Sri Lanka

Hat Sri Lanka ein Schuldenproblem?

Sri Lanka-News

+++ 07. SEP 2022 +++

Sri Lanka: Internationaler Tag der Solidarität

Am heutigen 7. September hat die internationale Entschuldungsbewegung zum Tag der Solidarität mit den Menschen in Sri Lanka aufgerufen. In seinem Statement [APMDD] fordert der zivilgesellschaftliche Zusammenschluss Asian Peoples’ Movement on Debt and Development u.a. die bedingungslose und vollständige Streichung nicht tragfähiger und illegitimer Schulden.

+++ 26. AUG 2022 +++

Sri Lanka: Gläubigerkoordination durch Japan beabsichtigt

Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters versucht Japan, eine internationale Gläubigerkonferenz für Sri Lanka zu organisieren. Diese solle zur Lösung der Schuldenkrise des südasiatischen Landes beitragen. Die japanische Regierung sei offen für die Ausrichtung von Gesprächen zwischen allen Gläubigernationen. Es sei allerdings nicht klar, ob der Hauptgläubiger China teilnehmen werde. Außerdem herrsche weiterhin Unklarheit über die Finanzen Sri Lankas.

+++ 24. AUG 2022 +++

Sri Lanka: Privatbank-Klage könnte humanitäre Krise verschärfen

Am kommenden beschäftigt sich ein New Yorker Gericht mit der Klage der Hamilton Reserve Bank Ltd. gegen die von Sri Lanka im April 2022 angekündigte Zahlungseinstellung. Sollte die Klage Erfolg haben, könnte das schwerwiegende Folgen für die Schuldenkrise des Landes haben. Weitere Informationen dazu in der heutigen Pressemitteilung und einem Blogbeitrag von erlassjahr.de.

+++ 19. AUG 2022 +++

Sri Lanka plant Vorabgespräche mit Japan zu Umschuldung

Wie der Merkur berichtet, plant die sri-lankische kommenden Monat erste Gespräche mit Japan, einem der größten öffentlichen bilateralen Gläubiger Sri Lankas. Japan ist Mitglied des Pariser Clubs, mit dem Sri Lanka nach Vereinbarung eines IWF-Programms Restrukturierungsverhandlungen aufnehmen kann. Noch ist jedoch kein IWF-Programm vereinbart.

+++ 21. JUL 2022 +++

Sri Lanka: Präsident nach Massenprotesten nach Singapur geflohen, Premierminister wird Nachfolger

Wie internationale Medien berichten, ist der sri-lankische Präsident Gotabaya Rajapaksa zuerst auf die Malediven, dann nach Singapur geflohen und verkündete dort seinen Rücktritt. Zuvor stürmten zehntausende Demonstrant*innen sein Anwesen in der Hauptstadt Colombo. Premierminister Ranil Wickremesinghe wurde automatisch zum amtierenden Präsidenten, bis das Parlament einen Nachfolger Rajapaksas gewählt hat. Demonstrant*innen forderten zuvor auch den Rücktritt Wickremesinghe angesichts seiner Verbindungen zur Rajapaksa-Familie, der diesen zuerst anbot, dann aber das Thema nicht mehr aufgriff. Am 20. Juli wurde Wickremesinghe mit Unterstützung von Rajapaksa’s Regierungspartei zum neuen Präsidenten gewählt, zum Unmut vieler Bürgerinnen und Bürger.

+++ 21. JUN 2022 +++

Sri Lanka: Gläubiger verklagt Staat auf 258 Millionen US-Dollar

Im April geriet Sri Lanka zum ersten Mal in der Geschichte des Landes in Zahlungsverzug. Daraufhin erhob die Hamilton Reserve Bank Ltd am 21. Juni vor einem Bundesbezirksgericht in New York Klage [Bloomberg]. Der Kläger hält Staatsanleihen Sri Lankas im Wert von über 250 Millionen US-Dollar und fordert die Ausbezahlung der gesamten Summe zuzüglich Zinszahlungen. Der Fall wird am 26. August 2022 verhandelt.

