17. November 2025

Staatsschuldenkrisen als Gefahr für Arbeitnehmer*innenrechte: Speaker’s Tour mit Akhator Joel Odigie (ITUC Africa)

Akhator Joel Odigie (ITUC Africa) bei einer Veranstaltung unserer gemeinsamen Speakers Tour im Herbst 2025.

 

Arbeitnehmer*innen im Globalen Süden sind besonders stark von Staatsschuldenkrisen betroffen. Die Bewältigung von Schuldenkrisen ist daher auch für Gewerkschaften im Globalen Süden ein zentrales Thema.

Ende Oktober 2025 war Akhator Joel Odigie, Generalsekretär des Internationalen Gewerkschaftsbundes in Afrika (ITUC-Africa), zu Gast bei uns in Deutschland. Gemeinsam mit erlassjahr.de hat er im Rahmen einer „Speaker‘s Tour“ in fünf Städten über seine Arbeit berichtet (siehe dazu auch unser Blogbeitrag von Lukas Braun). Ziel der Tour war es, mit öffentlichen Veranstaltungen die Verbindungen zwischen Schuldengerechtigkeit und Arbeitnehmer*innen- rechten aus einer gewerkschaftlichen Perspektive aufzuzeigen und damit viele Menschen zu erreichen. Außerdem war die Tour auch eine Gelegenheit, uns als Zivilgesellschaft in Deutschland mit verschiedenen zivilgesellschaftlichen und gewerkschaftlichen Akteuren neu zu vernetzen oder schon bestehende Verbindungen weiter zu stärken. Dafür haben wir mit vielen verschiedenen Kooperationspartnern zusammengearbeitet (siehe ebenfalls in unserem Blogbeitrag).

Für unseren im September 2025 erschienen Entschuldungskurier hatten wir bereits vor der Tour ein Interview mit Akhator Joel Odigie geführt, das wir nun auch hier noch veröffentlichen möchten.

Akhator Joel Odigie, nigerianischer Aktivist und Gewerkschafter, hat zwei Jahrzehnte Gewerkschaftserfahrung. Er hat im Bachelor Öffentliche Verwaltung an der Ambrose Alli University in Nigeria und im Master „Labour and Globalisation“ an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin studiert. Er bezeichnet sich selbst als Pan-Afrikanisten. Seit 2023 ist er Generalsekretär des Internationalen Gewerkschaftsbundes in Afrika (ITUC-Africa), eine Organisation, die derzeit mehr als 18 Millionen Arbeitnehmer*innen in 52 afrikanischen Länder vertritt.

 

Paula Bünger (erlassjahr.de): Viele Länder auf dem afrikanischen Kontinent sind besonders stark von der globalen Schuldenkrise betroffen. Inwiefern trifft die Schuldenkrise Arbeitnehmer*innen besonders?

Akhator Joel Odigie: Die Schuldenkrise hat sehr konkrete negative Folgen für Arbeitnehmer*innen. Da immer mehr öffentliche Einnahmen für Schuldendienstzahlungen verwendet werden, müssen die Regierungen Kürzungen bei Löhnen, Arbeitsplätzen im öffentlichen Dienst und Dienstleistungen vornehmen. In Ghana beispielsweise verschlangen die Zinszahlungen im Jahr 2023 fast die Hälfte der Staatseinnahmen, was zu Kürzungen bei der Einstellung von Lehrkräften und zum Einfrieren von Stellen im Gesundheitswesen führte. In Sambia führte die Schuldenlast zu verspäteten Gehaltszahlungen für Beamt*innen, während in Kenia durch Umschichtungen im Haushalt die Mittel für bezahlbaren Wohnraum gekürzt wurden. Dies schränkt die Budgets für soziale Sicherung ein und erzwingt Lohnstopps, Personalabbau und eine Verschlechterung des Gesundheits- und Bildungssystems – was die Rechte, die Einkommenssicherheit und die Arbeitsbedingungen der Arbeitnehmer*innen untergräbt.

Die gravierendste Folge der geschwächten öffentlichen Daseinsvorsorge ist, dass immer mehr Menschen in Armut und Not geraten. Wenn Bürger*innen die positiven Wirkungen von Demokratie nicht spüren, wachsen Gleichgültigkeit und Resignation – und vermeidbare Proteste werden wahrscheinlicher. All dies kann die demokratische Entwicklung ernsthaft gefährden.

erlassjahr.de: Was sind die zentralen Forderungen von ITUC-Africa und Gewerkschaften in afrikanischen Ländern?

Akhator Joel Odigie: Wir haben die afrikanischen Regierungen aufgefordert, transparente Schuldenrahmen zu verabschieden und öffentlichen Ausgaben für Bildung, Gesundheit und Soziales Vorrang vor Sparmaßnahmen und Schuldendienst zu geben. So könnte beispielsweise Senegal einen Teil seines Schuldendienstes – der derzeit höher ist als sein Bildungsbudget – in die Infrastruktur ländlicher Schulen und die Lehrerausbildung umleiten.

