Armenien

Hat Armenien ein Schuldenproblem?

Im Blick auf die Gesamtheit aller Indikatoren ist Armenien eines der am stärksten verschuldeten Länder der Erde. Allerdings sind die meisten Indikatoren auf hohem Niveau stabil. Unter den externen Schocks dürfte der Krieg mit Aserbeidschan dramatischere Folgen haben als die COVID-19-Pandemie.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren

(Stand Indikatoren: Vorhersagen des IWF für 2020; absolute Schuldenstände: 31.12.2019)

IndikatorAusprägungGrenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%)93,340
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)295,8150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen(%)27,615
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%)60,750
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%)261,3200
Auslandsschuldenstand (US-Dollar)11,887 Mrd.
Schuldendienst: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger (US-Dollar)2,072 Mrd.

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

 

Wer sind die Gläubiger von Armenien?

ARM Gläubigerprofil 2020-11

Erklärung der Schuldenkategorien

 Die gesamten Auslandsschulden eines Landes setzen sich aus den Schulden des öffentlichen Sektors und denen des Privatsektors zusammen. Im Diagramm sind öffentliche Schulden mit Vollfarben und private Auslandsschulden schraffiert dargestellt.

Bei den öffentlichen Schulden werden drei Gläubigergruppen unterschieden, nämlich multilaterale öffentliche Gläubiger – das sind vor allem Entwicklungsbanken und der IWF -, bilaterale öffentliche Gläubiger – das sind andere Regierungen – und private Gläubiger.

Bei den beiden öffentlichen Gläubigerkategorien unterscheiden wir zudem nach konzessionären, also zinsgünstigen Krediten zu Entwicklungshilfebedingungen, und Krediten zu Marktbedingungen („nicht-konzessionäre“).

Bei den öffentlichen Schulden bei privaten Gläubigern unterscheiden wir die beiden Hauptinstrumente, nämlich Bankkredite und Anleihen. Diese beiden Instrumente unterscheiden wir auch bei den Auslandsschulden des Privatsektors.

Nur etwas mehr als die Hälfte der armenischen Auslandsschulden entfällt auf den Staat, der Rest auf Schulden des Privatsektors bei ausländischen Banken. Zwei Drittel der Auslandsschulden des Staates bestehen gegenüber multilateralen Gläubigern. Der konzessionäre Teil davon besteht gegenüber der Weltbanktochter IDA (engl. International Development Association). Unter den nicht-konzessionären multilateralen Gläubigern ist die Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (engl. International Bank for Reconstruction and Development, IBRD) ein bedeutender Akteur, aber weniger bedeutend als die IDA in ihrer Kategorie.

Unter den bilateralen öffentlichen Förderungen entfallen bei den konzessionären Forderungen 649 von 766 Millionen US-Dollar auf den Pariser Club. Daran ist Deutschland mit 98 Millionen Euro beteiligt. Die Handelsforderungen entfallen zu weniger als der Hälfte auf die Mitglieder des Pariser Clubs; Deutschland ist daran nicht beteiligt. China hat überhaupt keine Forderungen an Armenien.

Ältere armenische Quellen weisen Japan als Armeniens größten bilateralen Gläubiger aus.

Trend

Armenien ist seit mehreren Jahren nicht mehr für Kredite der IDA qualifiziert. Konsequenterweise geht der Anteil der konzessionären Forderungen am gesamten Schuldenstand kontinuierlich zurück. Entsprechend verteuert sich der laufende Schuldendienst für Armenien, was allerdings durch das aktuell niedrige globale Zinsniveau teilweise aufgefangen wird.

Zwischen 2016 und 2020 haben sich – trotz der Auswirkungen der COVID-Pandemie in 2020 – bis auf einen alle Schuldenindikatoren stabilisiert, teilweise sogar verbessert. Allerdings berücksichtigen die hier zugrunde gelegten Vorhersagen des Internationalen Währungsfonds (IWF) zwar die zu erwartenden Auswirkungen der von COVID-19 ausgelösten Rezession, nicht aber die des 2020 wieder aufgeflammten bewaffneten Konflikts mit Aserbeidschan.

Bisherige Schuldenerleichterungen für Armenien

Weder mit seinen Privatgläubigern noch mit dem Pariser Club der öffentlichen Gläubiger hat Armenien bislang Schuldenerleichterungen ausgehandelt. Das Land war weder für die multilaterale Entschuldungsinitiative HIPC/MDRI noch für das G20-Schuldenmoratorium zur Unterstützung des Kampfes gegen COVID-19 (engl. Debt Service Suspension Initiative, DSSI) qualifiziert.

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

Alle Schuldenindikatoren liegen im kritischen, einer – der Schuldenstand im Verhältnis zur jährlichen Wirtschaftsleistung – sogar im sehr kritischen Bereich.

Die erwarteten Auswirkungen von COVID-19 werden die Schulden zumindest nicht noch weiter in den kritischen Bereich treiben. Die wirtschaftlichen und fiskalischen Folgen des Waffengangs um Bergkarabach im Herbst 2020 sind dagegen noch nicht absehbar.

Politische Empfehlungen

Armenien sollte entgegen seiner Tradition Möglichkeiten für Schuldenerleichterungen prüfen und entsprechende internationale Initiativen unterstützen.

Da das Land sich auch für Schuldenumwandlungen unter der deutschen Umwandlungsfazilität qualifiziert, sollte es diese Möglichkeit nutzen, um Auslandsschulden in Investitionen in die Zukunft des Landes zu verwandeln.

 

Stand: November 2020

 

Gefördert durch ENGAGEMENT GLOBAL mit Mitteln des