Mauretanien

Hat Mauretanien ein Schuldenproblem?

Vier von fünf Indikatoren liegen mindestens über dem untersten kritischen Grenzwert. Wie erlassjahr.de schätzt auch der Internationale Währungsfonds (IWF) Mauretaniens Überschuldungsrisiko als hoch ein.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren (Stand 2017)

IndikatorAusprägungGrenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%)85,240
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)207,3150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)13,215
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%)56,650
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%)344,5200
Auslandsschuldenstand (US-Dollar)4,231 Mrd.
Schuldendienst: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger (US-Dollar)270,3 Mio.

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

Wer sind die Gläubiger von Mauretanien?

Erklärung der Schuldenkategorien

 Die gesamten Auslandsschulden eines Landes setzen sich aus den Schulden des öffentlichen Sektors und denen des Privatsektors zusammen. Im Diagramm sind öffentliche Schulden mit Vollfarben und private Auslandsschulden schraffiert dargestellt.

Bei den öffentlichen Schulden werden drei Gläubigergruppen unterschieden, nämlich multilaterale öffentliche Gläubiger – das sind vor allem Entwicklungsbanken und der IWF -, bilaterale öffentliche Gläubiger – das sind andere Regierungen – und private Gläubiger.

Bei den beiden öffentlichen Gläubigerkategorien unterscheiden wir zudem nach konzessionären, also zinsgünstigen Krediten zu Entwicklungshilfebedingungen, und Krediten zu Marktbedingungen („nicht-konzessionäre“).

Bei den öffentlichen Schulden bei privaten Gläubigern unterscheiden wir die beiden Hauptinstrumente, nämlich Bankkredite und Anleihen. Diese beiden Instrumente unterscheiden wir auch bei den Auslandsschulden des Privatsektors.

Alle Auslandsschulden Mauretaniens entfallen auf den Staat. Privatpersonen, Unternehmen und Banken sind nicht im Ausland verschuldet.

Mauretanien hat keine Schulden bei privaten ausländischen Gläubigern. Knapp zwei Drittel der Schulden bestehen gegenüber multilateralen Gläubigern, das verbliebene Drittel sind Schulden bei bilateralen öffentlichen Gläubigern. Knapp die Hälfte der nicht-konzessionären bilateralen Schulden besteht gegenüber den Mitgliedern des Pariser Clubs. Deutschland hält allerdings keine Forderungen an Mauretanien. Zu Chinas Forderungen gibt es keine Bestandszahlen; allerdings hatte China an den Auszahlungen zwischen 2000 und 2017 einen Anteil von knapp 9 Prozent.

Sowohl bei den bilateralen als auch den multilateralen Schulden resultiert der deutlich größere Teil aus der Entwicklungszusammenarbeit, das heißt es handelt sich um zinsgünstige Kredite mit langen Laufzeiten.

Trend

Alle Indikatoren haben sich gegenüber in den letzten fünf Jahren – teils dramatisch – verschlechtert.

Bisherige Schuldenerleichterungen für Mauretanien

Mauretanien hat 1996 zum ersten und einzigen Mal im Londoner Club seine Schulden gegenüber privaten ausländischen Banken geregelt.

Mit dem Pariser Club wurden acht Vereinbarungen getroffen, von den ersten beiden Umschuldungen 1985 und 1986 ohne Erlasselement unter Classic Terms bis zu der HIPC-Exit-Umschuldung 2002 außerdem 1987 (ad-hoc), 1989 (Toronto Terms), 1993 (London Terms), 1995 (Naples Terms), 2000 (Cologne Terms). 2002 (HIPC-Exit).

Der HIPC-Decision Point wurde im Zuge des so genannten Millennium Rush kurz vor Ablauf des Jahres 2000 erreicht. Am Completion Point 2002 wurde er umgesetzt.

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

Mauretanien ist extrem abhängig vom Weltmarktpreis für Eisenerz und in geringerem Maße auch vom Kupferpreis. 2015 und 2016 waren Jahres des extremen Preisverfalls; seither haben die Preise sich etwas erholt und entsprechend haben sich die Schuldenindikatoren auf hohem Niveau stabilisiert.

Außerhalb der oben beschriebenen anerkannten Schulden Mauretaniens bestehen noch die vom IWF so genannten „passiven“ Schulden in Höhe von geschätzten 977 Millionen US-Dollar. Das entspricht 21,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Dies sind Schulden bei der Kuwait Investment Agency (KIA) aus der Vor-HIPC-Zeit. Die KIA ist der Sovereign Wealth Fund des Scheichtums, in den ein großer Teil der Öleinnahmen fließt und der rund um den Globus zumeist in Privatunternehmen investiert. Diese Schulden hätten nach den Regularien der HIPC-Initiative zu mindestens 90 Prozent gestrichen werden sollen – wurden sie aber nicht. Allerdings wird darauf auch seit Jahrzehnten kein Schuldendienst geleistet. Insofern stellen sie auch keine Belastung für die öffentlichen Finanzen dar. Sie könnten aber unter zwei Szenarien zu einer werden:

  • Wie unter der HIPC-Initiative vorgesehen, könnte es zu einer Vereinbarung über die Streichung der dafür vorgesehenen 90 Prozent kommen. Dann würden rund 100 Millionen US-Dollar als dann harte und nicht mehr ignorierbare Schuld weiter bestehen.
  • Kuwait könnte sich dazu entschließen, die schwer eintreibbare Forderung an Mauretanien an einen Geierfonds zu verkaufen. Da Mauretanien von einem ungestörten Zahlungsverkehr mit den ausländischen Käufern seines Eisenerzes abhängig ist, wäre es durch eventuelle Klagen vor europäischen Gerichten extrem verwundbar, wenn es den Klägern nämlich gelänge, Zugriff auf die Erlöse aus dem Erzverkauf zu bekommen.

Politische Empfehlungen

Mauretanien gehört zu denjenigen Post-Completion Point HIPCs für die neue Umschuldungsmöglichkeiten am dringlichsten notwendig sind. Diese könnte in Form eines neuen globalen Entschuldungsverfahrens (Staateninsolvenzverfahren) oder in Form einer Entschuldungsoption für Staaten, die in besonderer Weise vom Rohstoffexport abhängig sind, bestehen. So wie IWF und Weltbank für Staaten in spezifischen Stress-Situation zeitweilige Finanzierungsfazilitäten zur Verfügung stellen, könnte Entschuldung als eine Option für den Schutz derart abhängiger Ökonomien vor einem Zusammenbruch von Staat und Gesellschaft geschaffen werden.

 

Stand: Mai 2019

 

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