Griechenland-Pleite: Ackermanns schwarzer Peter liegt lÀngst in Berlin

erlassjahr.de und viele andere haben seit Ausbruch der Griechenland-Krise auf einen schnellen Schuldenschnitt gedrĂ€ngt, weil eine Insolvenzverschleppung die letztlich unvermeidliche Lösung nur teurer macht. Ein zweiter Effekt der verfehlten Krisenstrategie in den letzten 15 Monaten ist, dass die direkten Verluste bei einer Insolvenz Griechenlands inzwischen weitgehend  vom privaten auf den öffentlichen Sektor ĂŒbergegangen sind. Am Montag legte die FTD aktuelle Zahlen zu den Auslandsschulden Griechenlands vor. Demnach hat die Finanzwirtschaft, die noch im FrĂŒhjahr griechische Titel von mehr als 21 Mrd. € gehalten hatte, dieses Exposure inzwischen auf 12 Mrd. € reduziert. Dagegen steht der Bund inzwischen mit Garantien und direkten Finanzierungen von 29 Mrd. € in der Pflicht. Zu Beginn hatte sich der deutsche Forderungsbestand gegenĂŒber dem griechischen Staat nach Angaben des Bundesfinanzministeriums noch auf lustige 5 Mio € aus alten HandelsgeschĂ€ften belaufen.

Wenn man von einem bevorstehenden Haircut von 50% ausgeht – eher die untere Grenzen dessen, was Experten zur Wiederherstellung von Griechenlands SchuldentragfĂ€higkeit fĂŒr notwendig halten – dann verliert der Steuerzahler mindestens 14 Mrd. €, wĂ€hrend es bei allen deutschen Banken und Versicherungen, die immerhin an ihren hochverzinsten Griechenland-Papieren bis in die jĂŒngste Vergangenheit prĂ€chtig verdient haben – nur noch etwa 6 Mrd. wĂ€ren.

Dabei ist es noch kein Jahr her, dass Herr Ackermann in der Bundespressekonferenz dem skeptisch dreinblickenden Finanzminister das ungeschmÀlerte Griechenland-Engagement der deutschen Finanzinstitute als Beitrag zur EindÀmmung der Krise versprochen hatte.

Auch Weidmann schließt Insolvenz Griechenlands nicht aus

Wenn zwei dasselbe sagen, ist es noch lange nicht dasselbe. Selbst, wenn der Bundeswirtschaftsminister und der Bundesbank-PrĂ€sident durchaus auf Augenhöhe agieren. Jens Weidmann, jĂŒngst von der Kanzlerin vom persönlichen Wirtschaftsberater zum Chef der Frankfurter WĂ€hrungshĂŒter befördert, sagte bei der Anhörung im Haushaltsausschuss am Montag das Gleiche wie Philipp Rösler in seinem umstrittenen “Welt”-Beitrag: Eine Insolvenz Griechenlands darf als Option nicht ausgeschlossen werden. Und sie sollte geordnet sein. Das berichtet die Financial Times Deutschland aus dem Ausschuss. Das gesamte Statement steht auf der Seite der Bundesbank.

Lautstarke Empörung aus den Fraktionen, dem Kanzleramt oder den Medien war darauf nicht zu vernehmen. Vielleicht weil Weidmann, anders als der tollpatschige Rösler, die Möglichkeit einer Staateninsolvenz nicht mit der vollkommen sinnlosen Idee eines Austritts Griechenlands aus der WĂ€hrungsunion verbunden hatte. Ökonomische Fakten und deren Konsequenzen  – hier die ZahlungsunfĂ€higkiet und die vernĂŒnftige Option einer geordneten Insolvenz – sind das eine. Billiger Populismus das andere.

Die EU soll endlich zum Zahnarzt gehen!

