Kongo, D.R.

Hat die Demokratische Republik Kongo ein Schuldenproblem?

Auf den ersten Blick hat die Demokratische Republik Kongo (DR Kongo) kein Schuldenproblem, da alle Indikatoren deutlich unter den kritischen Grenzwerten liegen. Zudem haben die meisten Indikatoren sich in den letzten Jahren weiter verbessert. Allerdings muss bedacht werden, dass sowohl die Binnenökonomie des Landes als auch die Außenbeziehungen nur teilweise in den offiziellen Statistiken erfasst werden. Das ist einer der Gründe warum auch der Internationale Währungsfonds (IWF) dem Land kein “niedriges”, sondern ein “mittleres” Überschuldungsrisiko bescheinigt.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren (Stand 2018)

Indikator Ausprägung Grenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%) 10,9 40
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%) 30,8 150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%) 2,4 15
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%) 15,7 50
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%) 128,2 200
Auslandsschuldenstand (US-Dollar) 4,974 Mrd.
Schuldendienst: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger (US-Dollar) 283 Mio.

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

Wer sind die Gläubiger der DR Kongo?

DRC Gläubigerprofil 2020.06

Erklärung der Schuldenkategorien

 Die gesamten Auslandsschulden eines Landes setzen sich aus den Schulden des öffentlichen Sektors und denen des Privatsektors zusammen. Im Diagramm sind öffentliche Schulden mit Vollfarben und private Auslandsschulden schraffiert dargestellt.

Bei den öffentlichen Schulden werden drei Gläubigergruppen unterschieden, nämlich multilaterale öffentliche Gläubiger – das sind vor allem Entwicklungsbanken und der IWF -, bilaterale öffentliche Gläubiger – das sind andere Regierungen – und private Gläubiger.

Bei den beiden öffentlichen Gläubigerkategorien unterscheiden wir zudem nach konzessionären, also zinsgünstigen Krediten zu Entwicklungshilfebedingungen, und Krediten zu Marktbedingungen („nicht-konzessionäre“).

Bei den öffentlichen Schulden bei privaten Gläubigern unterscheiden wir die beiden Hauptinstrumente, nämlich Bankkredite und Anleihen. Diese beiden Instrumente unterscheiden wir auch bei den Auslandsschulden des Privatsektors.

Die Auslandsschulden der DR Kongo bestehen ausschließlich von Seiten des Staates. Private kongolesische Banken und Unternehmen sind nicht im Ausland verschuldet. Etwas mehr als die Hälfte der Auslandsschulden entfällt auf multilaterale Gläubiger, ganz überwiegend auf die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds. Für ein Land mit niedrigem Einkommen entfällt ein bemerkenswert großer Teil beider Kategorien auf nicht-konzessionäre Finanzierungen. Darin spiegelt sich die große Bedeutung des für die Investoren hoch lukrativen Rohstoffsektors für die gesamte kongolesische Ökonomie wider. Auf der multilateralen Seite sind das Kredite aus den normalen Kreditfenstern der Weltbank oder der Afrikanischen Entwicklungsbank (AfDB), die für produktive Projekte gegeben wurden und deshalb eine “normale” Rendite erwirtschaften sollen.

Bei den bilateralen Verbindlichkeiten entfällt nur ein kleiner Teil auf die Gläubiger im Pariser Club: 22 Millionen US-Dollar aus der Entwicklungszusammenarbeit und 29 Millionen US-Dollar Handelsforderungen. Der ganz überwiegende Teil dürfte auf China entfallen, das zwischen 2000 und 2017 mehr als 3,4 Milliarden US-Dollar an die DR Kongo ausgeliehen hat.

Trend

Alle Schuldenindikatoren der DR Kongo waren bis Anfang 2019 stabil unterhalb der niedrigsten kritischen Schwelle. Allerdings ist seit 2015 eine bemerkenswerte Verschiebung in Richtung auf eine nicht-konzessionäre Kreditaufnahme zu beobachten, die mittelfristig die auf den laufenden Schuldendienst bezogenen Indikatoren sicherlich ansteigen lassen wird.

