Liberia

Hat Liberia ein Schuldenproblem?

Liberias Auslandsschuldenindikatoren sind in den letzten drei Jahren deutlich angestiegen und überschreiten nach der großen HIPC/MDRI-Entschuldung Ende der letzten Dekade bereits wieder kritische Grenzwerte. Trotzdem besteht keine unmittelbare Gefahr für die Zahlungsfähigkeit Liberias, da die meisten Schulden zu niedrigen Zinsen und langen Laufzeiten aufgenommen wurden. Die Wirtschaft ist allerdings extrem verletzlich für externe Schocks, die leicht zu einer nächsten Schuldenkrise führen könnten.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren (Stand 2016)

Indikator Wert Grenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%) 52,3 40
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%) 241,7 150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%) 2,9 15
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%) 45,0 50
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%) 147,3 200
Auslandsschuldenstand (US-Dollar) 951,6 Mio.
Schuldendienst: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger (US-Dollar) 11,6 Mio.
 

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

Wer sind die Gläubiger von Liberia?

Erklärung der Schuldenkategorien

 Die gesamten Auslandsschulden eines Landes setzen sich aus den Schulden des öffentlichen Sektors und denen des Privatsektors zusammen. Im Diagramm sind öffentliche Schulden mit Vollfarben und private Auslandsschulden schraffiert dargestellt.

Bei den öffentlichen Schulden werden drei Gläubigergruppen unterschieden, nämlich multilaterale öffentliche Gläubiger – das sind vor allem Entwicklungsbanken und der IWF -, bilaterale öffentliche Gläubiger – das sind andere Regierungen – und private Gläubiger.

Bei den beiden öffentlichen Gläubigerkategorien unterscheiden wir zudem nach konzessionären, also zinsgünstigen Krediten zu Entwicklungshilfebedingungen, und Krediten zu Marktbedingungen („nicht-konzessionäre“).

Bei den öffentlichen Schulden bei privaten Gläubigern unterscheiden wir die beiden Hauptinstrumente, nämlich Bankkredite und Anleihen. Diese beiden Instrumente unterscheiden wir auch bei den Auslandsschulden des Privatsektors.

Liberia weist ein für afrikanische Niedrigeinkommensländer insgesamt typisches Gläubigerprofil auf: Der überwiegende Teil der Auslandsverbindlichkeiten besteht gegenüber multilateralen Gläubigern und zwar ganz überwiegend zu günstigen Entwicklungshilfekonditionen. Multilaterale Geber sind in dieser Reihenfolge die Weltbank, der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Afrikanische Entwicklungsbank.

Gegenüber bilateralen Gläubigern bestehen Schulden nur aus der Entwicklungshilfe. Etwas überraschend ist indes, dass das Land mit sehr niedrigem Einkommen aus manchen multilateralen Quellen auch Kredite zu Marktkonditionen erhält. Diese nehmen absolut gesehen Jahr für Jahr zu. Ebenfalls untypisch ist, dass auch private liberianische Unternehmen Zugang zu Bankkrediten im Ausland haben. Etwa ein Sechstel aller Auslandsschulden entfällt auf private liberianische Schuldner ohne Absicherung durch den Staat.

Trend

Nach der HIPC/MDRI-Entschuldung 2008/2010 haben sich die absoluten Auslandsschulden Liberias wieder mehr als verdoppelt. Da in den letzten Jahren das Bruttoinlandsprodukt nur noch langsam gewachsen ist und die Hartwährungseinnahmen aus dem Export von Gütern und Dienstleistungen deutlich eingebrochen sind, sind die auf den Schuldenstand bezogenen Indikatoren deutlich über kritische Grenzwerte hinaus angestiegen. Allerdings ist das Verhältnis des laufenden Schuldendienstes aus Zinsen und Tilgungen zu den Exporteinnahmen wegen der sehr niedrigen Zinsen und langen Rückzahlungsfristen der meisten öffentlichen Schulden weiterhin unbedenklich niedrig.