Diese fiese Situation hat jeder schon mal erlebt: Der Backenzahn tut weh, am Anfang nicht so schlimm, aber dann immer ĂŒbler. Man weiss, man sollte eigentlich zum Zahnarzt, aber dann denkt man an den sirrenden Bohrer und die große Zange, und es fĂ€llt einem zum GlĂŒck ein, dass man heute nachmittag sowie so noch ganz dringend… und hat der heute nicht sowieso geschlossen…? Und dann beisst man lieber auf irgendwelche KrĂ€uter, oder futtert packungsweise Aspirin, und wenn das nicht mehr wirkt, und man nicht schlafen kann, erinnert man sich an die Rum-Buddel im KĂŒchenschrank. Mit unschönen Folgen zumeist.
Eigentlich weiss man genau, wie blöd das ist, aber man klammert sich daran, dass ja ein Wunder passieren und man morgen frĂŒh frisch und schmerzfrei erwachen könnte. Am Ende schleppt man sich dann doch hin, und zu Bohre rund großer Zange handelt man sich noch harsche Worte vom Doc ein, der vor einer Woche vielleicht noch was hĂ€tte retten können.
So ist es im Moment auch mit der Euro-Krise: Mit dem Anstieg der Refinanzierungskosten Italiens ist klar geworden, dass die Schmerzmittel namens “Rettungspakete” die Eurozone kĂŒnftig nicht mehr vor einem Schuldenschnitt mitsamt Beteiligung der GlĂ€ubiger bewahren werden. Und jeder Tag, den die Finanzminister in der Hoffnung auf Ölfunde in der ÄgĂ€is oder ein wundersames Sinken der griechischen Zinsen zuwarten, macht die letztlich unvermeidbare Operation teurer und schmerzhafter. Abgesehen von der EZB gibt es fast niemanden mehr, der ernsthaft behauptet, es ginge ohne Operation(en) ab.
FĂŒr die betroffenen BĂŒrger in den europĂ€ischen “Peripheriestaaten”, und fĂŒr alle, die seit April 2010 eine geordnete Insolvenz verlangen, ist es fast schon nicht mehr auszuhalten!

