Ende November wurde Sri Lanka durch den Zyklon Ditwah schwer verwüstet. Ersten Berichten zufolge kamen Hunderte Menschen ums Leben oder werden noch vermisst, Tausende wurden obdachlos, und Häuser, Infrastruktur sowie Lebensgrundlagen wurden stark beschädigt.
Vor diesem Hintergrund initiierte Yukthi, ein pluralistisches Forschungsforum, das Arbeiterbewegungen unterstützt und sich für Demokratie und Gerechtigkeit in Sri Lanka einsetzt, einen Aufruf für Schulden- und Klimagerechtigkeit. Dem Aufruf schlossen sich 70 zivilgesellschaftliche Kollektive und Aktivist*innen aus Sri Lanka an. Hintergrund ist auch die schwere Schuldenkrise des Landes.
erlassjahr.de hat den Aufruf ins Deutsche übersetzt:
+++ Aufruf +++
Die Menschen in Sri Lanka fordern angesichts der nationalen Katastrophe eine Neuverhandlung des IWF-Abkommens sowie Schulden- und Klimagerechtigkeit
Der Zyklon Ditwah hat in ganz Sri Lanka verheerende Schäden angerichtet. Bis zum 6. Dezember 2025 belief sich die Zahl der Todesopfer auf über 600, mehrere Hundert Menschen werden noch vermisst, Tausende mussten ihre Häuser verlassen, und es sind massive Schäden an Eigentum, Infrastruktur und Lebensgrundlagen entstanden.
Ditwah ist eine Folge der zunehmenden Auswirkungen des Klimawandels auf tropische Länder wie Sri Lanka und verschärft die Wirtschaftskrise, die sich seit dem Staatsbankrott 2022 in Höhe von rund 35 Milliarden US-Dollar manifestiert. Während die Mehrheit der Bevölkerung unter Sparmaßnahmen wie regressiven Steuererhöhungen, Kürzungen von Subventionen und unzureichenden Sozialversicherungsmaßnahmen leidet, ist die Regierung von Sri Lanka zu einem Gefangenen des laufenden Extended Fund Facility-Programms des IWF geworden. Die Kontrolle der Staatsausgaben durch den IWF schränkt nicht nur die Fähigkeit der Regierung ein, auf die anhaltende humanitäre Krise zu reagieren, sondern behindert auch erheblich Investitionen in die Infrastruktur, die Wiederherstellung der Lebensgrundlagen und die Anpassung an weitere Auswirkungen des Klimawandels.
Ditwah unterstreicht die systemische Ungerechtigkeit der Folgen des Klimawandels: Sri Lanka trägt weniger als 0,08 % zu den globalen fossilen Kohlenstoffemissionen bei, leidet jedoch unter sich verschärfenden Klimaauswirkungen wie Überschwemmungen, Dürren und Erdrutschen. Nicht nachhaltige Entwicklungsprojekte und industrielle Monokulturen haben zu Entwaldung, Bodendegradation und Störungen des Ökosystems geführt. Dabei wurden Großkapital und globale Märkte den lokalen Gemeinschaften und den Rechten indigener Völker vorgezogen und trugen zugleich zur unverhältnismäßigen Schuldenlast Sri Lankas bei.
Durch Schulden finanzierte Mega-Infrastrukturprojekte wie Autobahnen, Tiefseehäfen und Energieparks wurden Umweltschutzmaßnahmen umgangen, Menschen vertrieben, ihre Lebensgrundlagen zerstört, ihre Gefährdung erhöht und Konflikte zwischen Menschen und Elefanten geschürt. Dadurch bleiben marginalisierte Gruppen, insbesondere Kleinbäuer*innen, Fischer*innen kleiner Betriebe, Plantagenarbeiter*innen und Viehzüchter*innen, in einem Kreislauf wirtschaftlicher und ökologischer Belastung gefangen.
