Guinea-Bissau

Hat Guinea-Bissau ein Schuldenproblem?

Guinea-Bissau hat aktuell kein Auslandsschuldenproblem; allerdings ist der Staat im Inland so stark verschuldet, dass die Grenzwerte bei der gesamten öffentlichen Verschuldung überschritten werden. Angesichts der eher schwachen Regierungsführung sowie der wenig entwickelten technischen und sozialen Infrastruktur kann die aktuell drohende COVID-19-Pandemie zu einer Zahlungsunfähigkeit der öffentlichen Haushalte führen.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren (Stand 2018)

IndikatorAusprägungGrenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%)28,940
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)81,5150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)1,915
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%)56,150
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%)335,0200
Auslandsschuldenstand (US-Dollar)420,7 Mio.
Schuldendienst: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger (US-Dollar)5,8 Mio.

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

Wer sind die Gläubiger von Guinea-Bissau?

GBS Gläubigerprofil 2020-04

Erklärung der Schuldenkategorien

 Die gesamten Auslandsschulden eines Landes setzen sich aus den Schulden des öffentlichen Sektors und denen des Privatsektors zusammen. Im Diagramm sind öffentliche Schulden mit Vollfarben und private Auslandsschulden schraffiert dargestellt.

Bei den öffentlichen Schulden werden drei Gläubigergruppen unterschieden, nämlich multilaterale öffentliche Gläubiger – das sind vor allem Entwicklungsbanken und der IWF -, bilaterale öffentliche Gläubiger – das sind andere Regierungen – und private Gläubiger.

Bei den beiden öffentlichen Gläubigerkategorien unterscheiden wir zudem nach konzessionären, also zinsgünstigen Krediten zu Entwicklungshilfebedingungen, und Krediten zu Marktbedingungen („nicht-konzessionäre“).

Bei den öffentlichen Schulden bei privaten Gläubigern unterscheiden wir die beiden Hauptinstrumente, nämlich Bankkredite und Anleihen. Diese beiden Instrumente unterscheiden wir auch bei den Auslandsschulden des Privatsektors.

Für Guinea-Bissau spielen weder private Schuldner noch private ausländische Gläubiger eine Rolle. Alle Auslandsschulden des Landes bestehen von Seiten des Staates oder werden von ihm garantiert. Dabei entfallen gut zwei Drittel auf multilaterale Gläubiger, prominent den Internationalen Währungsfond (IWF) und die Weltbank. Das letzte Drittel entfällt auf bilaterale öffentliche Gläubiger, der größte Teil davon auf relativ teure Handelskredite, die inzwischen die Forderungen im Rahmen der zinsgünstigen Entwicklungszusammenarbeit übersteigen. Von 24 Millionen Dollar Schulden aus der Finanziellen Zusammenarbeit entfallen 10 Millionen auf die Mitglieder des Pariser Clubs, von den 87,8 Millionen Dollar Handelsschulden ist es mit 64 Millionen der Löwenanteil. Deutschland hält seit der Entschuldung aus der multilateralen Entschuldungsinitiative HIPC keine Forderungen mehr an Guinea-Bissau. Auch China ist dort nicht als Kreditgeber aktiv.

Trend

Seit der Entschuldung durch die multilateralen Entschuldungsinitiativen HIPC/MDRI 2010 hat sich der gesamte Auslandsschuldenstand von einem niedrigen Niveau aus wieder mehr als verdoppelt. Trotzdem liegen die Auslandsschuldenindikatoren weiterhin unter den kritischen Grenzwerten. Dazu beigetragen hat vor allem die Kreditaufnahme bei multilateralen Kreditgebern. Sowohl bei den bilateralen wie auch bei den multilateralen Gläubigern hat es allerdings eine Verschiebung von den zinsgünstigen zu den marktmäßigen Finanzierungen gegeben. Aktuell schlägt sich das noch nicht in einem ansteigenden Schuldendienst nieder. Damit ist in den nächsten Jahren indes zu rechnen.

Bisherige Schuldenerleichterungen für Guinea-Bissau

Zwischen 1987 und 2011 hat Guinea-Bissau siebenmal im Pariser Club mit seinen öffentlichen Gläubigern verhandelt, wobei beim ersten Mal überhaupt keine Schuldenerleichterungen gewährt wurden und diese bis zur weitgehenden Streichung der Forderungen der Mitglieder des Pariser Clubs 2011 nur schrittweise ausgeweitet wurden. 2011 wurden diese von 614 Prozent auf 95 Prozent der jährlichen Exporteinnahmen reduziert und die verbleibende Schuld wurde zinsgünstig gestreckt.

Im April 2020 qualifizierte sich Guinea-Bissau für die multilateralen Schuldenerleichterungen zur Unterstützung bei der Bewältigung von COVID-19: 8 Millionen US-Dollar, die 2020 noch an den IWF fällig geworden wären, werden vollständig von der Entschuldungsfazilität des IWF, dem Catastrophe Containment and Relief Trust (CCRT), übernommen und brauchen folglich von Guinea-Bissau nicht gezahlt zu werden. Außerdem kann das Land seinen laufenden Schuldendienst an die Mitglieder des Pariser Clubs und der G20 in diesem Jahr komplett aussetzen und muss diese erst ab 2022 nachzahlen.

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

Der IWF bescheinigt Guinea-Bissau ein “mittleres” Überschuldungsrisiko. Das heißt, er sieht keine Insolvenzgefahr, wenn das Land sich gemäß dem von ihm kalkulierten Basisszenario entwickelt (und wirtschaftspolitisch verhält). Unter mindestens einem der vom IWF prophylaktisch berechneten Schockszenarien werden allerdings kritische Grenzwerte überschritten.

2016 hat der IWF kurzzeitig die Auszahlungen an Guinea-Bissau eingestellt, nachdem die Regierung zwei private Banken mit öffentlichen Mitteln vor der Pleite gerettet hatte. Der IWF kritisierte, durch die Operation würden nur reiche Guineer*innen sowie ausländische Investoren begünstigt und zwang die Regierung, die Rettungsoperation rückgängig zu machen. Guinea-Bissaus öffentlicher Haushalt ist zu 80 Prozent von ausländischen Finanzierungen abhängig.

Bei Abfassung dieses Länderprofils hatte Guinea-Bissau 50 bestätigte Corona-Fälle und noch keine Toten. Trotzdem sind die Folgen einer um sich greifenden Pandemie angesichts des schwachen Gesundheitssystems nicht abzusehen.

Politische Empfehlungen

Bei einer verstärkten Auswirkung von COVID-19 braucht Guinea-Bissau zusammen mit anderen betroffenen Ländern eine grundsätzliche Neubewertung seiner Schuldentragfähigkeit.

 

Stand: April 2020

 

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