Pakistan

Hat Pakistan ein Schuldenproblem?

Pakistans öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den Staatseinnahmen und die Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den Hartwährungseinnahmen durch Exporte sind deutlich angestiegen. Extensive Neukreditaufnahmen, um einer drohenden Liquiditätskrise vorzubeugen, haben die Situation 2018 und 2019 deutlich verschärft.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren (Stand 2016)

IndikatorAusprägungGrenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%)27,640
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)295,3150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)19,915
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%)72,150
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%)471,2200
Auslandsschuldenstand (US-Dollar)90,957 Mrd.
Schuldendienst: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger (US-Dollar)5,49 Mrd.

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

Wer sind die Gläubiger von Pakistan?

 

Erklärung der Schuldenkategorien

 Die gesamten Auslandsschulden eines Landes setzen sich aus den Schulden des öffentlichen Sektors und denen des Privatsektors zusammen. Im Diagramm sind öffentliche Schulden mit Vollfarben und private Auslandsschulden schraffiert dargestellt.

Bei den öffentlichen Schulden werden drei Gläubigergruppen unterschieden, nämlich multilaterale öffentliche Gläubiger – das sind vor allem Entwicklungsbanken und der IWF -, bilaterale öffentliche Gläubiger – das sind andere Regierungen – und private Gläubiger.

Bei den beiden öffentlichen Gläubigerkategorien unterscheiden wir zudem nach konzessionären, also zinsgünstigen Krediten zu Entwicklungshilfebedingungen, und Krediten zu Marktbedingungen („nicht-konzessionäre“).

Bei den öffentlichen Schulden bei privaten Gläubigern unterscheiden wir die beiden Hauptinstrumente, nämlich Bankkredite und Anleihen. Diese beiden Instrumente unterscheiden wir auch bei den Auslandsschulden des Privatsektors.

Fünf Sechstel von Pakistans Auslandsschulden gehen zu Lasten des Staates. Private pakistanische Banken, Unternehmen und Einzelpersonen sind nur in relativ bescheidenem Umfang im Ausland verschuldet – und zwar fast ausschließlich bei ausländischen Banken. Pakistans Schulden aus der Entwicklungshilfe sind vor allem im Bereich der multilateralen Finanzierungen deutlich zurückgegangen. Bis auf vergleichsweise bescheidene 9 Milliarden US-Dollar gegenüber bilateralen Entwicklungshilfegebern besteht die gesamte Auslandsschuld zu nicht-konzessionären Bedingungen.

Der pakistanische Staat ist allerdings zusätzlich zu seinen Auslandsschulden auch stark bei inländischen Banken und Anlegern verschuldet. Deshalb sind die Indikatoren für die öffentliche Verschuldung deutlich dramatischer als die für die gesamte (private und öffentliche) Auslandsverschuldung.

Die Mitglieder des Pariser Clubs beanspruchen zum 31.12.2018 rund 8,4 Milliarden US-Dollar aus früherer Entwicklungshilfe und 2,4 Milliarden US-Dollar aus öffentlich garantierten Handelsgeschäften. Deutschland ist mit 930 Millionen Euro aus Entwicklungshilfe und 148 Millionen Euro Handelsforderungen relativ prominent dabei. Pakistan ist Deutschlands viertgrößter Entwicklungshilfeschuldner. Von China sind zwischen 2000 und 2017 Kreditauszahlungen an Pakistan in Höhe von 24,8 Milliarden US-Dollar dokumentiert. Wie viel davon tatsächlich noch aussteht, ist nicht bekannt. Es ist aber davon auszugehen, dass China der bedeutendste bilaterale Einzelgläubiger Pakistans ist.

Trend

Alle Schuldenindikatoren haben sich zwischen 2015 und 2018 um mindestens 10% Prozent verschlechtert. Besonders kritisch haben sich die gesamten öffentlichen Schulden im Verhältnis zu den laufenden öffentlichen Einnahmen entwickelt. Dies hat mit der relativ geringen Steuerquote in Pakistan zu tun.