Die Bewältigung der Krise erfordert eine unverzügliche Überarbeitung des Umschuldungsabkommens, eine massive Schuldenerleichterung und einen sofortigen Stopp der aktuellen und zukünftigen Schuldendienstzahlungen Sri Lankas. Darüber hinaus sind mehr Klimafinanzierungen in Form von Zuschüssen statt Darlehen sowie Reparationszahlungen von Ländern mit hohen Emissionen erforderlich. Die Bedingungen des IWF festigen die Schulden-Klimafalle, erschweren den Aufbau von Resilienz und untergraben den sozialen Schutz in einem Land, in dem 6,3 Millionen Menschen von Ernährungsunsicherheit betroffen sind. Der Zyklon Ditwah hat die landwirtschaftliche Produktion in ganz Sri Lanka schwer beeinträchtigt, weite Teile der Anbauflächen unter Wasser gesetzt und Grundnahrungsmittel beschädigt, was zu erheblichen Risiken für eine massive Nahrungsmittelknappheit in den kommenden Monaten führt, wenn kleine Produzenten nicht umgehend unterstützt werden. Um die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln sicherzustellen, braucht es nicht nur Nahrungsmittelimporte. Auch Nahrungsmittelproduzentinnen wie Kleinbäuer*innen, Frauen, Fischer*innen kleiner Betriebe, Plantagenarbeiter*innen und Viehzüchter*innen müssen unterstützt werden, denn sie sind aufgrund der wiederkehrenden Naturkatastrophen am Ende ihrer Kräfte.
Das unter der Kontrolle des Präsidenten eingerichtete Komitee zur Koordination des Wiederaufbaus in Sri Lanka, das Prioritäten setzen, Ressourcen zuweisen und Mittel für genehmigte Wiederaufbaumaßnahmen bereitstellen soll, besteht aus Konzernverantwortlichen, die für umweltschädliche Energieprojekte, die Ausbeutung von Arbeiter*innen und Mikrokredit-Schuldenfallen verantwortlich sind. Ohne Vertretung der Zivilgesellschaft oder der Gemeinden besteht die Gefahr, dass diese Konzernverantwortlichen, deren bisheriges Handeln die Aktionärsgewinne über soziale Gerechtigkeit und ökologische Nachhaltigkeit stellt, den Wiederaufbau eher auf gewinnorientierte Ergebnisse als auf die Bedürfnisse der Bevölkerung ausrichten.
Die weltweiten Lehren aus den Verhandlungen der COP, des Plastikabkommens und der Biodiversitäts-COP zeigen, dass während indigene und marginalisierte Stimmen Gerechtigkeit für Menschen und den Planeten einfordern, dominante Wirtschaftsinteressen an den Verhandlungstischen diese Prioritäten konsequent blockieren und so es so Unternehmen ermöglichen, aus Katastrophen Profit zu schlagen.
Forderungen nach Schulden- und Klimagerechtigkeit
Zivilgesellschaftliche Zusammenschlüsse in Sri Lanka, darunter soziale Bewegungen, Gewerkschaften und Aktionsgruppen, fordern eine unabhängige, multi-stakeholder gestützte Bewertung der Verluste und Schäden (mit zivilgesellschaftlichen Vertretern*innen der betroffenen Gemeinden, die den von ihnen vertretenen Gruppen gegenüber rechenschaftspflichtig sind), um die Auswirkungen des Zyklons Ditwah für Entschädigungszahlungen zu quantifizieren. Die wirtschaftlichen Schäden umfassen Wohnraum, Landwirtschaft, weitere Lebensgrundlagen und Infrastruktur und werden anhand der Wiederbeschaffungskosten bewertet. Zu den nicht-wirtschaftlichen Verlusten zählen durch Krankheit, Tod oder Verletzung verlorene Lebensjahre (Disability-Adjusted Life Years), der Rückgang der Biodiversität in den Ramsar-Feuchtgebieten sowie der Verlust von kulturellem Erbe in marginalisierten Gemeinschaften. Die Bewertung erfolgt anhand von Ökosystemleistungen, Indikatoren des menschenrechtsbasierten Ansatzes (Human Rights-Based Approach, HRBA) und peer-reviewten Standards, wobei die Gesamtsumme mit Schuldenerleichterungen verrechnet werden.
Zivilgesellschaftliche Kollektive fordern zudem ein sofortiges Handeln angesichts der Schuldenkrise, die durch den Zahlungsausfall in Höhe von 35 Milliarden US-Dollar im Jahr 2022 ausgelöst wurde, wovon 14,7 Milliarden US-Dollar hochverzinste internationale Staatsanleihen waren. Die Austeritätsmaßnahmen im Rahmen des IWF-Programms, die einen Primärüberschuss von 2,3 % bis 2025 und einen Bruttofinanzierungsbedarf von unter 13 % des BIP ab 2027 verlangen, haben zur Streichung von Subventionen, Privatisierungen und Einschränkungen der Staatsausgaben geführt, was benachteiligten Gemeinschaften schadet.
