Brasilien

Hat Brasilien ein Schuldenproblem?

Brasiliens Aufstieg zu einem führenden Schwellenland war zwischen 2000 und 2010 auch mit einer deutlichen Entspannung der Schuldensituation zumindest des brasilianischen Staates einhergegangen. Seit Beginn der laufenden Dekade haben umfangreiche Kreditaufnahmen im Ausland – unter anderem zur Finanzierung der sportlichen Großereignisse Olympische Spiele und Fußballweltmeisterschaft – zu dramatisch ansteigenden Schuldenindikatoren geführt. Eine Zahlungsunfähigkeit ist gleichwohl aktuell noch nicht abzusehen.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren (Stand 2018)

IndikatorAusprägungGrenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%)30,340
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)185,6150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)31,715
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%)87,950
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%)280,7200
Auslandsschuldenstand (US-Dollar)557,823 Mrd.
Schuldendienst: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger (US-Dollar)93,06 Mrd.

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

Wer sind die Gläubiger von Brasilien?

Erklärung der Schuldenkategorien

 Die gesamten Auslandsschulden eines Landes setzen sich aus den Schulden des öffentlichen Sektors und denen des Privatsektors zusammen. Im Diagramm sind öffentliche Schulden mit Vollfarben und private Auslandsschulden schraffiert dargestellt.

Bei den öffentlichen Schulden werden drei Gläubigergruppen unterschieden, nämlich multilaterale öffentliche Gläubiger – das sind vor allem Entwicklungsbanken und der IWF -, bilaterale öffentliche Gläubiger – das sind andere Regierungen – und private Gläubiger.

Bei den beiden öffentlichen Gläubigerkategorien unterscheiden wir zudem nach konzessionären, also zinsgünstigen Krediten zu Entwicklungshilfebedingungen, und Krediten zu Marktbedingungen („nicht-konzessionäre“).

Bei den öffentlichen Schulden bei privaten Gläubigern unterscheiden wir die beiden Hauptinstrumente, nämlich Bankkredite und Anleihen. Diese beiden Instrumente unterscheiden wir auch bei den Auslandsschulden des Privatsektors.

Rund zwei Drittel der Auslandsschulden Brasilien bestehen von Seiten des brasilianischen Privatsektors gegenüber privaten ausländischen Gläubigern, hauptsächlich Banken. Auch der brasilianische Staat ist hauptsächlich gegenüber privaten Kreditgebern verschuldet. Auch hier sind Banken deutlich stärker beteiligt als Anleiheinhaber. Unter den Schulden bei öffentlichen Gläubigern spielen klassische Entwicklungshilfekredite mit insgesamt deutlich unter 1 Milliarde US-Dollar keine nennenswerte Rolle.

Seit Brasilien Mitglied im Pariser Club geworden ist, weist dieser die Forderungen an Brasilien nicht mehr aus. Deutschland hält noch bescheidene 54 Millionen Euro aus früherer Entwicklungszusammenarbeit.

Trend

Von 2015 bis 2018 haben sich vier der fünf Schuldenindikatoren, die erlassjahr.de im Schuldenreport ausweist, um mindestens zehn Prozent verschlechtert. Während der Anstieg bei den gesamten Auslandsschulden eher moderat ausfällt, steigt die Verschuldung des öffentlichen Sektors deutlich schneller, als eigentlich von der Regierung des Präsidenten Jair Bolsonaro vorgesehen. Allein 2019 wird erwartet, dass die öffentliche Verschuldung gegenüber dem oben angegebenen schon sehr hohen Stand für Ende 2018 um weitere 11 Prozent ansteigt.

Bei den Ratingagenturen ist Brasilien seit 2016 aus den A-Kategorien herausgefallen und liegt Mitte 2019 bei Fitch mit stabilen Aussichten bei BB-.

Bisherige Schuldenerleichterungen für Brasilien

Zwischen 1961 und 1992 hat Brasilien insgesamt sechs Mal im Pariser Club umgeschuldet. Alle Umschuldungen fanden unter Classic Terms statt, das heißt ohne jegliches Erlasselement.

1987 stellte Brasilien im Zuge der lateinamerikanischen Schuldenkrise seine Zahlungen an die Gläubigerbanken teilweise ein. 1992 wurden diese dann im Rahmen des sogenannten Brady-Plans mit erheblichen Abschlägen in Anleihen umgewandelt. Diese wurden seither pünktlich bedient.

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

Am problematischsten ist zur Zeit das hohe Defizit der öffentlichen Haushalte: Für 2019 rechnet die Regierung mit einem Defizit in Höhe von 6,32 Prozent, deutlich über den Erwartungen im Haushaltsplan.

Darüber hinaus muss damit gerechnet werden, dass die Schuldenkrise und der teilweise Zahlungsausfall im Nachbarland Argentinien auch für Brasilien nicht ohne Folge bleibt.

Ein weiteres Problem ist, dass nicht nur die Zentralregierung, sondern auch einzelne Bundesstaaten – prominent Rio de Janeiro – bis an den Rand der Zahlungsunfähigkeit überschuldet sind.

Politische Empfehlungen

Sollte die Bundesregierung versuchen, das immer weiter ausufernde Defizit im Staatshaushalt durch eine aggressive Austeritätspolitik in den Griff zu bekommen, könnten ihr bald ähnliche Unruhen wie in Chile oder Ecuador bevorstehen. Eine ausgleichende Wirtschaftspolitik wäre jetzt notwendig. Ob Präsident Bolsonaro, etwa so wie die ebenfalls rechtspopulistische Regierung in Polen, dazu in der Lage sein wird, ist fraglich.

Brasilien muss außerdem die politischen und rechtlichen Voraussetzungen dafür schaffen, dass die öffentliche Hand für die riesigen Schulden des Privatsektors nicht in Haftung genommen werden kann. Ein entsprechendes Bail-out-Verbot könnte an diesem Punkt sehr nützlich sein. Allerdings ist, da sowohl die alte Regierung als auch die aktuelle neoliberale Regierung mit den großen Schuldnern eng verflochten ist beziehungsweise war, fraglich, ob Regierung und Parlament dazu den politischen Willen aufbringen.

 Weiterführende Informationen und Materialien:

 

Stand: Oktober 2019

 

Gefördert durch ENGAGEMENT GLOBAL mit Mitteln des