Ghana

Hat Ghana ein Schuldenproblem?

Ghana hat vor allem im Zusammenhang mit den Investitionen zur Erschließung der Öl- und Gasfelder vor seiner Küste in den letzten Jahren in großem Stil Kredite im Ausland aufgenommen. Infolge des dadurch anhaltenden Leistungsbilanzdefizits sind einige Schuldenindikatoren dramatisch angestiegen. Seit Anfang 2015 attestiert der Internationale Währungsfonds (IWF) dem Land ein hohes Überschuldungsrisiko.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren (Stand 2020)

IndikatorAusprägungGrenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%)49,540
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)153,7150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)23,215
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%)78,949
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%)616,6200
Auslandsschuldenstand (US-Dollar)31,323 Mrd.
Schuldendienst: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger (US-Dollar)2,747 Mrd.

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

Ghanas Auslandsschulden bestehen fast ausschließlich auf Seiten des Staates. Ghanaische Banken und Unternehmen sind (ohne staatliche Garantie) nur minimal im Ausland verschuldet.

Wer sind die Gläubiger von Ghana?

Erklärung der Schuldenkategorien

Die gesamten Auslandsschulden eines Landes setzen sich aus den Schulden des öffentlichen Sektors und denen des Privatsektors zusammen. Im Diagramm sind öffentliche Schulden mit Vollfarben und private Auslandsschulden schraffiert dargestellt.

Bei den öffentlichen Schulden werden drei Gläubigergruppen unterschieden, nämlich multilaterale öffentliche Gläubiger – das sind vor allem Entwicklungsbanken und der IWF -, bilaterale öffentliche Gläubiger – das sind andere Regierungen – und private Gläubiger.

Bei den beiden öffentlichen Gläubigerkategorien unterscheiden wir zudem nach konzessionären, also zinsgünstigen Krediten zu Entwicklungshilfebedingungen, und Krediten zu Marktbedingungen („nicht-konzessionäre“).

Bei den öffentlichen Schulden bei privaten Gläubigern unterscheiden wir die beiden Hauptinstrumente, nämlich Bankkredite und Anleihen. Diese beiden Instrumente unterscheiden wir auch bei den Auslandsschulden des Privatsektors.

Zu etwas weniger als der Hälfte bestehen Ghanas Auslandsschulden aus Verbindlichkeiten gegenüber dem öffentlichen Sektor. Dabei spielen multilaterale Geber, insbesondere die Weltbank, der IWF und die Afrikanische Entwicklungsbank eine bedeutendere Rolle als bilaterale Geber. Multilaterale Finanzierungen sind auch zu einem wesentlich größeren Anteil zu konzessionären Bedingungen vergeben als bilaterale.

Unter den letzteren hat sich in den letzten Jahren eine bedeutende Verschiebung weg von Entwicklungshilfekrediten und hin zu kommerziellen Finanzierungen ergeben. Die bedeutendsten Inhaber nicht-konzessionärer Forderungen an Ghana sind drei Schwellenländer, die gerade in den letzten Jahren kommerzielle Kredite bereitgestellt haben: Mit deutlichem Abstand werden sie angeführt von China (1,43 Milliarden US-Dollar), gefolgt von Indien (410 Millionen US-Dollar) und Ägypten (218 Millionen US-Dollar). Erst danach folgen die USA.

Unter den Entwicklungshilfegebern liegen dagegen die traditionellen Geber Frankreich (259 Millionen US-Dollar), Deutschland (242 Millionen US-Dollar) und Belgien (236 Millionen US-Dollar) an der Spitze.

Bei den deutschen Forderungen handelt es sich wesentlich um neue Finanzierungen nach der Entlastung Ghanas unter der multilateralen Entschuldungsinitiative für hoch verschuldete arme Staaten (Heavily Indebted Poor Countries, HIPC) 2002 und 2005. Nach seiner Graduierung zum Mitteleinkommensland ist Ghana eines der wenigen (Ex-)HIPCs, welche aus Deutschland zinsgünstige Kredite anstelle von Zuschüssen erhalten.

Die andere Hälfte der Auslandsschulden besteht gegenüber kommerziellen Gläubigern, also Banken und Anleihegläubigern. Dies sind Schulden zu „harten“ Bedingungen, das heißt marktüblichen Zinsen und kurzen Laufzeiten. Als eines der ersten unter der multilateralen Entschuldungsinitiative entlasteten Länder platzierte Ghana schon 2007 eine öffentliche Anleihe (in Höhe von 750 Millionen US-Dollar) am Kapitalmarkt. Seit 2013 ist Ghana in großem Stil am Anleihemarkt aktiv. Platzierte Staatspapiere stiegen bis 2018 auf mehr als 5 Milliarden US-Dollar und haben sich bis Ende 2020 noch einmal verdoppelt. Die Zinssätze auf die ausstehenden Anleihen liegen in der Größenordnung von 10 Prozent und sind damit auch im afrikanischen Vergleich hoch.

