Sudan

Hat der Sudan ein Schuldenproblem?

Der Sudan hat hohe Zahlungsrückstände aufgebaut und zahlte in den letzten beiden Jahrzehnten nur einen geringen Teil seiner Auslandsschulden. Entsprechend gering stellt sich das Verhältnis von laufendem Schuldendienst zu den Exporteinnahmen dar, während die auf den Schuldenstand bezogenen Indikatoren exorbitant und mit die höchsten der Welt sind. Ohne umfassende Schuldenerleichterungen hat die noch sehr fragile Demokratie des Sudan keine Chance auf einen wirtschaftlichen Neuanfang.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren (Stand: Ende 2020)

IndikatorAusprägungGrenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%)253,140
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)1.375,5150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)7,115
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%)259,450
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%)3.814,7200
Auslandsschuldenstand 2019 laut IWF (US-Dollar)54,4 Mrd.
Schuldendienst: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger 2019 (US-Dollar)195,6 Mio.

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

Im Falle des Sudan weichen die Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank zum absoluten Schuldenstand erheblich voneinander ab. Die Weltbank berücksichtigt – auch bei der im Gläubigerprofil zugrunde gelegten Aufteilung auf die einzelnen Gläubigergruppen – nicht die erheblichen Straf- und Verzugszinsen, ohne die der Gesamtschuldenstand nur rund 22 Milliarden US-Dollar betragen würde.

Wer sind die Gläubiger des Sudan?

SUD Gläubigerprofil 2021-02

Erklärung der Schuldenkategorien

 Die gesamten Auslandsschulden eines Landes setzen sich aus den Schulden des öffentlichen Sektors und denen des Privatsektors zusammen. Im Diagramm sind öffentliche Schulden mit Vollfarben und private Auslandsschulden schraffiert dargestellt.

Bei den öffentlichen Schulden werden drei Gläubigergruppen unterschieden, nämlich multilaterale öffentliche Gläubiger – das sind vor allem Entwicklungsbanken und der IWF -, bilaterale öffentliche Gläubiger – das sind andere Regierungen – und private Gläubiger.

Bei den beiden öffentlichen Gläubigerkategorien unterscheiden wir zudem nach konzessionären, also zinsgünstigen Krediten zu Entwicklungshilfebedingungen, und Krediten zu Marktbedingungen („nicht-konzessionäre“).

Bei den öffentlichen Schulden bei privaten Gläubigern unterscheiden wir die beiden Hauptinstrumente, nämlich Bankkredite und Anleihen. Diese beiden Instrumente unterscheiden wir auch bei den Auslandsschulden des Privatsektors.

Alle Auslandsschulden des Sudan bestehen von Seiten des Staates oder sind von ihm garantiert. Sudanesische Unternehmen und Privatpersonen sind nicht im Ausland verschuldet. Rund drei Viertel der Auslandsschulden sind bei multilateralen und bilateralen öffentlichen Gläubigern aufgenommen worden. Das verbleibende Viertel entfällt auf Banken und „weitere private“ Kreditgeber. Der Sudan hat keine Staatsanleihen an internationalen Märkten platziert.

Trend

Die Schuldenstände und -indikatoren sind insofern stabil, als die Regierung bislang praktisch keinen Zugang zu neuen Krediten erhalten hat. Private Kreditvergaben hat es seit 2005 nicht mehr gegeben. Die Auszahlungen aus den zugänglichen bilateralen und multilateralen Quellen sind in den letzten zehn Jahren ebenfalls deutlich zurückgegangen. Geber wie die Vereinigten Arabischen Emirate unterstützen den Sudan indes weiterhin. Seit der Unabhängigkeit des Südsudans haben sich die Exporteinnahmen auf rund ein Drittel verringert.

Deutlich zurückgegangen ist sowohl gegenüber multilateralen wie bilateralen öffentlichen Kreditgebern der Anteil an konzessionären Finanzierungen. Sie wurden durch teure marktnahe Kredite aus den wenigen zugänglichen Quellen ersetzt, ohne dass dies auf die absolute Schuldenhöhe einen spürbaren Einfluss gehabt hätte.