Wir fordern, dass internationale Kreditinstitute, insbesondere die Weltbank und der Internationale Währungsfonds (IWF), unrechtmäßige Schulden streichen müssen. Diese Position werden wir so lange vertreten, bis wir grundlegende Veränderungen sehen.

Unsere Forderungen basieren dabei auf der Tatsache, dass 57 % der afrikanischen Bevölkerung, also rund 751 Millionen Menschen, in Ländern leben, die mehr für den Schuldendienst als für Bildung oder Gesundheitsversorgung ausgeben.

erlassjahr.de: Welche Strategien verfolgen Gewerkschaften in Afrika, um die Schuldenkrise zu adressieren?

Akhator Joel Odigie: In Tunesien beispielsweise haben Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes alternative Haushaltsvorschläge vorgelegt, die zeigen, wie Einsparungen beim Schuldendienst in Arbeitsplätze im Bereich der erneuerbaren Energien investiert werden könnten. Wir mobilisieren bereits Arbeitnehmer*innen, bauen Allianzen mit fortschrittlichen Regierungen, der Zivilgesellschaft und Gesetzgebern auf, um eine verantwortungsvolle Ausgabenpolitik zu fordern. Wir mobilisieren auf dem gesamten Kontinent, um zu sagen: Keine Rückzahlung von unrechtmäßigen Schulden mehr! Wir sind offen für eine Restrukturierung legitimer Schulden. Vor allem aber mobilisieren sich Gewerkschaften in ganz Afrika und demonstrieren auf den Straßen für eine vollständige Schuldenstreichung. Die Gewerkschaften des Kontinents fordern gemeinsam Schuldenstreichung, da die Schulden durch unverantwortliches Verhalten der Gläubiger, neoliberale Politik und eine ausbeuterische Kolonialisierung verursacht wurden. Wir sagen „Genug ist genug”. Wir können nicht tatenlos zusehen, wie Afrika verpfändet wird.

erlassjahr.de: Wie arbeitet ITUC-Africa darüber hinaus zum Schuldenthema?

Akhator Joel Odigie: Unter anderem hat ITUC-Africa am 28. August 2025 in Accra, Ghana, ein Positionspapier veröffentlicht, in dem wir einige zentrale Empfehlungen geben. Wir verankern Schuldengerechtigkeit im Kern unseres klimapolitischen, industriepolitischen und sozialpolitischen Engagements und arbeiten mit der Afrikanischen Union, nationalen Gewerkschaftszentralen und der African Group of Negotiators (AGN) im Rahmen der COP-Prozesse zusammen. Wir haben eine kontinentweite Kampagne gestartet, in der wir eine bedingungslose Schuldenstreichung fordern, da wir erkannt haben, dass Schulden nicht nur ein fiskalisches Problem sind, sondern ein strukturelles Hindernis für die Entwicklungssouveränität Afrikas darstellen. Am 29. August haben wir eine Großkundgebung in Accra, Ghana, organisiert, um Schuldenstreichung als Mittel für Reparationen zu fordern. Mit Großdemonstrationen und Kundgebungen in den letzten Jahren wollen wir das öffentliche Bewusstsein und Aufklärung über Schulden stärken und den Gläubigerclubs die Position der Bevölkerung zum Thema Schulden zeigen.

erlassjahr.de: Welche weiteren Kampagnen führt ITUC-Africa derzeit durch? Gibt es Überschneidungen mit der Schuldenkampagne?

Akhator Joel Odigie: Absolut. Unsere Kampagnen „Just Transition“ (gerechter Übergang) und „Public Pathways“ (öffentliche Wege) sind eng mit der Agenda der Schuldengerechtigkeit verknüpft, denn man kann nicht in Klimaanpassung, saubere Energie und öffentliche Infrastruktur investieren, ohne dafür fiskalischen Spielraum zu haben. In vielen afrikanischen Ländern wird dieser jedoch durch nicht tragfähige Schuldendienste erdrückt. Auch unsere Arbeit zur Gestaltung von Arbeitsmigration steht in direktem Zusammenhang: Rücküberweisungen (remittances), die eigentlich lokale Wirtschaften und öffentliche Dienstleistungen stärken sollten, werden zu oft – direkt oder indirekt – dafür verwendet, nationale Schulden zu bedienen, anstatt die menschliche Entwicklung voranzubringen.

Darüber hinaus führen wir im Rahmen des Tax Justice Network Africa die „Stop the Bleeding“-Kampagne durch, gemeinsam mit progressiven zivilgesellschaftlichen Organisationen. Ziel ist es, den massiven Abfluss öffentlicher Gelder durch illegale Finanzströme einzudämmen. Diese Ströme – auf jährlich über 88 Milliarden US-Dollar aus Afrika geschätzt – rauben den Regierungen genau die Einnahmen, die sie benötigen, um Arbeiter*innen fair zu bezahlen, Bildung und Gesundheit zu finanzieren und in nachhaltige Entwicklung zu investieren.

