Äthiopien

Hat Äthiopien ein Schuldenproblem?

Äthiopien ist eines der Länder mit der dynamischsten Schuldenentwicklung in diesem Jahrzehnt. Lange haben bemerkenswert hohe Wachstumsraten infolge der schuldenfinanzierten großen Infrastrukturprojekte über die Gefährlichkeit des Schuldenanstiegs hinweggetäuscht. Die Exportschwächen der letzten Jahre und vor allem die Auswirkungen der COVID-19 bedingten globalen Rezession haben die Hartwährungseinahmen indes deutlich einbrechen lassen. Entsprechend ist Äthiopien inzwischen auch zu einem Land mit hohem Überschuldungsrisiko geworden.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren (Stand 2018)

IndikatorAusprägungGrenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%)33,440
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)396,5150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)20,815
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%)61,450
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%)467,9200
Auslandsschuldenstand (US-Dollar)28,027 Mrd.
Schuldendienst: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger (US-Dollar)2,009 Mrd.

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

 

Wer sind die Gläubiger von Äthiopien?
ETH Gläubigerprofil 2020-07

Erklärung der Schuldenkategorien

 Die gesamten Auslandsschulden eines Landes setzen sich aus den Schulden des öffentlichen Sektors und denen des Privatsektors zusammen. Im Diagramm sind öffentliche Schulden mit Vollfarben und private Auslandsschulden schraffiert dargestellt.

Bei den öffentlichen Schulden werden drei Gläubigergruppen unterschieden, nämlich multilaterale öffentliche Gläubiger – das sind vor allem Entwicklungsbanken und der IWF -, bilaterale öffentliche Gläubiger – das sind andere Regierungen – und private Gläubiger.

Bei den beiden öffentlichen Gläubigerkategorien unterscheiden wir zudem nach konzessionären, also zinsgünstigen Krediten zu Entwicklungshilfebedingungen, und Krediten zu Marktbedingungen („nicht-konzessionäre“).

Bei den öffentlichen Schulden bei privaten Gläubigern unterscheiden wir die beiden Hauptinstrumente, nämlich Bankkredite und Anleihen. Diese beiden Instrumente unterscheiden wir auch bei den Auslandsschulden des Privatsektors.

Nur der äthiopische Staat ist im Ausland verschuldet, nicht aber seine Bürger, Unternehmen und Banken – zumindest nicht ohne eine staatliche Garantie.

Fast drei Viertel der Auslandsschulden bestehen gegenüber multilateralen und bilateralen öffentlichen Gläubigern. Und das fast ausschließlich zu konzessionären (Entwicklungshilfe-)Konditionen. Das ist der Grund, warum trotz eines rasant wachsenden Schuldenstandes der laufende Schuldendienst noch immer relativ moderat ausfällt.

Die Internationale Entwicklungsorganisation (IDA) alleine hielt Ende 2018 gut 8,3 Milliarden US-Dollar der insgesamt 10,7 Milliarden US-Dollar Schulden bei multilateralen Gläubigern.

Seit 2000 ist China zum wichtigsten bilateralen Kreditgeber Äthiopiens geworden. Mit mehr als 8,7 Milliarden US-Dollar Schulden zwischen 2000 und 2017 ist Äthiopien der zweitgrößte Kreditnehmer Chinas in Afrika. Wichtigster Akteur ist die China Exim-Bank, die konzessionäre Kredite vor allem für Infrastrukturprojekte vergibt, im Falle Äthiopiens mit einem Schenkungselement von durchschnittlich 21,4 Prozent.

Die Mitglieder des Pariser Club halten alle zusammen mit rund 700 Millionen US-Dollar nur noch etwas mehr als 2 Prozent der Auslandsschulden Äthiopiens. Deutschland ist nach Angaben des Bundesfinanzministeriums seit der Entschuldung des Landes unter der Initiative für hochverschuldete arme Länder (engl. Heavily Indebted Poor Countries Initiative, kurz HIPC) gar nicht mehr dabei. Die Weltbank weist allerdings ab 2016 deutsche öffentliche Forderungen im Umfang von 34,5 Millionen US-Dollar aus.

Trend

Vier von fünf Schuldenindikatoren, die die Schuldenbelastung im Verhältnis zu unterschiedlichen Aspekten der Wirtschaftsleistung abbilden, sind von 2014 bis 2018 um mindestens 10 Prozent gestiegen.