Insgesamt sind multilaterale und Anleihe-Schulden die am dynamischsten wachsenden Bestandteile der ghanaischen Auslandsschulden.

Gegenüber seinen nicht-traditionellen (also nicht im sogenannten Pariser Club organisierten) öffentlichen Kreditgebern (890 Mio. US-Dollar) und seinen Privatgläubigern (150 Mio. US- Dollar) ist Ghana Ende 2020 mit mehr als 1 Milliarde US-Dollar im Zahlungsrückstand.

Trend

Ghanas Auslandsschulden haben sich von 2011 bis 2020 verdreifacht und sind seither noch weiter angestiegen. Dabei sind die Verbindlichkeiten gegenüber allen Gläubigergruppen deutlich gestiegen. Innerhalb der Gruppe der bilateralen öffentlichen Gläubiger hat es – vor allem infolge kommerzieller Finanzierungen aus China – eine starke Verschiebung von konzessionären zu marktmäßigen Finanzierungen gegeben.

Trotz des nach 2015 wieder anziehenden Ölpreises nach einem heftigen Einbruch der Exporteinnahmen 2013-2015 schlägt sich der Anstieg des laufenden Schuldendienstes in einem deutlichen Anstieg des Schuldendienstquotienten nieder, der erstmal wieder Größenordnungen erreicht, welche vor 20 Jahren für eine Qualifizierung zum Schuldenerlass unter der HIPC-Initiative gereicht hätten.

Insgesamt sind multilaterale und Anleihe-Schulden die am dynamischsten wachsenden Bestandteile der ghanaischen Auslandsschulden.

Bisherige Schuldenerleichterungen für Ghana

Ghana wurde 2002 in die multilateralen HIPC-Initiative aufgenommen. Nominale 7,4 Milliarden US-Dollar wurden 2004 unter der HIPC-Initiative und im darauffolgenden Jahr unter der Multilateral Debt Relief Initiative (MDRI) gestrichen, was den zweitgrößten nominalen Schuldenerlass aller HIPC-Länder bedeutet.

Zuvor hatte Ghana 1996 bei Verhandlungen im Pariser Club der Gläubiger unter Classic Terms eine Umschuldung ohne Teilerlass und 2001 eine kleinere Umschuldung mit einem Erlasselement von 67 Prozent (Naples Terms) auf die relativ bescheidenen umgeschuldeten Fälligkeiten erhalten.

China hat 2003 bis 2007 in drei Schritten insgesamt rund 240 Millionen US-Dollar Forderungen an Ghana gestrichen, und damit in etwa seinen Beitrag zur HIPC-Entschuldung erbracht.

Nach der HIPC-Entlastung lagen bis 2017 alle Auslandsschuldenindikatoren Ghanas im unkritischen Bereich. 2018 stieg der Schuldendienstquotient dann erstmal und sprunghaft wieder über die kritische Grenze von 15 Prozent. Das gleiche geschah 2020 mit dem Quotienten aus Schuldenstand und Exporteinnahmen.

Ghana hatte schon 2020 eine Beteiligung an der Moratoriumsinitiative der G20 (DSSI) abgelehnt und dadurch im kritischen Jahr 2021 rund 516 Millionen US-Dollar Schuldendienst geleitstet, die hätten aufgeschoben werden können.

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

2021 musste Ghana 46 Prozent seiner öffentlichen Einnahmen für den Schuldendienst an seine inländischen und ausländischen Gläubiger aufwenden.

Ghana hat sich nach seiner Entlastung durch die HIPC -Initiative und die MDRI eine bemerkenswerte politische Stabilität unter anderem auch durch relativ hohe öffentliche Ausgaben erkauft, welche besonders in Wahljahren regelmäßig stark angestiegen sind. Aktuell liegen die gesamten öffentlichen Schulden im deutlich kritischen Bereich und in jedem Wahlzyklus weist der IWF erneut (meist vergeblich) auf die Gefahren für die fiskalische Stabilität durch eine allzu großzügige Ausgabenpolitik hin.

Der Einbruch der Energiepreise in der Corona-Pandemie hat zu heftigen Einnahmerückgängen für Ghana geführt. Diese wurden durch den rasanten Wiederanstieg infolge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine teilweise kompensiert. Der IWF bescheinigt Ghana ein hohes Überschuldungsrisiko und auch der erlassjahr.de-Schuldenreport 2022 betrachtet die Lage des Landes als “kritisch”.

Politische Empfehlungen

Ghana ist der geradezu klassische Fall einer extraktivistischen Ökonomie, die durch Preisveränderungen für seine Rohstoffe, auf die es kaum Einfluss hat, in Schwierigkeiten gerät. Das Land sollte sein wegen der friedlichen Machtwechsel und der innenpolitischen stabilen Situation hohes politisches Gewicht für internationale Initiativen in Richtung auf neue Entschuldungsmöglichkeiten für solche Länder in die Waagschale werfen.

Weiterführende Informationen und Materialien:

Stand: Mai 2022