St. Vincent und die Grenadinen

Haben St. Vincent und die Grenadinen ein Schuldenproblem?

Die Schulden der Inselgruppe sind infolge des Corona-bedingten Tourismus-Einbruchs 2020 stark angestiegen und erreichen inzwischen Größenordnungen, die eine so kleine und wenig diversifizierte Volkswirtschaft an den Rand ihrer Handlungsfähigkeit bringen kann.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren (Stand: Vorhersagen des IWF für Ende 2020)

IndikatorAusprägungGrenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%)63,040
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)235,9150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)25,615
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%)87,950
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%)306,2200
Auslandsschuldenstand (2019) (US-Dollar)356,6 Mio.
Schuldendienst 2019: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger (US-Dollar)36,8 Mio.

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

 

Wer sind die Gläubiger von St. Vincent und den Grenadinen?

VIN Gläubigerprofil 2020-10

Erklärung der Schuldenkategorien

 Die gesamten Auslandsschulden eines Landes setzen sich aus den Schulden des öffentlichen Sektors und denen des Privatsektors zusammen. Im Diagramm sind öffentliche Schulden mit Vollfarben und private Auslandsschulden schraffiert dargestellt.

Bei den öffentlichen Schulden werden drei Gläubigergruppen unterschieden, nämlich multilaterale öffentliche Gläubiger – das sind vor allem Entwicklungsbanken und der IWF -, bilaterale öffentliche Gläubiger – das sind andere Regierungen – und private Gläubiger.

Bei den beiden öffentlichen Gläubigerkategorien unterscheiden wir zudem nach konzessionären, also zinsgünstigen Krediten zu Entwicklungshilfebedingungen, und Krediten zu Marktbedingungen („nicht-konzessionäre“).

Bei den öffentlichen Schulden bei privaten Gläubigern unterscheiden wir die beiden Hauptinstrumente, nämlich Bankkredite und Anleihen. Diese beiden Instrumente unterscheiden wir auch bei den Auslandsschulden des Privatsektors.

Alle Auslandsschulden des Landes bestehen von Seiten des Staates. Private Banken und Unternehmen sind nicht im Ausland verschuldet.

Auf der Gläubigerseite sind die Schulden gegenüber Entwicklungshilfegebern dramatisch zurückgegangen. Auch öffentliche Gläubiger leihen St. Vincent und den Grenadinen inzwischen hauptsächlich zu marktnahen Konditionen.

Die Weltbank weist den größten Gläubiger nur als „other multilateral“ aus. Es ist zu vermuten, dass es sich dabei um die Karibische Entwicklungsbank (engl. Caribbean Development Bank, CDB) handelt. Unter den bilateralen Gläubigern sticht China hervor. Geringere Forderungen halten einige arabische Staaten, Großbritannien, die USA und Frankreich. Deutschland hat keine Forderungen an St. Vincent und die Grenadinen.

Die bescheidenen Schulden bei Privatgläubigern haben sich von Banken auf Anleihezeichner verschoben.

Knapp die Hälfte der öffentlichen Schulden entfallen auf inländische Gläubiger. Darunter sind im Inland verkaufte Staatsanleihen, Kredite bei nationalen Banken und Überziehungskredite öffentlicher Konten bei heimischen Kreditinstitutionen.

Trend

Alle Schuldenindikatoren überschreiten zwei von drei kritischen Grenzwerten. Dabei stagnieren diejenigen, die sich auf die gesamten öffentlichen Schulden beziehen, während die Indikatoren der Auslandsschulden deutlich steigen.

Bisherige Schuldenerleichterungen für St. Vincent und die Grenadinen

Bislang hat es noch keine Schuldenrestrukturierungen für St. Vincent und die Grenadinen gegeben.

Für die multilaterale Entschuldungsinitiative HIPC/MDRI waren St. Vincent und die Grenadinen nicht qualifiziert. Die Moratoriumsinitiative der G20 zur Bekämpfung der COVID-19-Folgen (engl. Debt Service Suspension Initiative, DSSI) war dem Land im April 2020 angeboten worden. Die Regierung hat sie aber nicht Anspruch genommen, obwohl dadurch rund 4,1 Millionen US-Dollar freigeworden wären.

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

Statt eines Wachstums von 2,4 Prozent prognostiziert der Internationale Währungsfonds (IWF) für 2020 einen Einbruch um 5,1 Prozent. Dies ist vor allem auf den Zusammenbruch des internationalen Tourismus in Folge von COVID-19 zurückzuführen. Entsprechend stark sind in den Vorhersagen dann auch die Indikatoren gestiegen, die sich auf die (den Tourismus einschließenden) Exporteinnahmen beziehen. Für 2021sagt der IWF ein erneutes Wachstum um 4,1 Prozent voraus. Ohne eine nahezu normal funktionierende Winter-Tourismus-Saison ist das allerdings kaum vorstellbar.

Dagegen waren St. Vincent und die Grenadinen von den letzten schweren Hurrikanen 2015 und 2017 weniger betroffen als ihre Nachbarn.

Politische Empfehlungen

Insbesondere in dem Fall, dass die zweite Welle der COVID-19-Pandemie nicht noch vor dem Jahresende 2020 abflaut und Einnahmen aus dem Tourismus wieder möglich werden, sollte die Regierung ihre Zurückweisung der DSSI überdenken. Darüber hinaus sollte sie sich mit anderen kleinen Inselstaaten für die Schaffung von Entschuldungsmöglichkeiten für kleine Inselstaaten im Falle starker externer Schocks einsetzen. Jubilee Caribbean hat dazu bereits 2018 konkrete Vorschläge formuliert.

 

Stand: Oktober 2020