Gambia

Hat Gambia ein Schuldenproblem?

Gambia ist seit Ende 2018 offiziell im teilweisen Zahlungsausfall. Die deutlich verteuerte Verschuldung macht ein „Herauswachsen“ aus den Schulden unwahrscheinlich. Vielmehr könnte Gambia wegen seines spezifischen Gläubigerprofils und der guten Reputation der neuen demokratischen Regierung zu einem Pilotfall für eine faire und weiter gehende Entschuldung werden.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren (Stand 2018)

IndikatorAusprägungGrenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%)42,740
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)220,1150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)26,215
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%)83,250
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%)681,4200
Auslandsschuldenstand (US-Dollar)526,8 Mio.
Schuldendienst: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger (US-Dollar)37,0 Mio.

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

Wer sind die Gläubiger von Gambia?

 

Erklärung der Schuldenkategorien
Die gesamten Auslandsschulden eines Landes setzen sich aus den Schulden des öffentlichen Sektors und denen des Privatsektors zusammen. Im Diagramm sind öffentliche Schulden mit Vollfarben und private Auslandsschulden schraffiert dargestellt.

Bei den öffentlichen Schulden werden drei Gläubigergruppen unterschieden, nämlich multilaterale öffentliche Gläubiger – das sind vor allem Entwicklungsbanken und der IWF -, bilaterale öffentliche Gläubiger – das sind andere Regierungen – und private Gläubiger.

Bei den beiden öffentlichen Gläubigerkategorien unterscheiden wir zudem nach konzessionären, also zinsgünstigen Krediten zu Entwicklungshilfebedingungen, und Krediten zu Marktbedingungen („nicht-konzessionäre“).

Bei den öffentlichen Schulden bei privaten Gläubigern unterscheiden wir die beiden Hauptinstrumente, nämlich Bankkredite und Anleihen. Diese beiden Instrumente unterscheiden wir auch bei den Auslandsschulden des Privatsektors.

Gambias Auslandsschulden bestehen sämtlich von Seiten des Staates oder sind vom Staat garantiert. Gambische Unternehmen und Banken sind nicht im Ausland verschuldet.

Die Gläubiger sind bis auf eine sehr geringe Zahlungsverpflichtung gegenüber ausländischen Banken ausschließlich im öffentlichen Sektor. Zwei Drittel der Schulden bestehen gegenüber multilateralen und ein Drittel gegenüber bilateralen Gläubigern.

Unter den multilateralen Gläubigern halten die Weltbank und der Internationale Währungsfonds (IWF) zusammen rund die Hälfte der Forderungen. Die Islamische Entwicklungsbank, der Afrikanische Entwicklungsfonds und der OPEC Fund sind weitere wichtige multilaterale Gläubiger.

Unter den bilateralen Gläubigern spielen die traditionellen Geber im Pariser Club mit insgesamt nur noch 5 Millionen US-Dollar auf Seiten Belgiens praktisch keine Rolle mehr. Deutschland ist kein Gläubiger Gambias mehr, nachdem schon vor der Entschuldungsinitiative für hoch verschuldete arme Staaten (engl. Heavily Indebted Poor Countries Initiative, HIPC) die noch ausstehenden 10,23 Millionen Euro aus Entwicklungshilfekrediten erlassen worden waren. Wichtige bilaterale Gläubiger sind stattdessen Indien, China, Saudi-Arabien und Kuwait.

Trend

Zwischen 2014 und 2018 haben sich bis auf einen alle Schuldenindikatoren Gambias um mindestens 10 Prozent verschlechtert. Wichtiger als der generelle Anstieg der Verschuldung im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung ist indes die Verschiebung von ehemals konzessionären zu heute überwiegend kommerziellen Krediten, sowohl auf Seiten der bilateralen als auch der multilateralen Gläubiger.

Bisherige Schuldenerleichterungen für Gambia

Gambia hat seit 1986 viermal im Pariser Club mit seinen öffentlichen Gläubigern verhandelt. In jenem Jahr erhielt es nur eine Streckung seiner Verbindlichkeiten (Classic Terms). 2003 und 2007 wurden dann jeweils rund 90 Prozent der Fälligkeiten gestrichen (Cologne Terms), bevor 2008 die abschließende HIPC-Vereinbarung getroffen wurde.

Der gesamte Entlastungsprozess durch die HIPC/MDRI-Initiative mit dem Decision Point 2000 und dem Completion Point in 2007 erbrachte insgesamt nominale Schuldenerleichterungen von 487 Millionen US-Dollar.

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

Mit der Verschiebung von zinsgünstigen zu marktmäßigen Kreditaufnahmen sowohl unter der Diktatur als auch unter der neuen demokratischen Regierung ist der Schuldendienst erneut in Größenordnungen gestiegen, die das Land vor zwanzig Jahren für die HIPC-Initiative qualifiziert hatten.

Seit November 2018 ist Gambia im teilweisen Zahlungsausfall.

Eine besondere Belastung ist für die seit 2018 amtierende demokratische Regierung dadurch entstanden, dass der 2017 abgewählte langjährige Präsident Yahya Jammeh nur dadurch zum friedlichen Verlassen des Präsidentenamtes bewegt werden konnte, dass ihm die Mitnahme erheblichen öffentlichen Eigentums ermöglicht wurde. Schätzungen gehen davon aus, dass dadurch 90 Millionen US-Dollar das Land verlassen haben – das entspricht rund einem Siebtel der gesamten Auslandsschulden.

Politische Empfehlungen

Gambia sollte sich darum bemühen, seinen laufenden Schuldendienst deutlich zu reduzieren, um wachstumsfördernde Maßnahmen finanzieren zu können. Eine Grundlage dafür könnten besondere Entschuldungsinitiativen für vom Klimawandel bedrohte Staaten sein. Durch seine für ein so kleines Lad sehr diverse, aber gleichwohl auf den öffentlichen Sektor beschränkte Gläubigerstruktur könnte Gambia ein Pilotfall für ein umfassendes und unter neutraler Leitung ablaufendes Entschuldungsverfahren sein.

Gambia ist das Land, aus dem pro Kopf die meisten Menschen nach Europa flüchten. Ein umfänglicher Schuldenerlass könnte die neue demokratisch gewählte Regierung von Adama Barrow in die Lage versetzen, den Menschen nach Jahren der Willkür und Unterdrückung wieder eine Perspektive zu bieten.

 

Stand: Februar 2020

 

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