Türkei

Hat die Türkei ein Schuldenproblem?

Die Türkei hat ein Problem mit der Überschuldung ihrer privaten Unternehmen und Banken, nicht aber mit der des Staates so lange die Regierung sich nicht gezwungen sieht, wie manche Länder in der Eurokrise, sich selbst zu verschulden, um insolvente private Unternehmen zu retten.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren (Stand 2017)

IndikatorAusprägungGrenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%)54,140
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)211,4150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)40,215
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%)28,349
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%)90,7200
Auslandsschuldenstand (US-Dollar)454,7 Mrd.
Schuldendienst: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger (US-Dollar)86,5 Mrd.

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

Wer sind die Gläubiger der Türkei?

Erklärung der Schuldenkategorien

 Die gesamten Auslandsschulden eines Landes setzen sich aus den Schulden des öffentlichen Sektors und denen des Privatsektors zusammen. Im Diagramm sind öffentliche Schulden mit Vollfarben und private Auslandsschulden schraffiert dargestellt.

Bei den öffentlichen Schulden werden drei Gläubigergruppen unterschieden, nämlich multilaterale öffentliche Gläubiger – das sind vor allem Entwicklungsbanken und der IWF -, bilaterale öffentliche Gläubiger – das sind andere Regierungen – und private Gläubiger.

Bei den beiden öffentlichen Gläubigerkategorien unterscheiden wir zudem nach konzessionären, also zinsgünstigen Krediten zu Entwicklungshilfebedingungen, und Krediten zu Marktbedingungen („nicht-konzessionäre“).

Bei den öffentlichen Schulden bei privaten Gläubigern unterscheiden wir die beiden Hauptinstrumente, nämlich Bankkredite und Anleihen. Diese beiden Instrumente unterscheiden wir auch bei den Auslandsschulden des Privatsektors.

Etwa 60 Prozent der türkischen Auslandsschulden entfallen auf private Banken und Unternehmen, nur 40 Prozent auf den türkischen Staat. Gegenüber beiden, öffentlichen und privaten türkischen Schuldnern, sind private Geldgeber mit Abstand die bedeutendsten Gläubiger. Dabei sind Anleihen in beiden Kategorien ein deutlich wichtigeres Finanzierungsinstrument als Bankkredite.

Schulden gegenüber öffentlichen Gläubigern entfallen hauptsächlich auf multilaterale Geber, davon knapp die Hälfte allein auf die Weltbank. Der Internationale Währungsfonds (IWF) ist weit gehend ausbezahlt worden, nachdem die Türkei am Vorabend der globalen Finanzkrise von 2008 noch sein letzter ganz großer Schuldner gewesen war.

Schulden bei anderen Staaten resultieren fast ausschließlich aus der Entwicklungshilfe, wobei allerdings die Zahlen von Weltbank und Pariser Club hinsichtlich der (wenigen) Handelsschulden nicht miteinander kompatibel sind. Wenn sie hinsichtlich der Entwicklungshilfeschulden immerhin korrekt sind, entfallen vier Fünftel dieser Kategorie auf die Mitglieder des Pariser Club. Deutschland hält keine Forderungen an die Türkei.

Trend

Von 2013 bis 2016 haben sich die Auslandsschulden der Türkei auf hohem Niveau stabilisiert, um dann 2017 wieder drastisch anzusteigen. Da seit 2015 die Wirtschaftsleistung deutlich geschrumpft ist, sind die Indikatoren, die Schulden ins Verhältnis zu Bruttoinlandsprodukt und Exporteinnahmen setzen, stark angestiegen. Davon allerdings entfällt der größte Teil auf den privaten Sektor, während die Indikatoren für die Auslandsschulden des türkischen Staates einigermaßen stabil geblieben sind.

Bisherige Schuldenerleichterungen für die Türkei

Zischen 1978 und 1980 hat die Türkei dreimal im Pariser Club Verbindlichkeiten gegenüber ihren westlichen Gläubiger ohne Erlasse umgeschuldet. Alle drei Abkommen sind seit langem abbezahlt. Dazu kommen zwei Londoner-Club-Abkommen mit privaten Banken im Jahr 1979.

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

Gefährlich für die Türkei ist vor allem die starke Verschuldung des Privatsektors im Ausland. Ein Anstieg der globalen Zinsen könnte auch für die türkischen Unternehmen die Neukreditaufnahme zur Ablösung alter Zahlungsverpflichtungen untragbar teuer machen. Dazu kommt die Gefahr von gewaltsamen Konflikten sowohl im Innern als auch durch die Nachbarschaft zum syrischen Kriegsschauplatz.

Politische Empfehlungen

Die ebenfalls autokratische ungarische Regierung hat zu Beginn dieser Dekade vorgemacht, wie eine Regierung, die auf ihre internationale Reputation keinen besonderen Wert legt, ausländische Banken zur Übernahme eines Teils der Krisenkosten zwingen kann. Das war für die wirtschaftliche Erholung Ungarns nach 2008 äußerst nützlich und könnte im Prinzip ein Vorbild für die Überwindung der Krise durch die aktuelle türkische Regierung sein. Es ist allerdings fraglich, ob die Regierung Erdogan noch so ungerührt gegenüber mächtigen ausländischen Interessen agieren kann, wie sie das in den ersten Jahren nach den fragwürdigen letzten Wahlen getan hat.

 

Stand: Dezember 2018

 

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