Nigeria

Hat Nigeria ein Schuldenproblem?

Bis auf die öffentlichen Schulden Nigerias im Verhältnis zu den Staatseinnahmen liegen alle Indikatoren (noch) im unkritischen Bereich. Problematisch ist eher die Einnahme- als die Schuldenseite bei den öffentlichen Finanzen.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren (Stand 2016)

IndikatorAusprägungGrenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%)7,940
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)78,5150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)6,315
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%)17,650
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%)334,7200
Auslandsschuldenstand (US-Dollar)31,151 Mrd.
Schuldendienst: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger (US-Dollar)2,503 Mrd.

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

Wer sind die Gläubiger von Nigeria?

Erklärung der Schuldenkategorien

 Die gesamten Auslandsschulden eines Landes setzen sich aus den Schulden des öffentlichen Sektors und denen des Privatsektors zusammen. Im Diagramm sind öffentliche Schulden mit Vollfarben und private Auslandsschulden schraffiert dargestellt.

Bei den öffentlichen Schulden werden drei Gläubigergruppen unterschieden, nämlich multilaterale öffentliche Gläubiger – das sind vor allem Entwicklungsbanken und der IWF -, bilaterale öffentliche Gläubiger – das sind andere Regierungen – und private Gläubiger.

Bei den beiden öffentlichen Gläubigerkategorien unterscheiden wir zudem nach konzessionären, also zinsgünstigen Krediten zu Entwicklungshilfebedingungen, und Krediten zu Marktbedingungen („nicht-konzessionäre“).

Bei den öffentlichen Schulden bei privaten Gläubigern unterscheiden wir die beiden Hauptinstrumente, nämlich Bankkredite und Anleihen. Diese beiden Instrumente unterscheiden wir auch bei den Auslandsschulden des Privatsektors.

Nigerias Schulden bestehen nur zu gut einem Drittel von Seiten des Staates. Zwei Drittel sind Verbindlichkeiten privater nigerianischer Einzelpersonen, Unternehmen und Banken gegenüber ausländischen Banken oder Anleihezeichnern.

Die Mitglieder des Pariser Clubs erheben alle zusammen Forderungen an Nigeria in Höhe von 361 Millionen US-Dollar aus Entwicklungshilfeleistungen (FZ) und 7 Millionen US-Dollar aus öffentlich verbürgten Handelsgeschäften. Bemerkenswert ist der kleine Betrag der Handelsforderungen, weil dieser von der Weltbank gar nicht ausgewiesen wird. Deutschland ist mit nur 11 Millionen Euro an den FZ-Forderungen des Pariser Clubs beteiligt.

Trend

Obwohl mehrheitlich noch auf einem unproblematischen Niveau, sind alle fünf Schuldenindikatoren zwischen 2012 und 2016 um mindestens 10 Prozent angestiegen.

Mit einer Verdoppelung von 2010 auf 2016 sind auch die gesamten nominalen Auslandsschulden Nigerias bemerkenswert schnell angestiegen. Der Anstieg der absoluten Schulden nach 2014 hat sich in einem Anstieg der Schuldenindikatoren niedergeschlagen, als das bis dahin gute Wirtschaftswachstum sich infolge des einbrechenden Ölpreises in eine Schrumpfung der nigerianischen Wirtschaft umkehrte. Dem hatte die nigerianische Wirtschaft mit einem kreditfinanzierten Ausgabenprogramm zur Bekämpfung der Rezession gegengesteuert.

Bisherige Schuldenerleichterungen für Nigeria

Nigeria war als ein Niedrigeinkommensland mit damals hohen Schuldenindikatoren auf der ersten Liste von für die HIPC-Entschuldungsinitiative qualifizierten Ländern. Von dieser wurde es allerdings durch die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds (IWF) wieder entfernt, als die Abacha-Diktatur einer noch zerbrechlichen demokratischen Regierungsform unter Präsident Obasanjo Platz machte, und dem formal qualifizierten Land die HIPC-Entschuldung nicht länger durch Verweis auf die notorische Korruption unter der Diktatur vorenthalten werden konnte. Es ist davon auszugehen, dass den Gläubigern die tatsächliche Entschuldung Nigerias mit rund 30 Milliarden US-Dollar Gesamtschulden schlicht zu teuer gewesen wäre, wenn die Pariser Club Mitglieder, wie unter der HIPC-Initiative vorgesehen, auf mindestens 90% Prozent ihrer Forderungen hätten verzichten müssen.

Stattdessen erhielt Nigeria im Jahr 2005 eine Ad-hoc-Entschuldung von rund 70 Prozent seiner Schulden bei den Mitgliedern des Pariser Clubs, an die sich dann auch private Gläubiger unter dem Druck der Gläubigerregierungen anschließen mussten. Die noch 2004 bestehenden Schulden von mehr als 34 Milliarden US-Dollar wurden so auf rund 8 Milliarden US-Dollar reduziert. Bemerkenswert an diesem Arrangement war, dass mit ihm Weltbank und IWF erstmals den Versuch unternommen hatten, Entschuldung an den Finanzierungsbedürfnissen für die Millennium Development Goals zu orientieren.

Zuvor hatte Nigeria zwischen 1986 und 2000 bereits vier Umschuldungen im Pariser Club unter Classic beziehungsweise Houston Terms erhalten, welche das Land allerdings nicht spürbar näher an ein tragfähiges Schuldenniveau herangeführt hatten.

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

Der einzige Schuldenindikator, welcher (deutlich) im kritischen Bereich liegt, bezieht sich nicht auf die gesamten öffentlichen und privaten Gläubiger, sondern allein auf die auf den ersten Blick bescheidenen öffentlichen Schulden. Dies ist Ausdruck der in Nigeria extrem schwachen Besteuerung, welche den Staat in einer finanziell fragilen Situation gefangen hält.

Das andere bedeutende Risiko besteht in der hohen Abhängigkeit Nigerias vom Erdöl-Export. Der wirtschaftliche Einbruch Nigerias 2014 und 2015 war eine direkte Folge des eingebrochenen Weltmarktpreises für Erdöl.

Politische Empfehlungen

Nigerias Schuldenniveau ist per se noch nicht besorgniserregend. Damit das so bleibt, braucht das Land dringend ein verbessertes Steuer- und Einnahmenregime sowie eine Diversifizierung der wirtschaftlichen Aktivitäten weg von der Fokussierung auf den Ölexport.

 

Stand: Oktober 2018

 

Gefördert durch ENGAGEMENT GLOBAL mit Mitteln des