Bisherige Schuldenerleichterungen für die DR Kongo

Die DR Kongo erreichte 2003 den Decision Point und 2010 – also vergleichsweise spät – den Completion Point unter der Multilateralen HIPC-Entschuldungsinitiative. Insgesamt wurden der DR Kongo unter den beiden multilateralen Entschuldungsinitiativen HIPC (engl. Highly Indebted Poor Country Initiative) und MDRI (engl. Multilateral Debt Relief Initiative) rund 16,3 Milliarden US-Dollar Auslandsschulden erlassen. Das ist mehr als dreimal so viel wie der gesamte heutige Schuldenstand. Damit ist die DR Kongo in absoluten Zahlen mit großem Abstand das von der Initiative am meisten begünstigte und für die Gläubiger “teuerste” HIPC-Land.

Zuvor schon hatte das Land mit 12 Umschuldungsrunden im Pariser Club knapp hinter dem Senegal den Platz 2 aller Staaten mit den meisten Umschuldungen in diesem Gläubigerkartell erreicht. Zwischen 1976 und 1987 verhandelte der damalige Zaire acht Umschuldungen ohne Teilerlasse aus – obwohl die gesamten Auslandsschulden längst untragbare Größenordnungen erreicht hatten. Ab 1989 gab es bis zur vollständigen Umsetzung der HIPC-Entschuldung und dem damit verbundenen fast vollständigen Erlass der Altschulden fünf weitere Verhandlungsrunden, in denen die Erlassmöglichkeiten von Mal zu Mal leicht angehoben wurden.

Im März 2020 wurde dem Kongo die Übernahme von etwas mehr als 40 Millionen US-Dollar Schuldendienst gegenüber dem IWF durch den Katastrophenfonds (engl. Catastrophe Containment and Relief Trust, CCRT) des IWF angeboten.

Auch für das bilaterale Schuldenmoratorium der G20 zur Unterstützung des Kampfes gegen die COVID-19-Pandemie (engl. Debt Service Suspension Initiative) hat sich die DR Kongo qualifiziert. Bislang liegt aber noch keine Vereinbarung mit dem Pariser Club oder dem Hauptgläubiger China vor.

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

Trotz der durchweg niedrigen Schuldenindikatoren schätzt der IWF das Überschuldungsrisiko der DR Kongo als „mittel“ ein. Das heißt, dass unter dem Baseline-Szenario des IWF keine kritischen Grenzwerte überschritten werden, im Falle eines externen Schocks aber schon.

Der Schock ist mit der durch COVID-19 ausgelösten Rezession nun eingetreten. Allerdings sieht die im April veröffentlichte Schuldentragfähigkeitsanalyse des IWF ganz untypisch nur einen minimalen Wachstumseinbruch im Jahr 2020 vor.

Weitere Risiken ergeben sich aus der auch nach dem Abtritt von Präsident Kabila weiterhin schwachen Regierungsführung und der anhaltenden politischen Instabilität und dem weiterhin sehr hohen Bedarf an externer Finanzierung für den Infrastrukturausbau.

Politische Empfehlungen

Die DR Kongo ist seit den Zeiten der Diktatur Mobutu Sese Sekos ein emblematischer Fall für den Aufbau untragbarer Verschuldung unter fragwürdigen Umständen. Die Entschuldung unter der HIPC-Initiative diente in diesem Kontext auch dazu, Spuren westlicher Komplizenschaft bei der Verschuldung des Landes und der Aufrechterhaltung der Kleptokratie des Diktators zu verwischen.

Auch heute ist die DR Kongo als extraktivistisch orientierte Volkswirtschaft erneut höchst anfällig für die Aufnahme illegitimer Schulden. Von Seiten der kongolesischen Zivilgesellschaft aber auch derjenigen Teile der Gebergemeinschaft, die an einer wirtschaftlichen Entwicklung des Landes ein Interesse haben, ist vor allem die Schaffung von Transparenz im fiskalischen und monetären Sektor des Landes prioritär.

Weiterführende Informationen und Materialien:

 

Stand: Juni 2020

 

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