Ägypten

Hat Ägypten ein Schuldenproblem?

Ägyptens Auslandsschulden sind 2016 und 2017 stark angestiegen und liegen im Verhältnis zur gesamten Wirtschaftsleistung noch knapp unter den jeweiligen Grenzwerten, im Verhältnis zu den Hartwährungseinnahmen aus dem Export von Gütern und Dienstleistungen aber schon darüber.

Die gesamten öffentlichen Schulden im In- und Ausland liegen indes bei rund dem Doppelten dessen, was als unproblematisch gilt. Von daher hat Ägypten im Moment vor allem ein Problem mit seinen öffentlichen Schulden.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren (Stand 2017)

IndikatorAusprägungGrenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%)35,940
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)190,3150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)15,115
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%)100,350
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%)473,5200
Auslandsschuldenstand (US-Dollar)82,9 Mrd.
Schuldendienst: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger (US-Dollar)6,588 Mrd.

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

Wer sind die Gläubiger von Ägypten?

Erklärung der Schuldenkategorien

 Die gesamten Auslandsschulden eines Landes setzen sich aus den Schulden des öffentlichen Sektors und denen des Privatsektors zusammen. Im Diagramm sind öffentliche Schulden mit Vollfarben und private Auslandsschulden schraffiert dargestellt.

Bei den öffentlichen Schulden werden drei Gläubigergruppen unterschieden, nämlich multilaterale öffentliche Gläubiger – das sind vor allem Entwicklungsbanken und der IWF -, bilaterale öffentliche Gläubiger – das sind andere Regierungen – und private Gläubiger.

Bei den beiden öffentlichen Gläubigerkategorien unterscheiden wir zudem nach konzessionären, also zinsgünstigen Krediten zu Entwicklungshilfebedingungen, und Krediten zu Marktbedingungen („nicht-konzessionäre“).

Bei den öffentlichen Schulden bei privaten Gläubigern unterscheiden wir die beiden Hauptinstrumente, nämlich Bankkredite und Anleihen. Diese beiden Instrumente unterscheiden wir auch bei den Auslandsschulden des Privatsektors.

Bis auf einen sehr kleinen Betrag bestehen alle Auslandsschulden Ägypten von Seiten des Staates oder sind von ihm garantiert. Sie bestehen zu knapp der Hälfte aus bilateralen und multilateralen Entwicklungshilfekrediten. Insgesamt bestehen mehr als 90 Porzent der Auslandsschulden bei anderen Regierungen beziehungsweise zwischenstaatlichen Einrichtungen. Das ist nicht zuletzt ein Ergebnis der geschickten „Vermarktung“ des Landes durch die unterschiedlichen Regierungen der letzten Jahre gegenüber westlichen Geldgebern, die immer wieder überzeugt werden konnten in die – wie auch immer verstandene –‚ Stabilität dieses strategisch wichtigen Landes zinsgünstige Mittel im Rahmen von Entwicklungshilfe zu investieren.

Deutschland spielt dabei eine herausgehobene Rolle: Mehr als 2,2 Milliarden Euro schuldet das Land der Bundesregierung, der ganz überwiegende Teil davon aus der Entwicklungszusammenarbeit.

2017 hat Ägypten allerdings auch seine Verschuldung bei ausländischen Anleihezeichnern auf 8,5 Milliarden US-Dollar mehr als vervierfacht. Durch den relativ wachsenden Zugriff auf private Finanzierungen stieg 2017 die durchschnittliche Verzinsung der Neukreditaufnahmen von 1,9 Prozent im Vorjahr auf 5,9 Prozent.

Im Inland steht der ägyptische Staat bei Anleihezeichnern, Banken und Investmentfonds mit mehr als dem Vierfachen seiner Auslandsschulden in der Kreide.