In all unseren Kampagnen ist die Botschaft dieselbe: Wir müssen öffentliche Ressourcen für die Rechte der Menschen zurückgewinnen – nicht für die Profite der Gläubiger.

erlassjahr.de: Welche Bedeutung hatte die erste AU-Schuldenkonferenz im Mai 2025 in Lomé, Togo?

Akhator Joel Odigie: Der Lomé Africa Debt Summit hat die Schuldenfrage neu definiert: Schulden werden nicht länger als rein technisches, sondern als sozio-politisches Thema verstanden. Die Staats- und Regierungschefs verpflichteten sich, Afrikas gemeinsame Stimme in den Schuldenverhandlungen zu stärken, Reformen im globalen Finanzsystem voranzutreiben und die inländische Mobilisierung von Ressourcen zu verbessern. Die Herausforderung besteht nun darin, die politischen Entscheidungsträger*innen und Finanzinstitutionen für die Umsetzung dieser Vorhaben zur Verantwortung zu ziehen. Die Lomé-Erklärung bietet konkrete Lösungen zur Bewältigung der Schuldenkrise sowie Maßnahmen, um zusätzliche Finanzmittel für die Entwicklung des Kontinents zu mobilisieren.

Sie fordert die Umsetzung von Maßnahmen auf nationaler, kontinentaler und globaler Ebene im Einklang mit der Agenda 2063 und die Nutzung der AU-Mitgliedschaft in der G20, um Reformen im globalen Finanzsystem – insbesondere des G20 Common Framework – voranzutreiben, um eine rechtzeitige und angemessene Schuldenerleichterung sicherzustellen. Eine Reform des Common Framework der G20 sollte eine allgemein anerkannte Methode zur Vergleichbarkeit der Behandlung schaffen, um Transparenz und Inklusivität zu fördern und die Koordinierung der Verhandlungen zwischen allen Gläubigergruppen zu verbessern. Gleichzeitig sollten Schuldendienstzahlungen während der Umschuldung ausgesetzt und Klima- sowie Naturschutz-Debt Swaps ermöglicht werden. Ebenso sollten auch Länder mit mittlerem Einkommen einbezogen werden. All dies sollte durch die Einrichtung eines supranationalen Mechanismus zur rechtlichen Durchsetzung begleitet werden.

Aus gewerkschaftlicher Sicht enthält die Lomé-Erklärung zwar wesentliche Maßnahmen zur Bewältigung der afrikanischen Schuldenkrise, doch einige Vorschläge sind mit Vorsicht zu betrachten. Insbesondere die Förderung öffentlich-privater Partnerschaften (Public-Private Partnerships, PPPs) im Bereich öffentlicher Dienstleistungen ist problematisch, da frühere Erfahrungen zeigen, dass solche Modelle häufig zu Privatisierung, Arbeitsplatzverlusten und eingeschränktem Zugang zu grundlegenden Diensten führen. Ebenso könnte eine übermäßige Abhängigkeit von Emissionshandelssystemen und spekulativen Instrumenten wie Panda-Bonds Länder neuen finanziellen Risiken aussetzen, ohne gesicherte Entwicklungserfolge zu gewährleisten. Debt-for-nature swaps müssen zudem starke soziale Schutzmechanismen enthalten, um die Lebensgrundlagen von Beschäftigten und die Rechte der Gemeinschaften zu wahren. Gewerkschaften befürworten Finanzierungsmodelle, die öffentliche Dienste unter demokratischer Kontrolle halten, soziale Bedürfnisse priorisieren und die inländische Ressourcenmobilisierung stärken.

erlassjahr.de: Wie können Bewegungen und Gewerkschaften im Globalen Norden gewerkschaftliche Kämpfe für Schuldengerechtigkeit auf dem afrikanischen Kontinent unterstützen?

Akhator Joel Odigie: Der grundlegende Wandel wird stattfinden, wenn die arbeitende Bevölkerung im Globalen Norden von ihren Regierungen, Banken und Unternehmen Rechenschaftspflicht, Fairness und Solidarität im Umgang mit dem Globalen Süden fordert. Wenn wir uns auf eine gemeinsame Erzählung einigen, dass Schuldengerechtigkeit die Grundlage für Lohngerechtigkeit, Geschlechtergleichstellung, sozialen Schutz, die Schaffung von Arbeitsplätzen und Klimaresilienz ist, können wir die Kämpfe für Schuldengerechtigkeit und Arbeitnehmer*innenrechte über Grenzen hinweg miteinander verbinden. Unsere Genoss*innen im Globalen Norden können eine wichtige Rolle spielen, indem sie den Stimmen Afrikas Gehör verschaffen, ihre Regierungen zu einer Reform der internationalen Schuldensysteme drängen und durch Forschung, Kampagnen- Toolkits und grenzüberschreitende Lobbyarbeit Solidarität zeigen. Durch koordinierte globale Kampagnen können wir die Politik in Richtung einer gerechteren und ausgewogeneren internationalen Ordnung verändern.

 

Vielen Dank an Akhator Joel Odigie für die Beantwortung der Fragen und den Besuch bei uns im Rahmen der Speaker’s Tour! 

 

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