Argentinien

Hat Argentinien ein Schuldenproblem?

Argentinien hatte nach den spektakulär durchgesetzten Schuldenerlassen von 2005 und 2010 und guten Wachstumsraten in der zweiten Hälfte der letzten Dekade zunächst moderate Schuldenindikatoren. Seit der Amtsübernahme des liberalen Präsidenten Mauricio Macri stiegen diese jedoch wieder steil an. Im August 2019 musste Argentinien erstmals wieder Zahlungen an einzelne Gläubiger ausfallen lassen, obwohl im Jahr zuvor der Internationale Währungsfonds (IWF) dem Land mit dem größten Rettungspaket seiner Geschichte zu Hilfe gekommen war.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren (Stand 2018)

IndikatorAusprägungGrenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%)56,140
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)339,5150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)45,015
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%)86,350
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%)255,0200
Auslandsschuldenstand (US-Dollar)280,516 Mrd.
Schuldendienst: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger (US-Dollar)35,805 Mrd.

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

Wer sind die Gläubiger von Argentinien?

Erklärung der Schuldenkategorien

 Die gesamten Auslandsschulden eines Landes setzen sich aus den Schulden des öffentlichen Sektors und denen des Privatsektors zusammen. Im Diagramm sind öffentliche Schulden mit Vollfarben und private Auslandsschulden schraffiert dargestellt.

Bei den öffentlichen Schulden werden drei Gläubigergruppen unterschieden, nämlich multilaterale öffentliche Gläubiger – das sind vor allem Entwicklungsbanken und der IWF -, bilaterale öffentliche Gläubiger – das sind andere Regierungen – und private Gläubiger.

Bei den beiden öffentlichen Gläubigerkategorien unterscheiden wir zudem nach konzessionären, also zinsgünstigen Krediten zu Entwicklungshilfebedingungen, und Krediten zu Marktbedingungen („nicht-konzessionäre“).

Bei den öffentlichen Schulden bei privaten Gläubigern unterscheiden wir die beiden Hauptinstrumente, nämlich Bankkredite und Anleihen. Diese beiden Instrumente unterscheiden wir auch bei den Auslandsschulden des Privatsektors.

Drei Viertel von Argentiniens Auslandsschulden entfallen auf den Staat und davon wiederum zwei Drittel auf Anleihegläubiger. Diese waren bis zur Machtübergabe der peronistischen Präsidentin Christina Fernandez an die liberale Regierung Macri überwiegend Inhaber der Anleihen, die aus dem Schuldentausch von 2005 und 2010 resultierten. Mit seinem Amtsantritt Ende 2015 hat Macri in großem Stile erneut Kredite im Ausland aufgenommen, in der Hoffnung, damit die inzwischen stagnierende Wirtschaft ankurbeln zu können. Die bilateralen Forderungen bestehen hauptsächlich gegenüber den Mitgliedern des Pariser Clubs, darunter noch gut 1 Milliarde Euro gegenüber der Bundesregierung. Sie werden im Rahmen eines Rückzahlungsabkommens derzeit nach und nach beglichen. Schulden zu Entwicklungshilfebedingungen spielen praktisch keine Rolle. Die Volksrepublik China hat bis Ende 2017 Kredite im Umfang von rund 15,8 Milliarden US-Dollar an Argentinien ausbezahlt. Wie viel davon bereits wieder zurückgezahlt wurde, ist nicht bekannt.

Trend

Argentiniens gesamte Auslandsschulden haben sich seit 2014 sowohl absolut als auch im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung fast verdoppelt. Mitte 2018 wurde der Druck durch den Schuldendienst so groß, dass Argentinien den IWF um Beistand bitte musste, der mit einer Kreditzusage in Höhe von 57 Milliarden US-Dollar den größten Einzelkredit seiner Geschichte gewährte.

Im August 2019 musste Argentinien trotzdem Zahlungen auf einige kurzfristige Zahlungsverpflichtungen vorübergehend einstellen, wodurch es von einigen Agenturen als Selective Default geführt und vom privaten Kapitalmarkt praktisch abgeschnitten wurde.

Bisherige Schuldenerleichterungen für Argentinien

Argentinien war das Land, für dessen Schuldenprobleme 1956 erstmals die Gläubigerregierungen im französischen Finanzministerium zusammenkamen. Aus dieser Zusammenkunft entwickelte sich später das Gläubigerkartell des Pariser Clubs. Drei Mal schuldete Argentinien im Pariser Club um, bevor 1982 die umfassende, sogenannte „Schuldenkrise der Dritten Welt“ ihren Anfang nahm, und danach noch sechs weitere Male. Keine der Verhandlungen implizierte Schuldenreduzierungen, stets wurden lediglich Zahlungsverpflichtungen in die Zukunft verschoben.

Seine Schulden gegenüber privaten Banken hat Argentinien in den achtziger Jahren dreimal umgeschuldet.

Spektakulär erzwang die peronistische Regierungen unter Präsident Nestor Kirchner einen Umtausch seiner Verbindlichkeiten bei seinen Anleihegläubigern 2005 bei einem nominalen Wertverlust von rund 70 Prozent. Damit konnte das Land die Staatspleite von 2002 hinter sich lassen. 2010 wurde der eigentlich bereits abgeschlossene Schuldentausch noch einmal geöffnet, so dass sich insgesamt 93 Prozent der Anleihegläubiger daran beteiligten. Unter den verbliebenen 7 Prozent befanden sich allerdings einige Geierfonds, die im Jahr 2016 eine Bedienung ihrer Forderungen in voller Höhe zuzüglich Zinsen und Gebühren vor US-Gerichten durchsetzen konnten.

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

Argentiniens Auslandsschulden sind bereits jetzt nicht mehr tragfähig. Beobachter*innen rechnen damit, dass das Land Schuldenerleichterungen zwischen 10 und 50 Prozent seiner Verbindlichkeiten braucht. Ohne Schuldenerleichterungen wären zwischen 2019 und 2025 allein auf die bereits existierenden Altschulden Zinsen und Tilgungen im Umfang zwischen 22 und 42 Milliarden US-Dollar fällig. In der vergangenen Dekade hatte ein Sojapreis in der doppelten Höhe von heute dem Land einen ausreichenden Devisenzufluss gesichert. Dieser ist heute nicht in Sicht und eine spürbare Diversifizierung der Wirtschaft hat seit der letzten umfassenden Staatspleite 2002 nicht stattgefunden.

Politische Empfehlungen

Die Regierung unter Präsidentin Kirchner hatte 2014/15 eine starke und positive Rolle in der G77-Initiave für die Schaffung eines Staateninsolvenzverfahrens in den Vereinten Nationen gespielt. Sollte Christina nach den Wahlen Ende Oktober 2019 als Vizepräsidentin in die Regierung zurückkehren, sollte Argentinien zusammen mit anderen kritisch verschuldeten Ländern, die damals zu einer relativ allgemeinen Erklärung verwässerte Initiative wieder aufnehmen. Politisch günstig könnte dabei sein, dass die traditionellen Gläubiger nunmehr mit China einen weiteren bedeutenden Gläubiger mit am Tisch sitzen haben, mit dem sie sich verständigen müssen. 

Weiterführende Informationen und Materialien:

Video: “Staatsverschuldung in Argentinien – Prof. Andrés Musacchio”

 

Stand: Oktober 2019

 

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