Die Forderungen:
- Eine umfassende Bewertung der Verluste und Schäden, die unter Federführung der betroffenen Gemeinschaften und mit Beteiligung indigener Gruppen, Kleinbäuer*innen, Frauen, Fischer*innen, Plantagenarbeiter*innen, zivilgesellschaftlicher Organisationen, technischer Expert*innen sowie Regierungsbehörden erfolgt, muss die wirtschaftlichen und nichtwirtschaftlichen Auswirkungen vollständig quantifizieren.
- Die Abschaffung von Energiesubventionen, Kraftstoffpreisregulierungen, indirekte Steuererhöhungen und Kürzungen der Sozialleistungen (Sozialschutz bei 0,6 % des BIP), die fiskalische Konsolidierung über die Wiederherstellung von Verlusten und Schäden (L&D) und die Stärkung der Klimaresilienz stellen, müssen gestoppt werden.
- Hochverzinste Schulden von privaten Gläubigern, die im Rahmen vom IWF-Programmen aufgenommen wurden, müssen zurückgewiesen und mit den quantifizierten Verlusten und Schäden (L&D) verrechnet werden (1–1,5 Mrd. USD wirtschaftliche Schäden zuzüglich unbezahlbarer nichtwirtschaftlicher Verluste).
- Restrukturierung der IWF- Auflagen, wobei Verluste und Schäden sowie Klimainvestitionen von den fiskalischen Zielen ausgenommen werden; Umleitung der Schuldenersparnisse zur Finanzierung von Wiederaufbaumaßnahmen; Aussetzung aller Maßnahmen, die die Privatisierung staatlicher Unternehmen und natürlicher Ressourcen fördern und den Profit über das öffentliche Wohl stellen.
- Stoppt die Währungsabwertung, Zinserhöhungen (15,5 % Leitzins) und die Begrenzung der Löhne und Beschäftigung im öffentlichen Dienst, die die für Katastrophenanfälligkeit weiter erhöhen.
- Durchführung einer öffentlichen Prüfung der Umschuldungen durch den IWF und andere Gläubiger, wobei unrechtmäßige Schulden aus Projekten, die Schutzmaßnahmen umgehen, identifiziert und anhand des L&D-Rahmens von Zyklon Ditwah bewertet werden.
- Die Souveränität über die heimische Wirtschaft zurückgewinnen, indem eine demokratische Kontrolle über die Zentralbank von Sri Lanka eingeführt wird.
- Sicherstellen, dass die nach der Zyklon-Katastrophe durchgeführten Wiederaufbauprogramme eine starke Beteiligung und Konsultation der Bevölkerung beinhalten, von wichtigen unabhängige staatlichen Stellen wie der Menschenrechtskommission und der Frauenkommission überwacht werden, und vor allem nicht von großen Unternehmen verwaltet werden.
- Die sri-lankische Wirtschaft so umgestalten, dass die Interessen kleiner Lebensmittelproduzent*innen, von Arbeiter*innen, Frauen, Kindern und ökologischer Systeme im Mittelpunkt stehen.
Das Original-Statement sowie die Liste der unterzeichnenden Organisationen und Aktivist*innen kann hier in Englisch, Tamil und Singhalesisch eingesehen werden.
Weitere Informationen:
- Pressemitteilung (11.12.2025): „Die Bevölkerung Sri Lankas fordert nach katastrophalem Zyklon Ditwah Schulden- und Klimagerechtigkeit“
- Schuldenreport 2025: „Neue Lösungen – alte Muster? Eine Fallanalyse zur Post-COVID-Schuldenarchitektur“ sowie Detaillierte Fallanalyse Sri Lanka.
- erlassjahr.de-Länderprofil „Sri Lanka“
- Blogbeitrag (31.10.2024): „Sieg fürs Kapital – Gefahr für die Demokratie Teil II: Verwobene Machtstrukturen in internationalen Schuldenrestrukturierungen“
- Blogbeitrag (31.10.2024): „Sieg fürs Kapital – Gefahr für die Demokratie Teil I: Sri Lankas neugewählter linker Präsident rückt von seinem Vorhaben ab“
- Blogbeitrag (16.08.2024): Colombo Consultations: Manchmal lohnt sich fliegen doch
- Blogbeitrag (16.08.2024): „Workers Tribunal: Menschenunwürdige Arbeitsbedingungen auf den Tee- und Kautschukplantagen in Sri Lanka“
- Blogbeitrag (10.4.2024): „Zwielichtige Personen im Rechtsstreit zwischen Sri Lanka und der Hamilton Reserve Bank“
- Blogbeitrag (10.4.2024): “The Winner Takes All-Thrice!?: Sri Lankas Restrukturierung mit privaten Gläubigern”

