Pakistan

Hat Pakistan ein Schuldenproblem?

Bis vor zwei Jahren hatte Pakistan kein Auslandsschuldenproblem, aber die gesamten öffentlichen Schulden im In- und Ausland hatten bereits bedenkliche Größenordnungen erreicht. 2017 und 2018 hat das Land allerdings Leistungsbilanzlöcher in großem Stil mit ausländischer Kreditaufnahme gedeckt, so dass es im Oktober 2018 um Beistandsfinanzierungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) bitten musste.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren (Stand 2016)

IndikatorAusprägungGrenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%)24,140
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)264,5150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)15,415
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%)67,650
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%)435,8200
Auslandsschuldenstand (US-Dollar)72,697 Mrd.
Schuldendienst: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger (US-Dollar)4,22 Mrd.

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

Wer sind die Gläubiger von Pakistan?

Erklärung der Schuldenkategorien

 Die gesamten Auslandsschulden eines Landes setzen sich aus den Schulden des öffentlichen Sektors und denen des Privatsektors zusammen. Im Diagramm sind öffentliche Schulden mit Vollfarben und private Auslandsschulden schraffiert dargestellt.

Bei den öffentlichen Schulden werden drei Gläubigergruppen unterschieden, nämlich multilaterale öffentliche Gläubiger – das sind vor allem Entwicklungsbanken und der IWF -, bilaterale öffentliche Gläubiger – das sind andere Regierungen – und private Gläubiger.

Bei den beiden öffentlichen Gläubigerkategorien unterscheiden wir zudem nach konzessionären, also zinsgünstigen Krediten zu Entwicklungshilfebedingungen, und Krediten zu Marktbedingungen („nicht-konzessionäre“).

Bei den öffentlichen Schulden bei privaten Gläubigern unterscheiden wir die beiden Hauptinstrumente, nämlich Bankkredite und Anleihen. Diese beiden Instrumente unterscheiden wir auch bei den Auslandsschulden des Privatsektors.

Fünf Sechstel von Pakistans Auslandsschulden gehen zu Lasten des Staates. Private pakistanische Banken, Unternehmen und Einzelpersonen sind nur in relativ bescheidenem Umfang im Ausland verschuldet. Mehr als die Hälfte aller seiner ausländischen Kredite hat der Staat von Entwicklungshilfegebern erhalten. Das bedeutet, dass diese Schulden niedrig verzinst sind und lange Laufzeiten haben. Entsprechend liegt zwar der Schuldenstand im Verhältnis zu den durch Exporte verdienten Devisen deutlich über dem kritischen Grenzwert, der laufende Schuldendienst aus Zinsen und Tilgungen aber nur sehr knapp.

Der pakistanische Staat ist allerdings zusätzlich zu seinen Auslandsschulden auch stark bei inländischen Banken und Anlegern verschuldet. Deshalb sind die Indikatoren für die öffentliche Verschuldung deutlich dramatischer als die für die gesamte (private und öffentliche) Auslandsverschuldung.

Die Mitglieder des Pariser Clubs beanspruchen zum 31.12.2018 rund 8,7 Milliarden US-Dollar aus früherer Entwicklungshilfe und 2,56 Milliarden US-Dollar aus öffentlich garantierten Handelsgeschäften. Deutschland ist mit 1,051 Milliarden Euro und 176 Millionen Euro relativ prominent dabei. Pakistan ist Deutschland viertgrößter Entwicklungshilfeschuldner.

Trend

Pakistans Verschuldung im Verhältnis zu den verschiedenen Messgrößen der Wirtschaftsleistung war seit Beginn der Dekade bis Ende 2016 weitgehend stabil. Nur einer von fünf Indikatoren hat sich um mehr als 10 Prozent verschlechtert.

