Sri Lanka

Hat Sri Lanka ein Schuldenproblem?

Sri Lanka gehört zu den am kritischsten verschuldeten Ländern Asiens. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Land unter dem Druck der durch das Corona-Virus ausgelösten globalen Rezession zahlungsunfähig wird, ist hoch.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren (Stand 2018)

IndikatorAusprägungGrenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%)60,840
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)256,4150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)36,015
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%)84,150
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%)624,3200
Auslandsschuldenstand (US-Dollar)52,626 Mrd.
Schuldendienst: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger (US-Dollar)7,068 Mrd.

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

Wer sind die Gläubiger von Sri Lanka?

LKA Gläubigerprofil 2020.08

Erklärung der Schuldenkategorien

 Die gesamten Auslandsschulden eines Landes setzen sich aus den Schulden des öffentlichen Sektors und denen des Privatsektors zusammen. Im Diagramm sind öffentliche Schulden mit Vollfarben und private Auslandsschulden schraffiert dargestellt.

Bei den öffentlichen Schulden werden drei Gläubigergruppen unterschieden, nämlich multilaterale öffentliche Gläubiger – das sind vor allem Entwicklungsbanken und der IWF -, bilaterale öffentliche Gläubiger – das sind andere Regierungen – und private Gläubiger.

Bei den beiden öffentlichen Gläubigerkategorien unterscheiden wir zudem nach konzessionären, also zinsgünstigen Krediten zu Entwicklungshilfebedingungen, und Krediten zu Marktbedingungen („nicht-konzessionäre“).

Bei den öffentlichen Schulden bei privaten Gläubigern unterscheiden wir die beiden Hauptinstrumente, nämlich Bankkredite und Anleihen. Diese beiden Instrumente unterscheiden wir auch bei den Auslandsschulden des Privatsektors.

Gut drei Viertel von Sri Lankas Auslandsschulden entfallen auf den Staat, das verbleibende Viertel auf die Privatwirtschaft. Den größeren und wachsenden Teil der staatlichen Schulden machen inzwischen nicht-konzessionäre Kredite aus multilateralen und bilateralen Töpfen aus. Allerdings hat das Land seit 2010 Jahr für Jahr Anleihen im Umfang von mindestens 1 Milliarde US-Dollar platziert. Mit der relativen Zunahme der nicht-konzessionären öffentlichen Kredite sowie der teuren Anleihen im Verhältnis zur zinsgünstigen Entwicklungshilfe wächst der Schuldendienst beständig an: Allein die Rückzahlungen verdoppelten sich innerhalb eines Jahres von 2017 auf 2018.

Von den Schulden bei bilateralen öffentlichen Gläubigern beanspruchen die Mitglieder des Pariser Clubs am Ende des Jahres 2018 4,4 Milliarden US-Dollar aus der Entwicklungszusammenarbeit und bescheidene 220 Millionen US-Dollar aus öffentlich verbürgten Handelsgeschäften. An ersteren ist Deutschland mit ebenfalls bescheidenen 217 Millionen Euro beteiligt. Handelsforderungen hält Deutschland nicht. China als wichtigster Nicht-Pariser-Club-Gläubiger hielt 2017 konzessionäre und nicht-konzessionäre Forderungen im Umfang von 3,85 Milliarden US-Dollar.

Trend

Seit 2010 haben sich die gesamten Auslandsschulden des Landes mehr als verdoppelt. Dabei sind die Forderungen der öffentlichen Gläubiger nur relativ langsam gewachsen. Dramatisch angestiegen sind die Schulden des Staates wie auch der Privatwirtschaft bei Banken und privaten Anleihezeichnern.

Die Schulden bei Anleihegläubigern sind besonders nach 2012 gewachsen, als Sri Lanka vom Niedrig- zum Mitteleinkommensland hochgestuft und der Zugang zu sehr günstigen Entwicklungshilfekrediten stark eingeschränkt wurde. Als Folge davon ist vor allem der laufende Schuldendienst im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen wie auch zu den Exporteinnahmen der gesamten Volkswirtschaft angestiegen.