+++ 21. JUN 2022 +++

Sri Lanka: Konsortium aus mehr als 30 Privatgläubigern kündigen Bereitschaft zu Verhandlungen an

Mehr als 30 Privatgläubiger aus den USA, Europa und Asien, die Anleihen aus allen 11 Anleiheserien halten, kündigten über die Wirtschaftskanzlei White & Case die Formation eines offiziellen Gläubigerforums zwecks Umschuldungsverhandlungen mit Sri Lanka an [PR News Wire]. Bereits im April, noch vor der öffentlichen Ankündigung der Zahlungseinstellung, gab es erste Berichte über die Formierung einer Verhandlungsgruppe [Reuters]. Unklar bleibt, wieviel Prozent der ausstehenden Anleihen die Gläubiger halten.

+++ 01. JUN 2022 +++

Sri Lanka: Schuldenkrise eskaliert in humanitäre Notlage

Sri Lankas Schuldenkrise hat einen Mangel an Nahrungsmitteln, Medizin und Treibstoff ausgelöst. Das Land sei laut einem Bericht der Financial Times [FT] dazu gezwungen, die South Asian Association for Regional Cooperation um Nahrungsmittelhilfen zu bitten. Der Inselstaat rutsche durch die Krise als vormals wohlhabender Mitteleinkommensstaat in die Abhängigkeit von Spenden und Nothilfekrediten.

+++ 19. MAI 2022 +++

Sri Lanka: Zinszahlung auf Staatsanleihe verpasst

Die im April angekündigte Zahlungseinstellung wird nun offiziell: Am 18. Mai verstrich die Zahlungsfrist für 78 Millionen US-Dollar auf zwei Staatsanleihen, so dass Sri Lanka nun offiziell als im Zahlungsausfall gilt. Auch wurden 105 Millionen US-Dollar fällig an chinesische Banken nicht bedient. Entsprechend wurde das Land von Ratingagenturen auf “teilweisen Zahlungsausfall” herunter gestuft.

+++ 04. MAI 2022 +++

Sri Lanka: Kreditlinie von Indien für Energieimporte erhalten

Die indische Regierung stellt 200 Millionen US-Dollar zur Verfügung, damit Sri Lanka Kraftstoffvorräte wieder auffüllen und entsprechende Lieferungen bezahlen kann.  Weitere Finanzhilfen sind in Diskussion.

+++ 26. APR 2022 +++

Sri Lanka: S&P setzt Rating auf “Selective Default” 

Da Sri Lanka, wie erwartet, Zinszahlungen auf seine Staatsanleihen nicht bedienen konnte, wurde das Rating des Landes auf teilweise Zahlungseinstellung herunter gesetzt. S&P betont jedoch, dass nach Abschluss von Umschuldungsverhandlungen das Rating entsprechend der Zahlungsfähigkeit wieder in positive Bereiche hoch gesetzt

+++ 13. APR 2022 +++

Sri Lanka: Zahlungseinstellung an ausländische Gläubiger

Die Zentralbank von Sri Lanka hat mitgeteilt, die Zahlungen an die ausländischen Gläubiger des Landes einstellen zu müssen [Reuters]. Schon lange galt das Land als sicherer Kandidat für die nächste Staatspleite. Für das Entschuldungsrahmenwerk Common Framework der G20 ist das Land aufgrund seines Einkommensstatus nicht qualifiziert. Weitere Informationen in der erlassjahr.de-Pressemitteilung [ej].

Sri Lanka musste Mitte April 2022 alle Zahlungen an seine ausländischen Gläubiger einstellen. Autoritäre und wenig wachstumsfördernde Wirtschaftspolitiken im Innern, vor allem aber die externen Schocks infolge der Corona Pandemie (Tourismus) sowie des Kriegs in der Ukraine (Anstieg der Preise für den Import von Energie und Lebensmitteln) haben zur faktischen Staatspleite geführt.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren (Stand 2020)

IndikatorAusprägungGrenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%)71,840
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)424,4150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)39,315
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%)101,050
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%)1130,7200
Auslandsschuldenstand (US-Dollar)56,342 Mrd.
Schuldendienst: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger (US-Dollar)5,323 Mrd.

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

Wer sind die Gläubiger von Sri Lanka?

Erklärung der Schuldenkategorien

Die gesamten Auslandsschulden eines Landes setzen sich aus den Schulden des öffentlichen Sektors und denen des Privatsektors zusammen. Im Diagramm sind öffentliche Schulden mit Vollfarben und private Auslandsschulden schraffiert dargestellt.