Im Jahr des Regierungswechsels 2018 bewegte sich der pakistanische Staat auf eine sehr kritische Situation zu. Die Regierung hat daher weitere Finanzquellen erschlossen. 2019 ist Pakistans Verschuldung deshalb durch extensive Neukreditaufnahme weiter angewachsen. So hat der Internationale Währungsfonds (IWF) angesichts der kritischen Lage der öffentlichen Finanzen einen Neukredit von 6 Milliarden US-Dollar bewilligt, die Asiatische Entwicklungsbank in Höhe von 3,4 Milliarden US-Dollar. Darüber hinaus sucht die neue pakistanische Regierung nach Finanzierungsmöglichkeiten im Bereich der Scharia-kompatiblen Finanzierungen, welche den Vorteil haben, dass sie im Falle unzureichender Einnahmen begrenzte Möglichkeiten der Schuldendienstreduzierungen bieten.

Bisherige Schuldenerleichterungen für Pakistan

Pakistan hat von 1972 bis 2001 insgesamt sechs Mal mit seinen öffentlichen Gläubigern im Pariser Club Umschuldungen ausgehandelt. Dabei handelte es sich lediglich um Umschuldungen ohne ein nennenswertes Erlasselement. Bemerkenswert sind die letzten drei Runden (1999 und zwei in 2001) insofern als Pakistan das erste Land war, bei dem der Pariser Club darauf bestanden hat, dass auch Schulden in Form von Anleihen unter die so genannte „Gleichbehandlungsklausel“ fallen. Mit dieser Klausel verpflichtet sich das Schuldnerland, von allen Gläubigern außerhalb des Pariser Clubs mindestens die gleichen Umschuldungsbedingungen zu erwirken wie unter dem vorliegenden Pariser-Club-Abkommen. Anleihen waren bis dahin von solcher Gleichbehandlung ausgenommen. Seither werden sie indes standardmäßig einbezogen.

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

Pakistans Schuldenprofil hat sich in den letzten Jahren dramatisch verschlechtert.

Im Sommer 2019 warnte US-Außenminister Mike Pompeo (vergeblich) den IWF davor ein Paket für Pakistan zu beschließen, welches nur den laufenden Schuldendienst an China sicherstelle. Wenn die Rivalität zwischen den Supermächten den Finanzfluss an Pakistan gefährdet, könnte das Land sehr schnell in die Zahlungsunfähigkeit abrutschen.

Pakistan weist traditionell ein sehr hohes Leistungsbilanzdefizit auf, welches durch Entwicklungshilfe, Rücküberweisungen von pakistanischen Migrant*innen vor allem in den Golf-Staaten sowie Kreditaufnahme gedeckt werden muss.

Politische Empfehlungen

Als Atommacht und Nachbar des Bürgerkriegslandes Afghanistan kann Pakistans Schuldensituation nicht isoliert vom geopolitischen Kontext betrachtet werden.

Ein klassisches Austeritätsprogramm wie der IWF es routinemäßig zur Bedingung für seine Rettungsfinanzierungen macht, könnte in der politisch explosiven Lage des Landes zu dramatischen Destabilisierungen führen. Deswegen läge es im Interesse sowohl der Pakistani als auch der globalen politischen und wirtschaftlichen Stabilität, wenn Pakistan baldmöglichst die aus dem Ruder laufenden öffentlichen Schulden in einem umfassenden Verfahren auf ein tragfähiges Maß zurückfahren würde. Die frisch gewählte Regierung des populären Präsidenten Imran Khan schien dazu kurzfristig eine Gelegenheit zu bieten. Die Ernennung des ehemaligen IWF-Mitarbeiters Reza Baqir zum Zentralbankpräsidenten nährte indes eher die Angst vor einer rigiden Austerität in der Tradition des IWF.

Weiterführende Informationen und Materialien:

 

Stand: November 2019

 

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