Bisherige Schuldenerleichterungen für den Sudan

Der Sudan hat zwischen 1979 und 1984 vier Mal zu Classic Terms, das heißt ohne Schuldenreduzierungen im Pariser Club umgeschuldet. Alle vier Abkommen sind, obwohl bereits reichlich betagt, noch aktiv, da der Schuldner zwischenzeitlich Zahlungen an einzelne Club-Mitglieder eingestellt hat.

Russland hat dem Sudan Ende 2016 unter Außerachtlassung der sogenannten “Gläubigersolidarität” im Pariser Club rund 17 Millionen US-Dollar einseitig erlassen.

Der Sudan ist eines von drei Ländern, die für die multilaterale Entschuldungsinitiative für hochverschuldete arme Länder (engl. Highly Indebted Poor Countries, HIPC) qualifiziert sind, aber den Decision Point noch nicht erreicht haben. Bei der Unabhängigkeit des Südsudans hatte die Regierung in Khartum sich bereit erklärt, auf eine Aufteilung der Schulden des Staates zu verzichten, wenn die Gläubiger im Gegenzug die vorgesehene HIPC-Entschuldung umsetzten. Dies ist seither nicht geschehen, wofür der IWF die fehlende Bereitschaft der Regierung, die Zahlungsrückstände zu begleichen und sich einem Strukturanpassungsprogramm zu unterwerfen, verantwortlich macht.

Nach dem Sturz des Bashir-Regimes und seiner Ersetzung durch eine fragile zivil-militärische Koalition ist der Sudan der HIPC-Entschuldung deutlich näher gekommen. Die USA haben Anfang 2021 das Land von der Liste der Terrorfinanzierer genommen und sogleich mehr als eine Milliarde US-Dollar für die Begleichung der Zahlungsrückstände bei der Weltbank bereitgestellt. Die britische Regierung ermöglichte das gleiche mit rund 300 Millionen Pfund gegenüber der Afrikanischen Entwicklungsbank (AfDB). Alle Seiten bemühen sich im Moment, den HIPC-Prozess so zügig voranzubringen, dass ein vorläufiges HIPC-Dokument entstehen kann, in dem die Größenordnung des notwendigen Schuldenerlasses und die zu seiner Gewährung aus der Sicht des IWF notwendigen wirtschaftlichen Reformmaßnahmen festgelegt werden. Eine kontroverse Frage war dabei die nach der Freigabe des Wechselkurses des sudanesischen Pfunds zum Dollar. Im Februar 2021 hat der IWF dies gegen die Bedenken der Regierung erzwungen.

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

Der Sudan ist gegenüber den meisten Gläubigern im Zahlungsverzug. Auch nach der Bereinigung der Zahlungsrückstände gegenüber Weltbank und AfDB bleiben rund 1,4 Milliarden US-Dollar gegenüber dem IWF, für die es aktuell noch keine Lösung gibt. Der IWF kategorisiert den Sudan als in debt distress. Von Schuldentragfähigkeit, die eventuell gefährdet sein könnte, kann daher bis zu einem ernsthaften Einstieg in den HIPC-Prozess keine Rede sein.

Wie sich die vom IWF durchgesetzte Freigabe des Wechselkurses und die dadurch absehbare Verteuerung aller importierten Güter auf die politische Landschaft auswirken werden, ist noch nicht abzusehen.

Politische Empfehlungen

Für den Sudan ist die Entschuldung unter der HIPC/MDRI-Initiative gleichzeitig der einzige und der beste Weg zu einem wirtschaftlichen Neuanfang. Dabei stecken – nicht zuletzt wegen der enormen Zahlungsrückstände, die rund zwei Drittel des gesamten Schuldenstandes ausmachen – erhebliche Bewertungsspielräume in dem ansonsten durch vorgegebene Parameter nicht allzu flexiblen Prozess. Die sudanesische Regierung sollte sich das starke Interesse der bisherigen Gläubigerstaaten in Ost und West an der Wieder-Erschließung des Landes zunutze machen und auf eine möglichst vollständige Streichung aller Altforderungen aus der Zeit der Diktatur drängen.

 

Stand: Februar 2021