Unter dem Motto „Alerta, alerta, Entschuldungsaktivista! Faire Entschuldung zwischen Multilateralismus und Nationalismus“ fand vom 7. bis 9. November die erlassjahr.de-Jahrestagung 2025 in Bonn statt. Über 50 Teilnehmenden, darunter langjährige Aktive des Entschuldungsnetzwerks, neue Interessierte sowie Vertreter*innen kirchlicher und zivilgesellschaftlicher Organisationen kamen dabei zusammen. Ebenso nahmen auch viele junge Engagierte an der Tagung teil und fanden sich im neugegründeten Netzwerk „Jubilee Youth“ zusammen, um auch in Zukunft als Gruppe junger Menschen die Arbeit im erlassjahr.de-Bündnis mitzugestalten.
Die Tagung wurde in diesem Jahr in Kooperation mit Südwind e.V., dem Global Policy Forum Europe, der Evangelischen Akademie Bad Boll sowie dem Evangelischen Kirchenkreis Bonn organisiert und durchgeführt. Das CJD Tagungs- und Gästehaus in Bonn Castell bot dabei mit seiner offenen Atmosphäre und der guten räumlichen Ausstattung vielfältige Gelegenheiten für Austausch und Vernetzung.
Tag 1 – Einstieg ins Thema und aktuelle Lage der globalen Schuldenkrise
Zum Auftakt bot Malina Stutz, Politische Referentin bei erlassjahr.de, am Freitagnachmittag einen Einstieg in die Schuldenthematik und gab insbesondere Neu- und Wiedereinsteigenden mithilfe des „Schuldeneinmaleins“ in Form eines Adventskalenders einen Überblick über zentrale Begriffe und Mechanismen. Nach einer kurzen Pause folgte die offizielle Begrüßung durch erlassjahr.de und die Kooperationspartner mit einem Grußwort von Superintendent Dietmar Pistorius vom Kirchenkreis Bonn. Kristina Rehbein, Politische Koordinatorin bei erlassjahr.de, setzte dann den fachlichen Rahmen: In ihrem Vortrag skizzierte sie die Zuspitzung der globalen Schuldenkrise und deren Folgen im Erlassjahr 2025, dem Jahr der globalen Kampagne „Erlassjahr 2025 – Turn Debt into Hope!“.
Der Abend klang nach dem gemeinsamen Abendessen mit Musik von „Samba Bom“ aus – eine gute Gelegenheit, erste Gespräche zu vertiefen und neue Kontakte zu knüpfen.
Tag 2 – Multilateralismus, Zivilgesellschaft und Arbeitsgruppen
Nach einem gemeinsamen Warm-Up eröffnete Malina Stutz am Samstag mit ihrer Keynote den Tag. Sie zeichnete darin die Entwicklungen der internationalen Schuldenpolitik der vergangenen Jahrzehnte nach – von frühen multilateralen Reformansätzen bis hin zu aktuellen Verschiebungen durch das Common Framework. Dabei wurde deutlich, wie sehr multilaterale Lösungsstrukturen unter Druck geraten sind und welche Chancen eine neu verhandelte, faire Schuldenordnung bieten könnte – gerade in einer zunehmend fragmentierten globalen Landschaft.
Im anschließenden Gespräch gaben Bodo Ellmers (Global Policy Forum Europe) und Thomas Gebauer (ehem. Geschäftsführer von medico international) vertiefende Einblicke aus langjähriger Advocacy-Arbeit. Ellmers beleuchtete die Dynamiken internationaler Verhandlungsräume und zeigte auf, wie nationale Alleingänge und der Rückzug zentraler Akteure – etwa im Prozess des Compromiso de Sevilla – multilaterale Verhandlungen erschweren. Zugleich verwies er darauf, dass UN-Prozesse im Vergleich zu anderen Foren weiterhin wichtig für zivilgesellschaftliche Beteiligung blieben. Gebauer diskutierte ergänzend, wo „Multilateralismus von unten“ entstehen kann, welche Rolle zivilgesellschaftliche Gegenmacht und Gegenexpertise spielen und welche Grenzen zivilgesellschaftliche Akteure in stark machtgeprägten internationalen Arenen erleben.
Die verlängerte Mittagspause bot dann zwei sehr unterschiedliche Programmpunkte: Ein Highlight war die Stadtführung durch Bonn mit dem Verein Stadtstreifen e.V. zum Thema Leben in Wohnungslosigkeit, die den Teilnehmenden neue und sehr eindrückliche Perspektiven auf die Stadt bot.
Wer im Tagungshaus blieb, konnte verschiedene Mitmach-Materialien von erlassjahr.de ausprobieren: zum Beispiel ein Quiz zur Posterausstellung „Entwicklung braucht Entschuldung“, das Schulden-Jenga oder den unfairen Tischkicker. Außerdem konnten Stofftaschen und T-Shirts mit Motiven von erlassjahr.de bemalt werden. So lernten die Teilnehmenden spielerisch Materialien kennen, die sie später auch in ihrer eigenen Arbeit einsetzen können.
Mit einer Keynote von Irene Knoke (Südwind) rückte anschließend die politische Rahmensituation in den Fokus. Sie zeigte auf, wie sehr zivilgesellschaftliche Handlungsspielräume weltweit, aber auch in Europa, eingeschränkt werden. Knoke beschrieb die aktuellen Angriffe auf zivilgesellschaftliche Akteure – von Diffamierung und restriktiven Gesetzesinitiativen bis hin zu Zensur, Schikanen, und Gewalt – und ordnete sie in den globalen Trend zunehmender Autokratisierung ein. Zugleich betonte sie die zentrale Rolle zivilgesellschaftlicher Organisationen für demokratische Prozesse und skizzierte politische Ansatzpunkte, um Räume für Engagement und Beteiligung zu schützen und zu stärken.
