Jamaika

Hat Jamaika ein Schuldenproblem?

Jamaikas Schulden sind in den letzten drei Jahren langsam, aber stetig gesunken. Trotzdem sind sie immer noch sehr hoch. Durch die Rezession infolge von COVID-19 muss 2020 mit einem dramatischen Schuldenanstieg gerechnet werden. Bislang ist Jamaika zudem nicht in den Genuss von Auslandsschuldenerleichterungen gekommen. Die werden in der Krise dieses Jahres unerlässlich.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren (Stand 2018)

IndikatorAusprägungGrenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%)108,040
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)268,2150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)20,415
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%)99,450
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%)327,4200
Auslandsschuldenstand (US-Dollar)16,307 Mrd.
Schuldendienst: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger (US-Dollar)1,148 Mrd.

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

Wer sind die Gläubiger von Jamaika?

JAM Gläubigerprofil 2020-05

Erklärung der Schuldenkategorien

 Die gesamten Auslandsschulden eines Landes setzen sich aus den Schulden des öffentlichen Sektors und denen des Privatsektors zusammen. Im Diagramm sind öffentliche Schulden mit Vollfarben und private Auslandsschulden schraffiert dargestellt.

Bei den öffentlichen Schulden werden drei Gläubigergruppen unterschieden, nämlich multilaterale öffentliche Gläubiger – das sind vor allem Entwicklungsbanken und der IWF -, bilaterale öffentliche Gläubiger – das sind andere Regierungen – und private Gläubiger.

Bei den beiden öffentlichen Gläubigerkategorien unterscheiden wir zudem nach konzessionären, also zinsgünstigen Krediten zu Entwicklungshilfebedingungen, und Krediten zu Marktbedingungen („nicht-konzessionäre“).

Bei den öffentlichen Schulden bei privaten Gläubigern unterscheiden wir die beiden Hauptinstrumente, nämlich Bankkredite und Anleihen. Diese beiden Instrumente unterscheiden wir auch bei den Auslandsschulden des Privatsektors.

Ende 2018 bestanden fast drei Viertel der gesamten Auslandsschulden gegenüber privaten Gläubigern. Die größte Einzelkategorie sind die Auslandsschulden des jamaikanischen Staates gegenüber privaten Anleihegläubigern.

Jamaikas Schulden sind für ein Land seiner Einkommenskategorie überdurchschnittlich teuer, weil der Anteil der konzessionären – also zu niedrigen Zinsen und langen Laufzeiten vergebenen – Kredite sehr niedrig ist und überdies abnimmt.

Unter den bilateralen Gläubigern ist China am bedeutendsten, gefolgt von Japan und den USA. Nach Venezuela folgt Deutschland auf Platz 5 mit inzwischen aber nur noch 10 Millionen Euro Forderungen aus der Entwicklungshilfe.

Trend

2019 ist Jamaikas Schuldenquote erstmal seit 2001 unter die Marke von 100 Prozent der Wirtschaftsleistung gefallen. [Das spiegelt sich allerdings noch nicht in den standardisierten Ende-2018-Daten der Tabelle wider.] Diese Stabilisierung war möglich, weil es zwei Restrukturierungen der Schulden des Staates bei seinen internen Gläubigern gegeben hat. Überdies unterlag Jamaika einem drastischen Austeritätsprogramm unter Überwachung des Internationalen Währungsfonds (IWF). Für 2019 verlangte der Fonds einen Primärüberschuss (alle staatlichen Ausgaben und Einnahmen ohne Berücksichtigung der Zinszahlungen) in Höhe von 7 Prozent. Das ist doppelt so viel wie der IWF von Griechenland verlangte (und im Nachhinein selbst als exzessiv bezeichnete).

Allerdings trifft wegen der Abhängigkeit des Landes vom Tourismus die von COVID-19 ausgelöste Rezession die Insel hart. Für 2020 wird ein Indikator wiederum deutlich über 100 Prozent erwartet.

Bisherige Schuldenerleichterungen für Jamaika

Zwischen 1984 und 1993 hat Jamaika siebenmal mit seinen öffentlichen Gläubigern im Pariser Club verhandelt. Dabei gab es – abgesehen von bescheidenen Erleichterungen beim laufenden Schuldendienst in den letzten beiden Runden – keine Schuldenreduzierungen.

2010 hat Jamaika die öffentlichen Schulden bei seinen internen jamaikanischen Gläubigern im Rahmen eines Schuldentauschs (Jamaican Debt Exchange, JDX) spürbar reduzieren können. Gegen die Empfehlung seiner Berater des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) hat die Regierung es 2010 nicht gewagt, auch die Schulden bei seinen ausländischen Gläubigern entsprechend zu reduzieren. Deswegen musste eine ähnliche Operation 2013 wiederholt werden: Der National Debt Exchange (NDX) reduzierte den Barwert der Schulden bis 2020 um 8,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, also um etwa 1 Prozent pro Jahr.

Jamaika war weder für die multilaterale HIPC/MDRI-Entschuldungsinitiative von Weltbank und IWF um das Jahr 2000 qualifiziert, noch kommt es in den Genuss des im April 2020 ausgesprochenen Schuldenmoratoriums der G20.

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

Noch Anfang 2020 fiel die Einschätzung des IWF zur Schuldentragfähigkeit Jamaikas ausgesprochen optimistisch aus. Dies gründete sich auf den erwarteten Erfolg einer rigiden Strukturanpassungspolitik gemäß den Vorgaben des IWF.

Die wichtigsten Faktoren, durch die die von COVID-19 ausgelöste Rezession Jamaika erneut in eine Schuldenkrise bringen kann, sind – ausgehend von den immer noch hohen Schuldenindikatoren zu Beginn der Krise – der drastische Einbruch beim Tourismus und der zu erwartende Rückgang bei den Überweisungen von Migrant*innen infolge der dramatisch angestiegenen Arbeitslosigkeit in den USA, Kanada und Großbritannien.

Eine für 2020 als überdurchschnittlich vorhergesagte Hurrikan-Saison zwischen Juni und September stellt ein zusätzliches Gefährdungspotenzial dar.

Politische Empfehlungen

Jamaika war einer der Wortführer in der G77 für ein ambitionierteres Entschuldungsprogramm bereits vor dem Ausbruch von COVID-19. Im Frühjahr 2020 hat es erneut einen Konsultationsprozess zu Entwicklungsfinanzierung in Zeiten der COVID-19-Pandemie zusammen mit Kanada und dem Generalsekretär der Vereinten Nationen angestoßen. Es sollte die Forderungen nach Entlastung für alle Länder, die Schuldenerleichterungen benötigen, unabhängig von ihrem Einkommensstatus, engagiert weiter betreiben.

 Weiterführende Informationen und Materialien:

 

Stand: Mai 2020

 

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