Kenia

Hat Kenia ein Schuldenproblem?

Kenia hat in den letzten fünf Jahren seine Verschuldung im Ausland massiv erhöht. Kreditaufnahmen in China zur Finanzierung von Infrastruktur und die Platzierung von Staatsanleihen an den internationalen Kapitalmärkten waren die wichtigsten Kanäle für solchen Kapitalimport. Die Anfang 2020 bereits fragile Schuldentragfähigkeit wurde durch die Folgen der Covid-19-Pandemie vollends kritisch.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren (Stand: 2018)

IndikatorAusprägungGrenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%)36,140
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)256,1150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)22,615
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%)57,250
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%)312,4200
Auslandsschuldenstand (US-Dollar)31,511 Mrd.
Schuldendienst: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger (US-Dollar)2,552 Mrd.

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

Wer sind die Gläubiger von Kenia?

Erklärung der Schuldenkategorien
Die gesamten Auslandsschulden eines Landes setzen sich aus den Schulden des öffentlichen Sektors und denen des Privatsektors zusammen. Im Diagramm sind öffentliche Schulden mit Vollfarben und private Auslandsschulden schraffiert dargestellt.

Bei den öffentlichen Schulden werden drei Gläubigergruppen unterschieden, nämlich multilaterale öffentliche Gläubiger – das sind vor allem Entwicklungsbanken und der IWF -, bilaterale öffentliche Gläubiger – das sind andere Regierungen – und private Gläubiger.

Bei den beiden öffentlichen Gläubigerkategorien unterscheiden wir zudem nach konzessionären, also zinsgünstigen Krediten zu Entwicklungshilfebedingungen, und Krediten zu Marktbedingungen („nicht-konzessionäre“).

Bei den öffentlichen Schulden bei privaten Gläubigern unterscheiden wir die beiden Hauptinstrumente, nämlich Bankkredite und Anleihen. Diese beiden Instrumente unterscheiden wir auch bei den Auslandsschulden des Privatsektors.

Kenias Auslandsschulden bestehen zu mehr als zwei Dritteln gegenüber öffentlichen Gläubigern. Bei den multilateralen Gläubigern sind überwiegend konzessionäre Kredite ausstehend, während sich bei den bilateralen Kreditgebern das umgekehrte Bild ergibt: Der ganz überwiegende Teil der Ansprüche anderer Regierungen geht nicht auf die Entwicklungshilfe (EZ), sondern auf öffentlich verbürgte Handelsgeschäfte und andere nicht-konzessionäre Finanzierungen zurück.

Unter den EZ-Krediten beansprucht der Pariser Club 2,4 Milliarden US-Dollar für seine Mitglieder, während die Weltbank insgesamt nur 1,6 Milliarden in dieser Kategorie ausweist. Bei den Handelsforderungen ist der Pariser Club nur mit bescheidenen 202 Millionen US-Dollar beteiligt. Der größte Teil dürfte aus chinesischen Ansprüchen bestehen. China hat zwischen 2000 und 2017 rund 9,8 Milliarden US-Dollar an Kenia ausgeliehen. Wieviel davon bereits wieder zurückgezahlt wurde, ist nicht bekannt.

Unter den privaten Gläubigern spielen sowohl Anleihezeichner als auch Bankkredite eine Rolle. Erstmals haben sich auch private Banken und Unternehmen aus Kenia ohne staatliche Garantie in nennenswertem Umfang im Ausland verschuldet.

Trend

Kenias Schuldenprofil hat sich zwischen 2014 und 2018 dramatisch verändert. Der Gesamtschuldenstand hat sich nominal nahezu verdoppelt. Zurückgegangen sind ausschließlich die Schulden aus der bilateralen Entwicklungszusammenarbeit. Die Schulden gegenüber anderen Regierungen und internationalen Finanzinstitutionen zu kommerziellen Bedingungen haben sich in vier Jahren etwa verzehnfacht.

Bisherige Schuldenerleichterungen für Kenia

1994, 2000 und 2004 hat Kenia jeweils Schuldenerleichterungen vom Pariser Club der Gläubigerregierungen erhalten – immer in Form von langfristigen Umschuldungen aktueller Fälligkeiten mit einem sehr begrenzten Erlasselement.

1998 schuldete Kenia seine Verbindlichkeiten gegenüber privaten Banken im Londoner Club um. Dabei erreichte das Land eine Teilreduzierung des gesamten Schuldenstandes (Haircut).

Kenia gehört zu den 73 Ländern, denen im Frühjahr 2020 von den G20 ein Moratorium auf seine Schulden beim Pariser Club und weiteren G20-Mitgliedern angeboten wurde. Mitte Mai hat nach Medienberichten die Regierung das Moratorium abgelehnt. Sie versucht stattdessen, mit einzelnen Gläubigern, einschließlich Deutschland und China, zu bilateralen Übereinkünften zu kommen. Wieso dadurch die befürchteten negativen Folgen für den Kapitalmarkt nicht eintreten würden, wird indes nicht deutlich.

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

Kenia befand sich, bevor die Pandemie die Aussichten des Landes zu verdüstern begann, ziemlich genau am Übergang von einem noch tragbaren zu einem kritischen Schuldenniveau. Entsprechend bescheinigte der Internationale Währungsfonds (IWF) noch Anfang 2020 dem Land ein „mittleres“ Überschuldungsrisiko. Schon zu der Zeit bedrohten der Klimawandel und die politische Instabilität in den nördlichen und westlichen Nachbarländern die ökonomische und politische Stabilität Kenias. Diese Gefährdungen werden durch die globale Rezession massiv verstärkt: Der Tourismus fällt in 2020 fast komplett aus, einige Exportprodukte, vor allem im landwirtschaftlichen Bereich, werden den Nachfragerückgang in den reicheren Ländern zu spüren bekommen. Dazu kommt ein Refinanzierungsrisiko bei den fälligen Eurobonds, die Kenia seit 2014 in wachsendem Umfang platziert hat. Trotzdem sagte der IWF Mitte April für 2020 keine schrumpfende, sondern eine immer noch leicht wachsende Wirtschaft voraus.

Politische Empfehlungen

Die Regierung Kenias sollte ihre Entscheidung, das Moratorium der G20 nicht in Anspruch zu nehmen, überdenken. Darüber hinaus sollte Kenia im Sinne der gemeinsamen Erklärung afrikanischer Finanzminister*innen auf die Schaffung echter Entschuldungsoptionen über die zeitweilige Aussetzung laufenden Schuldendienstes hinaus drängen.

 

 Stand: Juni 2020

 

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