Afghanistan

Hat Afghanistan ein Schuldenproblem?

Unter allen Problemen Afghanistans rangiert die Verschuldung bei ausländischen Gläubigern nicht in der ersten Reihe. Tatsächlich sind die Indikatoren aktuell noch relativ moderat. Die allgemeine Schwäche der vom jahrelangen Krieg gezeichneten Volkswirtschaft führt auch bei niedrigen Indikatoren zu einer hohen Überschuldungsgefahr.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren (Stand 2017)

IndikatorWertGrenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%)12,140
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)186,1150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)4,115
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%)7,049
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%)27,7200
Auslandsschuldenstand (US-Dollar)2,551 Mrd.
Schuldendienst: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger (US-Dollar)54,1 Mio.

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

Die oben genannten Angaben beruhen auf den Informationen, welche die afghanischen Behörden an die Weltbank melden. Es ist davon auszugehen, dass diese nur einen kleinen Teil der volkswirtschaftlichen Realität des Landes widerspiegeln. Zum einen werden natürlich wirtschaftliche Transkationen nicht erfasst, die sich in den von den Taliban beherrschten Landesteilen abspielen. Zum anderen besteht auch in den von den Regierungstruppen beherrschten Landesteilen eine bedeutende Schattenökonomie.

Wer sind die Gläubiger von Afghanistan?

Erklärung der Schuldenkategorien

 Die gesamten Auslandsschulden eines Landes setzen sich aus den Schulden des öffentlichen Sektors und denen des Privatsektors zusammen. Im Diagramm sind öffentliche Schulden mit Vollfarben und private Auslandsschulden schraffiert dargestellt.

Bei den öffentlichen Schulden werden drei Gläubigergruppen unterschieden, nämlich multilaterale öffentliche Gläubiger – das sind vor allem Entwicklungsbanken und der IWF -, bilaterale öffentliche Gläubiger – das sind andere Regierungen – und private Gläubiger.

Bei den beiden öffentlichen Gläubigerkategorien unterscheiden wir zudem nach konzessionären, also zinsgünstigen Krediten zu Entwicklungshilfebedingungen, und Krediten zu Marktbedingungen („nicht-konzessionäre“).

Bei den öffentlichen Schulden bei privaten Gläubigern unterscheiden wir die beiden Hauptinstrumente, nämlich Bankkredite und Anleihen. Diese beiden Instrumente unterscheiden wir auch bei den Auslandsschulden des Privatsektors.

Die offiziell registrierten Schulden von Afghanistan bestehen sämtlich von Seiten des afghanischen Staates. Afghanische Unternehmen, Banken oder Privatpersonen sind nicht im Ausland verschuldet.

Die registrierten Auslandsschulden bestehen ausschließlich gegenüber öffentlichen Gläubigern, und zwar jeweils zur Hälfte bilateralen und multilateralen. Lediglich ein kleiner Teil der bilateralen Schulden wurde zu nicht-konzessionären Bedingungen aufgenommen. Ansonsten hat Afghanistan nur zinsgünstige Schulden mit langen Rückzahlungsfristen. Wichtigster multilateraler Gläubiger mit mehr als der Hälfte der ausstehenden Forderungen ist die Asiatische Entwicklungsbank.

Allerdings sind in Afghanistan wie in einigen anderen Ländern die Weltbankzahlen nicht kompatibel mit den Angaben des Pariser Clubs. Dieser weist für Ende 2017 rund 1,3 Milliarden US-Dollar nicht-konzessionäre Forderungen an Afghanistan aus. Da der Pariser Club die Angaben seiner Mitglieder zusammenträgt und die Weltbank sich auf Informationen der afghanischen Regierung stützt, ist von der Existenz erheblicher umstrittener Forderungen auszugehen.

Trend

Die offiziell erfassten Schuldenindikatoren Afghanistans sind im Großen und Ganzen stabil.

Bisherige Schuldenerleichterungen für Afghanistan

2006 erhielt das Land bereits eine Schuldenreduzierung unter Naples Terms auf einen Teil seiner damals bestehenden bilateralen Schulden. Von rund 2,3 Milliarden US-Dollar Auslandsschulden sind zwei Drittel, nämlich 1,5 Milliarden US-Dollar erlassen worden.

Afghanistan hat 2007 den Decision Point und 2010 den Completion Point der multilateralen HIPC/MDRI-Entschuldungsinitiative erreicht. Damit verband sich jeweils eine Schuldenreduzierung im Pariser Club. Am Completion Point wurde wiederum mehr als 1 Milliarde US-Dollar neu aufgelaufene Auslandsschulden erlassen. Davon bestand rund die Hälfte in der „freiwilligen“ Aufstockung des nach den Regeln des Pariser Clubs vorgesehenen 90-Prozent-Erlassen auf 100 Prozent.

Der gesamte HIPC-Erlass am Completion Point belief sich auf etwa die Hälfte der ausstehenden Gesamtverschuldung. Durch die anhaltende externe Finanzierung der öffentlichen Haushalte wurde der Erlass allerdings überkompensiert, so dass ein spürbarer Erlass sich im Gesamtschuldenstand nicht niederschlug.

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

Der IWF bescheinigt Afghanistan aktuell ein hohes Überschuldungsrisiko. Das liegt weniger an den in Wirklichkeit recht moderaten Schuldenindikatoren als an der Schwäche der Regierungsführung und der extrem hohen Abhängigkeit von ausländischer Zuschussfinanzierung. Jede Störung bei den Zuschüssen würde die Schuldentragfähigkeit sofort infrage stellten.

Politische Empfehlungen

Praktisch sämtliche bestehenden Auslandsschulden Afghanistans sind Schulden aus der Zeit des Krieges. Sollte eine Befriedung des Landes erreicht werden, werden auch die ausländischen Zuschüsse, die aktuell den größten Teil der öffentlichen Haushalte direkt oder indirekt finanzieren, auslaufen. In diesem Fall wird angesichts der Kriegszerstörungen ein weiterer Erlass von Verbindlichkeiten unumgänglich sein.

 

Stand: Januar 2019

 

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