Bisherige Schuldenerleichterungen für Sri Lanka

Sri Lanka hat im Mai 2005 in der Folge des Tsunamis von Ende 2004 eine ad-hoc Umschuldung erhalten. Andere Umschuldungen gab es bisher nicht. Für die Schuldendiensterleichterungen zur Bewältigung der Folgen der Corona-Pandemie – Katastrophenfonds (engl. Catastrophe Containment and Relief Trust, CCRT) des Internationalen Währungsfonds (IWF) und Schuldenmoratorium (engl. Debt Service Suspension Initiative, DSSI) der G20 – ist Sri Lanka als Land mit niedrigem mittlerem Einkommen nicht qualifiziert.

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

Alle Schuldenindikatoren Sri Lankas liegen jenseits kritischer Grenzwerte. Das Land gehört zu den am meisten gefährdeten Ländern Asiens. Die gesamten öffentlichen Schulden im In- und Ausland im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen gehören zu den höchsten weltweit.

Zu den hohen bereits bestehenden Schulden kommt die anhaltende Neigung der letzten wie der aktuellen Regierung, ihre fiskalischen Spielräume durch Kreditaufnahme, insbesondere die Platzierung von Anleihen, auszuweiten.

Schließlich ist auch die innenpolitische Situation des Landes eher kritisch: Nach dem verheerenden Bürgerkrieg regierte die autoritäre und in ihrem wirtschaftlichen Handeln wenig transparente Regierung des Präsidenten Rajapaksa. Auf sie folgte nach der Abwahl des Präsidenten eine demokratische Öffnung. Diese geriet im Oktober 2018 mit der zwischenzeitlichen Rückkehr Rajapaksas in die Regierung in eine ernste Krise. Die Korruption ist weit verbreitet und das Vertrauen der Bevölkerung in die Demokratie gering.

Die neben den internationalen Anleihegläubigern immer wichtiger werdenden chinesischen Geldgeber finanzieren mit ihren Krediten vor allem den Ausbau der Infrastruktur des Landes im Interesse der kontinentalen “Neuen Seidenstraße”-Initiative. Falls daraus nicht der erhoffte Wachstumsimpuls resultiert, den sich beide Seiten davon erhoffen – etwa weil der chinesische Exporterfolg in der Folge eines Handelskriegs mit den USA gedämpft wird –, kann Sri Lanka sich mit Zahlungsverpflichtungen konfrontiert sehen, die die finanzierten Projekte nicht mehr erwirtschaften. Mit der zwangsweisen Abtretung des mit chinesischen Geldern gebauten Hafens Hambantota für 99 Jahre an China ist dieser Katastrophenfall inzwischen eingetreten.

Mit Schuldendienstverpflichtungen im Gesamtumfang von mehr als 7 Milliarden US-Dollar – mehr als dem Doppelten der Zahlungen in 2016 – kann unter dem Einfluss der Corona-bedingten Rezession noch im Laufe des Jahres 2020 der umfassende Zahlungsausfall drohen. Im Mai 2020 lagen einige der öffentlichen Anleihen bereits bei einer Marktbewertung unter 50 Prozent; Medien berichten von Refinanzierungszinssätzen um 20 Prozent. Der Tourismus macht ansonsten rund 12 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus und ist Corona-bedingt praktisch zum Erliegen gekommen.

Politische Empfehlungen

Sri Lanka ist eines der Länder, welche aufgrund ihrer extrem hohen Schuldenindikatoren selbst dann von einer zeitweiligen Zahlungsaussetzung nicht viel zu gewinnen hätten, wenn sie ihnen den zugestanden würden. Zeit zu gewinnen ist angesichts der unübersehbaren Solvenzkrise nicht sinnvoll. Die Regierung sollte umgehend den Dialog mit allen öffentlichen und privaten Gläubigern über eine umfassende Schuldenrestrukturierung suchen.

Sri Lankas auf den Ausbau der Infrastruktur fokussierter Entwicklungsweg ist nur dann verantwortbar, wenn es für den Krisenfall die Möglichkeit für eine geordnete und ausreichende Entschuldung gibt. Dazu wäre ein Verfahren, welches China, die bedeutenden Anleihegläubiger und die traditionellen Gläubiger des Pariser Clubs an einen Tisch zu bringen vermag, unerlässlich.

 

Stand: August 2020

 

Gefördert durch ENGAGEMENT GLOBAL mit Mitteln des