Bei den öffentlichen Schulden werden drei Gläubigergruppen unterschieden, nämlich multilaterale öffentliche Gläubiger – das sind vor allem Entwicklungsbanken und der IWF -, bilaterale öffentliche Gläubiger – das sind andere Regierungen – und private Gläubiger.

Bei den beiden öffentlichen Gläubigerkategorien unterscheiden wir zudem nach konzessionären, also zinsgünstigen Krediten zu Entwicklungshilfebedingungen, und Krediten zu Marktbedingungen („nicht-konzessionäre“).

Bei den öffentlichen Schulden bei privaten Gläubigern unterscheiden wir die beiden Hauptinstrumente, nämlich Bankkredite und Anleihen. Diese beiden Instrumente unterscheiden wir auch bei den Auslandsschulden des Privatsektors.

Gut drei Viertel von Sri Lankas Auslandsschulden entfallen auf den Staat; das verbleibende Viertel auf die Privatwirtschaft. Den größeren und wachsenden Teil der staatlichen Schulden machen inzwischen nicht-konzessionäre Kredite aus multilateralen und bilateralen Töpfen aus. Allerdings hat das Land seit 2010 Jahr für Jahr Anleihen im Umfang von Mindestens 1 Mrd. US-Dollar platziert. Kommerzielle private Forderungen an den Staat in ausländischer Währung machen daher Ende 2020 knapp 50 Prozent der öffentlichen Auslandsverschuldung aus. Mit der relativen Zunahme der nicht-konzessionären öffentlichen Kredite sowie der teuren Anleihen im Verhältnis zu der zinsgünstigen Entwicklungshilfe wuchs der Schuldendienst bis 2018 beständig an.

Von den Schulden bei bilateralen öffentlichen Gläubigern beanspruchen die Mitglieder des Pariser Clubs am Ende des Jahres 2018 4,655 Mrd. US-$ aus der Entwicklungszusammenarbeit und bescheidene 125 Mio US-$ aus öffentlich verbürgten Handelsgeschäften. An ersteren ist Deutschland mit ebenfalls bescheidenen 191 Mio € beteiligt. Handelsforderungen hält Deutschland nicht. China als wichtigster Nicht-Pariser-Club-Gläubiger hielt 2017 konzessionäre und nicht-konzessionäre Forderungen im Umfang von 5,3 Mrd. US-$. Weitere bilaterale Gläubiger kommen vor allem aus Asien: Japan, Südkorea und Indien. Dazu kommen einige Europäer.

Trend

Seit 2010 haben sich die gesamten Auslandsschulden des Landes mehr als verdoppelt. Dabei sind die Forderungen der öffentlichen Gläubiger nur relativ langsam gewachsen. Dramatisch angestiegen sind die Schulden des Staates wie auch der Privatwirtschaft bei Banken und privaten Anleihezeichnern.

Die Schulden bei Anleihegläubigern sind besonders nach 2012 gewachsen, als Sri Lanka vom Niedrig- zum Mitteleinkommensland hochgestuft wurde und der Zugang zu sehr günstigen Entwicklungshilfekrediten stark eingeschränkt wurde. Als Folge davon ist vor allem der laufende Schuldendienst im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen wie auch zu den Exporteinnahmen der gesamten Volkswirtschaft angestiegen. Seit 2018 ist allerdings eine Trendumkehr zu beobachten: Der Anteil zinsgünstiger Kredite nimmt wieder leicht zu. Allerdings schlägt sich das noch nicht in einem reduzierten Schuldendienst nieder. Er erreichte 2020 ein Rekordniveau, das nach vorläufigen Zahlen seither wieder überschritten wurde – bis zur Zahlungseinstellung im April 2022.

Bisherige Schuldenerleichterungen für Sri Lanka

Sri Lanka hat im Mai 2005 in der Folge des Tsunami von Ende 2004 eine ad-hoc Umschuldung durch den Pariser Club erhalten. Andere Umschuldungen gab es bisher nicht. Für die Schuldendiensterleichterungen zur Bewältigung der Folgen der Corona-Pandemie – CCRT des IWF und DSSI der G20 – ist Sri Lanka als Land mit niedrigem mittlerem Einkommen ebenso wenig qualifiziert wie seinerzeit für die multilaterale HIPC/MDRI-Initiative.