Bisherige Schuldenerleichterungen für Liberia

Liberia schuldete zwischen 1980 und 1984, also vor dem Bürgerkrieg, viermal seine Verbindlichkeiten gegenüber öffentlichen bilateralen Gläubigern im Pariser Club um. Dabei gab es keine Schuldenerleichterungen, sondern lediglich eine Streckung der Zahlungsverpflichtungen unter Classic Terms. Eine bescheidene Umschuldung im Umfang von 30 Millionen US-Dollar gab es 1982 auch mit den damaligen privaten Gläubigern Liberias.

Nach einer langen Phase des Zahlungsausfalls bedingt unter anderem durch den Bürgerkrieg, kam Liberia dann 2008 zum Decision Point und 2010 zum Completion Point unter der multilateralen HIPC-Initiative. Mit dem Completion Point 2010 wurde auch die Streichung aller verbliebenen Schulden beim Afrikanischen Entwicklungsfonds, bei der Internationalen Entwicklungsorganisation (IDA) der Weltbank und beim IWF unter der Multilateral Debt Relief Initiative (MDRI) umgesetzt. Der absolute Schuldenstand verringerte sich dadurch von mehr als 3,1 Milliarden US-Dollar im Jahr 2008 auf 418,9 Millionen US-Dollar Ende 2010. Das ist eine der größten relativen Schuldenreduzierungen im Rahmen der Initiative überhaupt.

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

Der IWF bescheinigt Liberia ein mittleres Überschuldungsrisiko: Bei Annahme einer positiven Wirtschaftsentwicklung bleiben auch die deutlich angestiegenen Schuldenindikatoren noch beherrschbar. Jegliche Störung des angenommenen positiven Wachstumspfads kann allerdings dramatische Auswirken auf die Schuldentragfähigkeit haben. Dabei bleibt die kleine liberianische Volkswirtschaft auch für auf den ersten Blick geringe externe Schocks verletzlich. So hat etwa der Abzug der UNMIL-Truppen der Vereinten Nationen wesentlich dazu beigetragen, dass 2017 die Wirtschaft statt bescheiden zu wachsen real geschrumpft ist. Auch für 2018 und 2019 hat der IWF seine Wachstumserwartungen nach unten korrigiert.

Bislang verhindert der überwiegend konzessionäre Charakter von Liberias Schulden, dass aus den relativ hohen Schuldenständen Zahlungsunfähigkeit resultiert. Allerdings versucht auch Liberia, wie die meisten seiner Nachbarn, den dringend benötigten Infrastrukturausbau von externen privaten Geldgebern vorfinanzieren zu lassen: Im Juni 2018 hat Präsident Weah dem Parlament einen Gesetzesvorschlag unterbreitet, welcher die Platzierung von Staatsanleihen im Umfang von 426 Millionen US-Dollar zur Finanzierung von ambitionierten Straßenbauprojekten autorisieren würde. Absolut gesehen, würde sich durch die Anleihe Liberias Schuldenstand um rund 45 Prozent erhöhen. Rückzahlungen würden allerdings erst nach Ablauf von fünf Jahren einsetzen, so dass Präsident Weah selbst nicht mehr die Folgen einer möglicherweise zu optimistischen Wachstumserwartung zu tragen hätte.

Politische Empfehlungen

Liberia wird externe Finanzierungen beim Ausbau seiner äußerst schwachen Infrastruktur nicht vermeiden können. Bei der Kreditaufnahme sollte es entsprechend vorsichtig zu Werke gehen. Darüber hinaus sollte die Regierung ein besonderes Augenmerk auf Möglichkeiten der Krisenfinanzierung und vor allem der Entschuldung im Falle substanzieller externer Schocks richten. Dafür könnten sowohl die Fazilität des IWF zur Entlastung bei externen Schocks (Catastrophe Containment and Relief Trust CCRT) als auch die aktuellen Bemühungen kleiner karibischer Inselstaaten um eine Entschuldungsoption nach großen Naturkatastrophen Orientierungspunkte sein.

 

Stand: August 2018

 

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