Trend

Ägyptens Auslandsschulden haben sich von Ende 2015 bis Ende 2017 um rund 80 Prozent erhöht. Das Wachstum der kurzfristigen -– in dem hier gezeigten Gläubigerprofil deshalb nicht berücksichtigten – Schulden von 4 auf 11,1 Milliarden US-Dollar hat daran einen spürbaren Anteil. Das Wachstum der Schulden überstieg das der Wirtschaftsleistung bei weitem, so dass alle Schuldenindikatoren von 2013 bis 2017 um (deutlich) mehr als 10 Prozent angestiegen sind.

Bisherige Schuldenerleichterungen für Ägypten

Nach einer einfachen Umschuldung 1987 erhielt Ägypten im Jahr 1991 für sein Wohlverhalten im Zweiten Golfkrieg vom Pariser Club eine außergewöhnliche Schuldenerleichterung in Höhe von rund 50 Prozent der Forderungen der westlichen Gläubiger.

Für weitere multilaterale Schuldenreduzierungen wie die HIPC-Initiative ist Ägypten nicht qualifiziert.

2011 kündigte die deutsche Bundeskanzlerin eine außergewöhnliche Schuldenerleichterung von rund 200 Millionen Euro für Ägypten im Rahmen des deutschen Schuldenumwandlungsprogramms an. Wegen der zeitweiligen Machtübernahme durch die Partei der Muslimbrüder wurde diese Schuldenumwandlung bisher aber nicht umgesetzt.

Seine (eher bescheidenen) Schulden bei Privatgläubigern hat Ägypten bislang nicht umgeschuldet.

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

Die fiskalische Handlungsfähigkeit der ägyptischen Regierung hängt davon ab, dass der interne Schuldendienst kontinuierlich refinanziert werden kann. Nach den politischen Turbulenzen um den Arabischen Frühling und die raschen Regierungswechsel ist die Wirtschaft des Landes aber noch nicht auf einen nachhaltigen Wachstumspfad zurückgekehrt, so dass der interne Schuldendienst mehr und mehr über die Inflation finanziert wird.

Die Regierung versucht, die noch niedrigen internationalen Zinsen auszunutzen und die ausländische Verschuldung auszuweiten. Damit ist naturgemäß die Gefahr einer neuen Auslandsschuldenkrise verbunden, für die die in den letzten beiden Jahren zu beobachtende Überschreitung der Grenzwerte der auf die Exporteinnahmen bezogenen Indikatoren ein Indiz ist.

Im Fiskaljahr 2019/20 muss Ägypten mit 17 Prozent seiner Wirtschaftsleistung einen exorbitant hohen Schuldendienst auf seine Auslandsschulden leisten. Nur durch ein Programm mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF), welches seinerseits aus neuen (wenngleich weniger teuren) Schulden besteht, entgeht Ägypten in diesem Jahr einer Staatspleite. Der IWF schätzt in seiner Schuldentragfähigkeitsanalyse vom Sommer 2018 alle durchgerechneten Schockszenarien als ernste Gefahr für die Schuldentragfähigkeit ein.

Politische Empfehlungen

Nach der Entmachtung des langjährigen autoritären Präsidenten Mubarak forderte eine Bürgerbewegung eine Überprüfung der von Mubarak verursachten Auslandsschulden sowie seines auf bis zu 70 Milliarden US-Dollar geschätzten Privatvermögens. Diese Forderungen konnten sich unter der Regierung der Muslimbrüder nicht durchsetzen. Die aktuelle Militärregierung unterbindet jeden Versuch, die Beziehungen zu ihren Geldgebern durch die Forderung nach Transparenz und verantwortlicherer Kreditaufnahme zu stören.

Die kontinuierlichen Zusagen kostspieliger deutscher Rüstungsexporte nach Ägypten sind nicht nur aus außenpolitischer und menschenrechtlicher, sondern auch aus schuldenpolitischer Sicht dringend zu beenden.

 

Weiterführende Informationen und Material:

 

Stand: Februar 2019

 

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