Mit Stand August 2022 befindet sich Sri Lanka in Verhandlungen um ein IWF-Programm. Eine Bedingung dafür ist die Wiederherstellung von Schuldentragfähigkeit und damit Umschuldungsverhandlungen mit seinen Gläubigern.

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

Alle Schuldenindikatoren Sri Lankas liegen jenseits kritischer Grenzwerte. Das Land gehört zu den am meisten gefährdeten Ländern Asiens. Die gesamten öffentlichen Schulden im In- und Ausland im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen gehören zu den höchsten weltweit.

Zu den hohen bereits bestehenden Schulden kommt die anhaltende Neigung der letzten wie der aktuellen Regierung, ihre fiskalischen Spielräume durch Kreditaufnahme, insbesondere die Platzierung von Anleihen, auszuweiten.

Der nahezu vollständige Zusammenbruch des Tourismus als Folge der weltweiten Corona-Pandemie hatte das land 2020 und 2021 bereits in eine schwierige Lage gebracht, in der die Regierung des autoritären Präsidenten Rajapaksa ein um’s andere mal den Gläubigern versicherte, man erwäge keine Zahlungseinstellung. Am 12.4.2022 dann warf die Regierung das Handtuch: Devisenreserven von nur 1,9 Mrd. US-Dollar stehen Zinszahlungen im April 2022 von kanpp 100 Millionen US-Dollar und die Fälligkeit einer Anleihe von mehr als 1 Mrd. US-$ im Juli 2022 gegenüber. Die bereits von Stromausfällen infolge der gestiegenen Energiepreise nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine sowie der ebenfalls daraus resultierenden Verteuerung von Lebensmitteln gebeutelte Wirtschaft verhieß keinerlei Aussicht auf unmittelbare Besserung. Zu Ostern 2022 bat der neue Finanzminister Ali Sabry in Washington um Unterstützung des IWF, erste Verhandlungen haben nun begonnen. Bis auf weiteres gilt die von der Regierung dekretierte umfassende Zahlungseinstellung, welche allerdings Zahlungen an die multilateralen Geber einschließlich des IWF und der Asiatischen Entwicklungsbank auslässt.

Ein besonderes Problem ist die starke Stellung Chinas als Gläubiger: Die neben den internationalen Anleihegläubigern immer wichtiger werdenden chinesischen Geldgeber finanzieren mit ihren Krediten vor allem den Ausbau der Infrastruktur des Landes im Interesse der kontinentalen “Neuen Seidenstraße”-Initiative. Falls daraus nicht der erhoffte Wachstumsimpuls resultiert, den sich beide Seiten davon erhoffen – etwa weil der chinesische Exporterfolg in der Folge eines Handelskriegs mit den USA gedämpft wird – kann Sri Lanka sich mit Zahlungsverpflichtungen konfrontiert sehen, die die finanzierten Projekte nicht mehr erwirtschaften.

Politische Empfehlungen

Dass Sri Lanka eine umfassende und nicht nur eine selektive Zahlungseinstellung dekretiert hat, ist angemessen. Das Land hat ohne eine umfassende Restrukturierung seines gesamten Schuldenstandes keine Chance auf eine wirtschaftliche Erholung. Es sollte dem IWF von sich aus vorschlagen, alle externen Zahlungsverpflichtungen in einer einzigen Schuldenkonferenz neu zu regeln, zu der der IWF etwa mit der Regierung sowie einer Gruppe dem Land wohlgesonnener Gläubiger aus Asien und Europa gemeinsam einladen könnte.

Etwas paradox wird Sri Lankas Position in einem solchen Prozess dadurch gestärkt, dass der IWF und weitere Expert*innen seit dem Höhepunkt der Corona-Pandemie vor einer globalen Schuldenkrise in genau dem Bereich der Länder mit niedrigem mittlerem Einkommen warnt. Diese Furcht vor einem Flächenbrand ähnlich dem, den Mexico 1982 mit seiner Zahlungseinstellung in Lateinamerika ausgelöst hatte, könnte den IWF und seine wichtigen Mitglieder bewegen, neue und angemessene Wege zur Entschuldung zu finden – auf deren Notwendigkeit die Spitzen von IWF und WB beständig hinweisen.

Weitere Informationen

Stand: April 2022