, auch in Deutschland solidarische, progressive Bündnisse zu schmieden – insbesondere in Zeiten des Rechtsrucks. Besonders schön war, dass so viele junge Menschen bei der Veranstaltung in Düsseldorf dabei waren.

Am darauffolgenden Tag besuchten wir als erlassjahr.de-Team gemeinsam mit Joel die Zeche Zollverein in Essen. Die Führung bot einen spannenden Einblick in die Geschichte des ehemaligen Förderbetriebs. Wir konnten verschiedene Gebäude besichtigen und bekamen ein Gefühl dafür, wie der Arbeitsalltag auf dem Gelände früher ausgesehen hat – und konnten Joel so auch ein bisschen Arbeiter*innengeschichte des Ruhrgebiets zeigen.

Hannover – Hod Anyigba über die soziale Dimension der Schuldenkrise

In Hannover waren wir beim Kirchlichen Entwicklungsdienst der evangelisch-lutherischen Landeskirchen in Braunschweig und Hannovers zu Gast, unterstützt vom DGB-Bezirk Niedersachsen – Bremen – Sachsen-Anhalt und der IGBCE. Da Joel kurzfristig ein wichtiges Meeting wahrnehmen musste, übernahm sein Kollege Hod Anyigba (Executive Director des Africa Labour Research Institute und Chefökonom von IGB-Afrika) den Präsentationsteil, live zugeschaltet aus Togo. Hod zeichnete ein klares Bild der aktuellen Herausforderungen: Schulden seien kein abstraktes ökonomisches Problem, sondern ein sozialpolitisches – mit direkten Auswirkungen auf Familien, Beschäftigte, Krankenhäuser und Bildungseinrichtungen. Er sprach über die Folgen von Austerität, den Zusammenbruch der Renten in Ghana sowie darüber, dass Arbeiter*innen meist als Erste unter der Schuldenlast leiden. Während der Tour wurde mehrfach betont: eine arbeitende Person auf dem afrikanischen Kontinent ist in der Regel für viele Familienangehörige verantwortlich, sodass die Folgen von etwa eingefrorenen Gehältern im öffentlichen Dienst stets auch ganze Familien treffen. Zugleich skizzierte Hod die zentralen Strategien von IGB-Afrika: breite Mobilisierungen für eine umfassende und bedingungslose Schuldenstreichung, politischer Druck für eine UN-Schuldenrahmenkonvention sowie Forderungen nach mehr Transparenz und einer afrikanischen Ratingagentur.

Im anschließenden Gespräch zwischen Nils Hindersmann, dem Leiter der Abteilung Politik und Internationales der IGBCE, unserer Kollegin Malina Stutz von erlassjahr.de und Joel mit dem Publikum ging es dann unter anderem um konkrete politische Maßnahmen sowie darum, konkrete Fragen, etwa zur Rolle des IWF zu klären. Ebenso wurde diskutiert, inwiefern koloniale Beziehungen noch heute Auswirkungen haben auf Beziehungen zwischen Afrika und Europa. 

Kassel – Back to the Roots

In Kassel ging es „back to the roots“ – denn vor ca. 20 Jahren hat Joel hier selbst als Student den Master Labour Policies and Globalisation studiert, ein Studiengang, der sich gezielt an Gewerkschafter*innen und Aktivist*innen für Arbeiter*innenrechte weltweit richtet. Da lag es nahe, dass wir gemeinsam mit Joel das „One World Seminar“ des LPG-Masters besuchten und mit Dozent Dr. Fabian Georgi und den Studierenden über Schulden, neoliberale Strukturreformen und die kolonialen Kontinuitäten globaler Finanzpolitik diskutierten. Dabei brachten die Studierenden auch ihre eigenen Erfahrungen mit Gewerkschaftsarbeit in die Diskussion ein.

Am Abend setzten wir die Debatte an der Uni Kassel mit Dr. Frauke Banse aus dem Fachgebiet Entwicklungspolitik und Postkoloniale Studien, der Universität Kassel und dem DGB-Kassel im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung fort. Schnell wurde klar, wie eng Schuldengerechtigkeit, Arbeiter*innenrechte und der Kampf gegen Austerität miteinander verknüpft sind – in Afrika wie in Europa. Frauke Banse machte klar, wie Austeritätspolitik und steigende Ungleichheit sowohl in Afrika als auch in Europa ein Problem sind – auch wenn die Folgen unterschiedlich stark spürbar sind und anders aussehen, liegen dem doch ähnliche neoliberale Strukturen zugrunde. Aus einer internationalistischen Perspektive lohne es sich, diese ähnlichen Strukturen zu erkennen und nach den Gemeinsamkeiten zu suchen – um sich letztlich auch als globale Arbeiter*innenklasse zu verbünden. Die Interessen von Arbeiter*innen in Europa und die von Arbeiter*innen in Afrika sollten dabei nicht gegeneinander ausgespielt werden – stattdessen müssen internationale Bündnisse geknüpft werden.