Der nominale Schuldenstand hat sich zwischen 2011 und 2018 mehr als verdreifacht, der Schuldendienst sich gar versechsfacht. Auch die Wirtschaftsleistung ist im gleichen Zeitraum stark gestiegen, allerdings nicht so stark wie die Verschuldung. Besonders wichtig für die Transferfähigkeit Äthiopiens, also die Fähigkeit, öffentliche Einnahmen auch in Hartwährung zur Bedienung der Auslandsschulden in Dollars, Euro oder Yuan verwandeln zu können, ist, dass die Exporteinnahmen trotz des allgemeinen Wirtschaftswachstums stagnierten. Daher sind die auf die Exporte bezogenen Indikatoren auch am dramatischsten angestiegen.

Bisherige Schuldenerleichterungen für Äthiopien

Äthiopien hat 2001den Decision Point und 2004 den Completion Point der HIPC-Entschuldungsinitiative erreicht. 2005 wurden die verbliebenen Altforderungen des Internationalen Währungsfonds (IWF), der IDA und des African Development Fund (AfDF) unter der Multilateralen Entschuldungsinitiative (engl. Multilateral Debt Relief Initiative, MDRI) gestrichen. Erst dadurch erreichte Äthiopien ein wirklich unproblematisches Schuldenniveau, mit einem Schuldenstand zum Bruttoinlandsprodukt von nur noch 17,5 Prozent und einer Schuldendienstquote zu den jährlichen Exporteinnahmen von nur noch 2,4 Prozent.

Zuvor hatte das Land bereits dreimal – nämlich 1992, 1994 und 2001 – im Pariser Club umgeschuldet, ohne dass es dadurch einem tragfähigen Schuldenniveau deutlich näher gekommen wäre.

Gegenüber privaten Gläubigern gab es nur im Jahr 1996 eine Schuldenrückkauf-Operation im Londoner Club.

2018 hat China Rückzahlungen in Höhe von 2,5 Milliarden US-Dollar für die Bahnverbindung Addis-Dschibuti über zwanzig Jahre gestreckt.

Äthiopien gehört zu den Ländern, die sich für die im April 2020 beschlossene Debt Service Suspension Initiative (DSSI) der G20 qualifizieren und die das Moratorium auch in Anspruch nehmen. 511,3 Millionen US-Dollar Schuldendienst kann die Regierung damit in diesem Jahr einsparen und in die Bekämpfung der Corona-Pandemie investieren.

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

Der IWF hat Ende Januar 2018 das Überschuldungsrisiko Äthiopiens von „mittel“ auf „hoch“ heraufgestuft. Das heißt, er rechnet damit, dass unter dem von ihm selbst als wahrscheinlich angenommenen Basisszenario und nicht erst im Falle von externen Schocks das Land kritische Verschuldungsgrenzwerte dauerhaft überschreiten wird.

Trotz dieser Hochstufung setzte der IWF in allen seinen Länderbewertungen auf ein Anhalten der hohen Wachstumsraten von rund 10 Prozent infolge großer Infrastruktur-Investitionen. Er hoffte, dass auch die durch Exporte erzielbaren Deviseneinnahmen wieder ansteigen würden. Diese Erwartungen musste er im Bericht vom Juni 2020, der die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Äthiopien berücksichtigte, korrigieren. Allerdings geht er immer noch von einem im kontinentalen Vergleich hohen Wachstum von 3,2 Prozent im Jahr 2020 aus.

Ein weiteres Problem könnte der Konflikt mit Ägypten über die Befüllung des Renaissance Staudamms sein. Sollte die Befüllung in der aktuellen Regenzeit wegen ägyptischer Drohungen mit militärischen Maßnahmen nicht wie geplant möglich sein, würde das auch den vorgesehenen Export von Elektrizität gefährden.

Politische Empfehlungen

Äthiopien ist der typische Fall eines Landes, das wegen der bereits hohen Schuldenbelastung mehr als ein Moratorium benötigt, um durch die Folgen von COVID-19 nicht in eine neue Schuldenfalle zu geraten. Es sollte sich zusammen mit ähnlich gefährdeten Ländern innerhalb und außerhalb Afrikas für eine entsprechende Weiterentwicklung der DSSI bei der Jahrestagung von IWF und Weltbank im Oktober 2020 einsetzen.

 

Stand: Juli 2020

 

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