Ecuador

Hat Ecuador ein Schuldenproblem?

Die rasante Kreditaufnahme der letzten fünf Jahre hat die zuvor niedrigen Schuldenindikatoren wieder so drastisch ansteigen lassen, dass die Regierung Hilfe beim Internationalen Währungsfonds (IWF) suchen musste. Dessen harte Bedingungen für seine Unterstützung haben im Oktober 2019 zu einer sozialen Destabilisierung geführt, in deren Folge die Regierung sogar aus der Hauptstadt Quito fliehen musste. Eine Befriedung des Landes wird ohne eine Reduzierung der immer schneller wachsenden Schuldendienstzahlungen nicht finanzierbar sein.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren (Stand 2018)

IndikatorAusprägungGrenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%)42,640
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)180,8150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)36,715
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%)46,150
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%)127,2200
Auslandsschuldenstand (US-Dollar)45,019 Mrd.
Schuldendienst: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger (US-Dollar)9,1 Mrd.

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

Wer sind die Gläubiger von Ecuador?

Erklärung der Schuldenkategorien

 Die gesamten Auslandsschulden eines Landes setzen sich aus den Schulden des öffentlichen Sektors und denen des Privatsektors zusammen. Im Diagramm sind öffentliche Schulden mit Vollfarben und private Auslandsschulden schraffiert dargestellt.

Bei den öffentlichen Schulden werden drei Gläubigergruppen unterschieden, nämlich multilaterale öffentliche Gläubiger – das sind vor allem Entwicklungsbanken und der IWF -, bilaterale öffentliche Gläubiger – das sind andere Regierungen – und private Gläubiger.

Bei den beiden öffentlichen Gläubigerkategorien unterscheiden wir zudem nach konzessionären, also zinsgünstigen Krediten zu Entwicklungshilfebedingungen, und Krediten zu Marktbedingungen („nicht-konzessionäre“).

Bei den öffentlichen Schulden bei privaten Gläubigern unterscheiden wir die beiden Hauptinstrumente, nämlich Bankkredite und Anleihen. Diese beiden Instrumente unterscheiden wir auch bei den Auslandsschulden des Privatsektors.

Ecuadors Gläubigerprofil hat sich in den letzten Jahren dramatisch verändert. Nach der Teilentschuldung, die Präsident Rafael Correa 2009 erzwungen hat, hat Ecuador kaum noch konzessionäre Kredite erhalten. Diese sind heute fast vernachlässigbar klein. Dagegen hat Ecuador in großem Stile nicht-konzessionäre Kredite bei multilateralen Gläubigern und auch bei China aufgenommen. China hat heute 17,4 Milliarden US-Dollar ausgezahlt (und zu einem erheblichen Teil als Rückzahlungen bereits wieder kassiert). Ecuador hat außerdem an den internationalen Kapitalmärkten in bis dahin unbekanntem Umfang Anleihen platzieren können. Deutschland erhebt noch Forderungen von 20 Millionen Euro gegenüber Ecuador – überwiegend aus der früheren Entwicklungszusammenarbeit.

Trend

Ecuadors Auslandsschulden Haben sich von 2014 bis Ende 2018 knapp verdoppelt. Das gleiche trifft auch auf die meisten Schuldenindikatoren zu, die Schulden und Schuldendienst ins Verhältnis zur wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit setzen.

Im Februar 2019 hat die Regierung von Präsident Lenín Moreno ein Kreditabkommen mit dem IWF im Umfang von 4,2 Milliarden US-Dollar unterzeichnet. Gleichzeitig haben weitere multilaterale Institutionen, darunter die Interamerikanische Entwicklungsbank und die Andine Kreditgenossenschaft weitere 6 Milliarden US-Dollar zugesagt.

Im Gegenzug hat sich die Regierung zu einem umfangreichen Subventionsabbau verpflichtet. Dieser wiederum war Auslöser für die Ende September ausgebrochenen gewalttätigen Unruhen.

Bisherige Schuldenerleichterungen für Ecuador

Ecuador hat seit 1983 achtmal mit seinen öffentlichen Gläubigern im Pariser Club verhandelt. Die ersten vier Vereinbarungen sahen dabei nur Umschuldungen vor (Classic Terms). Die folgenden in den Jahren 1992, 1994, 2000 und 2003 unter Houston Terms beinhalteten begrenzte Schuldenerleichterungen, indem die Mitglieder des Pariser Clubs ihre Forderungen zu etwas günstigeren Zinsen und Rückzahlungsbedingungen in die Zukunft verschoben. Auch Schuldenumwandlungen für Entwicklung waren unter den letztgenannten vier noch aktiven Vereinbarungen möglich und wurden vereinzelt umgesetzt – unter anderem mit Deutschland.

Vor dem Amtsantritt der Regierung Correa hatte Ecuador bereits fünf Mal seine Schulden bei privaten ausländischen Gläubigern restrukturiert. 1995 und 2000 hatten die Gläubiger dabei beträchtliche Abschreibungen auf den Nominalwert hinnehmen müssen. Das Forum dafür war zunächst der sogenannte Londoner Club der großen Geschäftsbanken. Im Jahr 2009 erzwang die Regierung Correa einen Umtausch der aus alten Restrukturierungen ausstehenden Global-Anleihen in neue Anleihen mit einem Abschlag von rund zwei Dritteln des Nennwerts.

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

Ecuador weist seit der von den Anleihegläubigern erzwungenen Schuldenerleichterung von 2009 beständig steigende Schuldenindikatoren auf. Bis Ende 2018 lagen sie – bis auf den laufenden Schuldendienst im Verhältnis zu den Exporteinnahmen – noch überwiegend im tragfähigen Bereich. Der stark nicht-konzessionäre Charakter der Neu-Kreditaufnahmen droht allerdings, das Land, das keine eigene Währung mehr hat, zahlungsunfähig werden zu lassen, so dass die Bitte um Unterstützung vom IWF und von anderen multilateralen Institutionen – die Präsident Correa bei seinem Amtsantritt 2007 noch spektakulär ausbezahlt oder sogar des Landes verwiesen hatte – als der einzige Ausweg erscheint.

Der Verfall der Ölpreise hatte bereits ab 2015 zu einem Wachstumseinbruch geführt, der wiederum durch externe Finanzierungen aufgefangen werden musste. Von daher ist die aktuelle Dynamik höchst bedenklich: Alle Schuldenindikatoren haben sich von 2014 bis 2018 um mindestens 10 Prozent verschlechtert.

Politische Empfehlungen

So schwierig das nach der konfrontativen Politik Rafael Correas auch sein wird: Der heutige Präsident Lenín Moreno wird nicht darum herum kommen, einen Weg zu Schuldenerleichterungen zu finden. Anleihegläubiger und China als wichtigster bilateraler Gläubiger komplizieren diese Aufgabe noch mehr als die Schuldenreduzierung von 2008 – zumal die jetzige Regierung aus einer Position der wirtschaftlichen Schwäche verhandeln muss, während 2008 der hohe Ölpreis Ecuador zu einer relativ komfortablen Situation verhalf.

WEITERFÜHRENDE INFORMATIONEN UND MATERIALIEN:

Video: “Staatsverschuldung in Ecuador – Alberto Acosta”

 

Stand: Oktober 2019

 

Gefördert durch ENGAGEMENT GLOBAL mit Mitteln des