Nach der Veranstaltung spazierten wir noch gemeinsam mit aktuellen Studierenden aus Kassel über den Campus. Joel zeigte uns die Orte, an denen er früher studiert hatte, und entdeckte dabei auch einige neue Gebäude – ein persönlicher Abschluss eines intensiven Tages.

Berlin – Hoch die Internationale Solidarität!

Die letzte öffentliche Abendveranstaltung in Berlin wurde gemeinschaftlich von WEED e.V., der Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt (ASW), moveGlobal, und Engagierten des ehemaligen Arbeitskreises Internationalismus der IG Metall Berlin organisiert. Im Mittelpunkt standen die Fragen, wie transnationale Gewerkschaftssolidarität gestärkt werden kann und warum deutsche Gewerkschaften mehr internationale Verantwortung übernehmen sollten. Besonders aufschlussreich: Nach Joels Input erläuterte Boubacar Diop (ASW) die angespannte Schuldensituation im Senegal – von IWF-Programmen bis hin zum jüngsten Regierungswechsel und dem Finanz-Audit. In einer gemeinsamen Abschlussrunde aller beteiligten Organisationen wurde zudem die Frage diskutiert, was wir in Deutschland gegen neoliberale Sparpolitik konkret tun können – aus der Perspektive der jeweiligen Organisation. Der Raum war mit rund 50 Personen bis auf den letzten Platz gefüllt, was sich auch in den zahlreichen Fragen widerspiegelte: Sie reichten von der Rolle der Gewerkschaften und der Kritik an IWF-Programmen über Währungs- und Handelsfragen bis hin zu den sozialen Folgen der Schuldenkrise und möglichen Wegen zu mehr wirtschaftlicher Souveränität. Joel und Boubacar nahmen sich die Zeit, auf jede Frage umfassend und aktivierend zu antworten.

Am folgenden Morgen stand das letzte Event der Speaker‘s Tour an: Ein gemeinsames Strategietreffen bei der Friedrich-Ebert-Stiftung. Dort kamen Vertreter*innen verschiedener zivilgesellschaftlicher Organisationen zusammen. Gemeinsam wurde diskutiert, wie die Forderungen afrikanischer Gewerkschaften in internationale Prozesse eingebracht werden können und auch mittel- und langfristige politische Ziele angestrebt werden können. Eine Sache leuchtete uns alle ein: Nur mit enger Vernetzung und gemeinsamen Strategien lassen sich echte Fortschritte Richtung globaler Schuldengerechtigkeit erreichen. Dafür wurden schon einige ganz konkrete Punkte und Ideen für zukünftige Zusammenarbeit festgehalten – auf fachlicher, inhaltlicher, politischer Ebene. Wir bleiben dran!

Fazit

Durch die Tour ist eines klar geworden: Gewerkschaften gehören ins Zentrum der globalen Entschuldungsbewegung! Schuldenpolitik ist kein technisches Nischenthema – sie entscheidet darüber, ob Staaten in Gesundheit, Bildung und soziale Infrastruktur investieren können. Besonders eindrücklich waren für mich Joels Ausführungen dazu, wie konkret Schulden das Leben von Menschen bestimmen – denn hinter jeder Statistik stehen Familien und Beschäftigte, die die Kosten der Schuldenkrise unmittelbar tragen. Joel machte zudem deutlich, wie stark viele afrikanische Staaten durch die ungleiche globale Finanzarchitektur strukturell benachteiligt sind und wie dringend hier Reformen notwendig wären. Seine Botschaft an uns: Transnationale Solidarität ist unverzichtbar! Dort, wo Gewerkschaften und zivilgesellschaftliche Akteure gemeinsam handeln, entstehen politische Räume, in denen echte Veränderungen möglich werden. Das während der Tour entstandene Momentum bietet die Chance, die geknüpften Netzwerke – auch mit den Kooperationspartnern der Tour in Deutschland – weiter auszubauen und langfristig zu stärken.

Um mit den Worten von Joel zu enden:

„The most important resource is solidarity.”

 

 

Förderhinweis

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