Seit Beginn des Jahres 2017, also nach der Veröffentlichung der hier verwendeten Weltbank-Zahlen, hat Pakistan seine Ausleihungen am internationalen Kapitalmarkt durch die Platzierung von Anleihen sowie die Aufnahme von Bankkrediten deutlich ausgeweitet. Mitte Mai 2018 schätzte die Finanzpresse die gesamten Auslandsschulden auf 91,7 Milliarden US-Dollar, wovon 72 Milliarden US-Dollar auf den öffentlichen Sektor entfielen. Das zum 31.12.2016 noch weniger dramatisch aussehende Verhältnis von öffentlichen Schulden zur Wirtschaftsleistung stieg dadurch auf besorgniserregende 82,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Schließlich erhöhte die Volksrepublik China im Juli 2018 mit einem 1-Milliarde-US-Dollar-Kredit ihr Engagement auf ein Gesamtvolumen von 5 Milliarden US-Dollar.

Bisherige Schuldenerleichterungen für Pakistan

Pakistan hat von 1972 bis 2001 insgesamt sechsmal mit seinen öffentlichen Gläubigern im Pariser Club Umschuldungen ausgehandelt. Dabei handelte es sich lediglich um Umschuldungen ohne ein nennenswertes Erlasselement. Bemerkenswert sind die letzten drei Runden (1999 und zwei in 2001) insofern als Pakistan das erste Land war, bei dem der Pariser Club darauf bestanden hat, dass auch Schulden in Form von Anleihen unter die so genannte „Gleichbehandlungsklausel“ fallen. Mit dieser Klausel verpflichtet sich das Schuldnerland, von allen Gläubigern außerhalb des Pariser Clubs mindestens die gleichen Umschuldungsbedingungen zu erwirken wie unter dem vorliegenden Pariser-Club-Abkommen. Anleihen waren bis dahin von solcher Gleichbehandlung ausgenommen. Seither werden sie standardmäßig einbezogen.

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

Der hohe Anteil sehr günstiger Kredite an der gesamten Verschuldung ist für den Moment sehr gut für Pakistan. Wenn allerdings, zum Beispiel aus politischen Gründen, wichtige Geber ihre Kreditlinien für das Land nicht verlängern, könnte das Land auf den teuren Kapitalmarkt angewiesen sein und entsprechend in Schwierigkeiten geraten. Angesichts der politischen Spannungen zwischen den traditionellen Gebern USA und China ist ein solches Szenario nicht abwegig.

Pakistan weist traditionell ein sehr hohes Leistungsbilanzdefizit auf, welches durch Entwicklungshilfe, Rücküberweisungen von pakistanischen Migrant/innen vor allem aus den Golf-Staaten sowie Kreditaufnahme gedeckt werden muss.

Politische Empfehlungen

Als Atommacht und Nachbar des Bürgerkriegslandes Afghanistan kann Pakistans Schuldensituation nicht isoliert vom geopolitischen Kontext betrachtet werden. Am Rande der Jahrestagung 2018 von IWF und Weltbank in Bali bat der pakistanische Finanzminister die Direktorin des IWF um finanzielle Unterstützung beim Ausgleich der Leistungsbilanz. Daraufhin warnte der Außenminister der USA den IWF davor, mit eigenen Ressourcen den Schuldendienst an chinesische Gläubiger sicherzustellen.

Ein klassisches Austeritätsprogramm, wie der IWF es routinemäßig zur Bedingung für seine Rettungsfinanzierungen macht, könnte in der politisch explosiven Lage des Landes zu dramatischen Destabilisierungen führen. Deswegen läge es im Interesse sowohl der Pakistani als auch der globalen politischen und wirtschaftlichen Stabilität, wenn Pakistan baldmöglichst die aus dem Ruder laufenden öffentlichen Schulden in einem umfassenden Verfahren auf ein tragfähiges Maß zurückfahren würde. Die frisch gewählte Regierung des populären Präsidenten Khan könnte dazu eine der seltenen Gelegenheiten bieten.

Weiterführende Informationen und Materialien:

 

Stand: Oktober 2018

 

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