In der anschließenden Arbeitsgruppenphase standen den Teilnehmenden drei parallel laufende Angebote zur Auswahl. Die AG „Debt Strategies Amidst Shrinking Civic Space: Experience, Lessons and Way Forward“ (zu dt.: „Schuldenstrategien in Zeiten schrumpfender zivilgesellschaftlicher Spielräume: Erfahrungen, Erkenntnisse und Perspektiven“), wurde von Aldo Caliari (Jubilee USA) organisiert und fand als einzige AG online und auf englisch statt.
Aldo Caliari (Jubilee USA), Eva Martínez-Acosta S. (Centro de Derechos Económicos y Sociales, Ecuador), Fr. Charles Chilufya (Jesuit Justice and Ecology Network Africa) und Shereen Talaat (MenaFem Movement for Economic, Development and Ecological Justice) gaben Einblicke in zivilgesellschaftliche Strategien in Zeiten schrumpfender Handlungsspielräume. Sie diskutierten, wie sich diese Entwicklungen auf die Schulden- und Wirtschaftspolitik auswirken, welche Herausforderungen Organisationen in verschiedenen Ländern und weltweit begegnen und welche Formen des Widerstands neue Wege aufzeigen können.
Prof. Dr. Andrés Musacchio (Universität Buenos Aires) analysierte in der AG „Anarchokapitalismus unter Milei: finanzialisierte Akkumulation, Armut und Verschuldung“ die wirtschafts- und schuldenpolitische Agenda der argentinischen Regierung.
Ergänzt wurde das AG-Angebot durch einen praxisorientierten Workshop der Initiative „Aufstehen gegen Rassismus“, der Methoden der Gesprächsführung gegen Rechts vermittelte.
Der Tag endete mit einer Filmvorführung des Dokumentarfilms „Esther & The Law“. DerFilm von 2023 begleitet Esther Kiobel, die Witwe von Barinem Kiobel, der 1995 zusammen mit 8 weiteren Aktivisten hingerichtet wurde, nachdem sie sich gegen die Umweltverschmutzung durch Shell im Nigerdelta eingesetzt hatten. Esther Kiobel kämpfte gemeinsam mit weiteren Frauen in einem Prozess in Den Haag für Gerechtigkeit für ihren Mann. Der Todestag der „Ogoni Nine“ jährte sich dieses Jahr am 10.11.2025 zum dreißigsten Mal – Anlass, den Film bei der Jahrestagung zu zeigen.
Tag 3 – Rückblick, Ausblick und Bündnisratswahlen mit anschließender Sitzung
Am Sonntagmorgen standen interne Schwerpunkte im Mittelpunkt. Nach einem kurzen Warm-Up folgte ein ausführlicher Rückblick auf die erlassjahr.de-Aktivitäten 2025 sowie ein Ausblick auf die Planungen für 2026 – darunter auch eine Zwischenbilanz der weiterhin laufenden Kampagne „Erlassjahr 2025 – Turn Debt into Hope!“. In der anschließenden Arbeitsgruppenphase beschäftigten sich die Teilnehmenden mit zentralen (Zukunfts-)Fragen in drei Gruppen: einer AG mit Brainstorming zur Weiterführung der Arbeit nach dem Erlassjahr 2025, einer AG zur Weiterentwicklung neuer Bildungsmaterialien und einer dritten AG, in der es um häufig gestellte Fragen und Antworten zum Schuldenthema ging, denen Engagierte etwa am Infostand begegnen.
Nach einer kurzen Pause folgten die Vorstellung des Haushalts durch Kristina Rehbein sowie die Wahl des neuen Bündnisrats. Nach langjährigem Engagement verlassen Eva Hanfstängl, Eva-Maria Hartmann und Patrick Jedamzik den Bündnisrat, wobei Eva-Maria und Patrick zuletzt auch im Lenkungskreis aktiv waren. Neu in den Bündnisrat gewählt wurden Jürgen Kaiser (ehemals langjähriger politischer Koordinator bei erlassjahr.de und jetzt im Bündnisrat für die Evangelische Jugend Weigle-Haus e.V.), Jörg Meier (für das Ökumenische Zentrum Oldenburg e.V.) und Amelie Fischer (als Einzelunterstützerin) – Jörg und Amelie waren zuvor schon als Gäste im Bündnisrat aktiv. Neu als Gäste hinzugekommen sind Patrick Hillenbrand-Detzer (als Einzelunterstützer), Boubacar Diop (für die Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt e.V.) und Pedro Morazán (für Südwind e.V.). Wir bedanken uns herzlich für das Engagement aller neuen und alten Bündnisräte!
Mit einem Ausblick endete die Tagung offiziell um 12 Uhr. Im Anschluss kam der neugewählte Bündnisrat sowie Gäste und Interessierte zu seiner ersten Bündnisratssitzung zusammen – weitere folgen dann im Laufe des Jahres.
Fazit
Die diesjährige Jahrestagung machte deutlich, wie groß der Bedarf an Austausch und gemeinsamer Strategiearbeit in der aktuellen Phase globaler Entschuldungspolitik sowie in der aktuellen Situation schrumpfender zivilgesellschaftlicher Handlungsspielräume ist. Zugleich wurde sichtbar, wie breit das Engagement im Bündnis aufgestellt ist und wie sehr unterschiedliche Erfahrungen und Hintergründe den Austausch bereichern. Die Kombination aus fachlichen Inputs, praktischen Workshops, Austausch und kreativen Angeboten bot vielfältige Zugänge, um das gemeinsame Ziel weiter zu verfolgen: faire Entschuldung weltweit – auch unter zunehmend herausfordernden politischen Rahmenbedingungen.
Autor: Lukas Braun
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