Unkalkulierbar

Im Zusammenhang mit einer drohenden Umschuldung Griechenlands hat die Finanzpresse ein neues Libelingswort: “Unkalkulierbar”. Das seien nĂ€mlich die Risiken, die auf die Öffentlichkeit der Eurozone zukĂ€men, wenn es zulasten der Anleger einen Schuldenschnitt oder auch nur eine Umschuldung der griechischen (Auslands-)Schulden gebe.
Und deshalb solle man lieber die Finger davon lassen.
So lange es Staats-Schuldenkrisen gibt (also eigentlich schon immer) haben GlĂ€ubiger eine Art Weltuntergang fĂŒr den Fall an die Wand gemalt, dass sie ihr Geld nicht – oder nicht in voller Höhe – wiederbekommen. Bislang bezog sich der Weltuntergang meist auf den Schuldner selbst: wer nicht voll zurĂŒckzahle, bekomme nie wieder einen Kredit, wurde entgegen jeder wirtschaftliche Logik und jede historische Erkenntnis jahrelang den Ă€rmsten LĂ€ndern mitgeteilt, als deren Schuldensituation in den 90ern immer prekĂ€rer wurde. Kurz darauf organisierten Weltbank und WĂ€hrungsfonds selbst die Entschuldung von 40 LĂ€ndern – mit dem expliziten Ziel, diese dadurch wieder oder ĂŒberhaupt erstmals kapitalmarktfĂ€hig zu machen. Was sich bis zum Beginn der Krise von 2007/8 auch nicht schlecht anließ.
Im Zusammenhang mit der Griechenland-Krise ist es nicht mehr ausreichend, fĂŒr den Schuldner selbst Feuer und Pestilenz vorherzusagen. Das wĂ€re der Öffentlichkeit in den LĂ€ndern, die den Bail-out der Anleger finanzieren sollen, womöglich egal. Auch kann man den Untergang der Eurozone als Ganzer schlecht vorhersagen, wenn jemand in Schwierigkeiten ist, der weniger als 5% der Wirtschaftsleistung der gesamten Eurozone erbringt.
Also droht man mit dem Ungewissen. Ähnlich wie in finsteren Zeiten der Kirchengeschichte dem SĂŒnder mit dem Fegefeuer fĂŒr den Fall gedroht wurde, dass er sein Portemonnaie nicht fĂŒr den Kauf von Ablassbriefen öffnete, wird nun wieder eine ungreifbare höhere Macht bemĂŒht, welche zur Strafe fĂŒr einen griechischen Schuldenschnitt umgehend die halbe Eurozone von jeglicher Kreditversorgung abschneiden werde: Der Markt oder wahlweise auch im Plural “die MĂ€rkte”. Auf den ersten Blick eine verblĂŒffende Drohung, da die drei kritischsten LĂ€nder ohnehin nur noch öffentlich finanziert werden können und von “den MĂ€rkten” außer gĂ€nzlich untragbaren ZinssĂ€tzen in absehbarer Zeit nichts zu erwarten haben.
Das haben die Propagandaapparate der GlĂ€ubiger eingesehen, und weiten deshalb ihre DrohgebĂ€rde ins Unbestimmte aus: Wir alle seien dran, weil die großen Banken, Versicherungen und Investmentfonds, die ihrerseits einen schwer zu beziffernden Beitrag zum Steueraufkommen der öffentlichen Hand und zur Beschaffung von ArbeitsplĂ€tzen in Deutschland leisten, einen Zahlungsausfall Griechenlands nicht ĂŒberstehen wĂŒrden. Weil aber niemand weiss – und auch niemand wissen kann – ob das tatsĂ€chlich so ist, und welche Folgen ein Zusammenbruch etwa der HRE, ein Herunterstufen der BonitĂ€t der Commerzbank oder die Insolvenz des einen oder anderen Investmentfonds tatsĂ€chlich hĂ€tte, haben diejenigen, die durch einen Schuldenschnitt der Griechen tatsĂ€chlich Verluste hinnehmen, das perfekte Drohszenario geschaffen: Keiner weiss, was genau passieren wird, aber in dem undurchsichtigen Nebel von Fakten und ZusammenhĂ€ngen kann jedem irgend etwas zustoßen.
Das hilft kolossal, die umgekehrte Frage gar nicht erst aufkommen zu lassen: NĂ€mlich: was bedeutet es denn, dass dieses Land es sich scheinbar nicht mehr leisten kann, die von Hasardeuren eingegangenen Risiken nicht mit öffentlichem Geld abzusichern. Das bedeutet, dass wir ohne die Chance auf eine geordnete Staateninsolvenz zulasten der Anleger bis ans Ende unserer Tage deren Geiseln sein werden. Und die Kosten dafĂŒr wĂ€ren…? Richtig: unkalkulierbar!

Wie Griechenland Deutschland die Schulden erließ

Hermann Josef Abs unterzeichnet das Londoner Schuldenabkommen 1953 /Bild: unbekannt
Hermann Josef Abs unterzeichnet das Londoner Schuldenabkommen 1953 / © Deutsche Bank AG, Kultur und Gesellschaft Historisches Institut, Frankfurt am Main, CCL 3.0

Kaum jemand glaubt in Europa noch daran, dass Griechenland ohne einen Kapitalschnitt, d.h. einen Teilerlass seiner Auslandsschulden wirtschaftlich wieder lebensfÀhig werden kann.

Trotzdem beharrt die Bundesregierung, im Verein mit den anderen Mitgliedern der Eurozone, darauf, dass ein Teilschuldenerlass nicht stattfinden darf. Vom Zusammenbruch der Eurozone ĂŒber die Verluderung der Sitten auf den internationalen FinanzmĂ€rkten werden Horrorszenarien fĂŒr den Fall einer Schuldenerleichterung an die Wand gemalt.
Dabei ist die jĂŒngere Wirtschaftsgeschichte nicht gerade arm an Schuldenerlassen zugunsten von souverĂ€nen Staaten. Einer dieser FĂ€lle ist die Streichung von rund der HĂ€lfte aller ausstehenden deutschen Verbindlichkeiten durch 22 GlĂ€ubigerstaaten im “Londoner Schuldenabkommen” von 1953. Einer dieser GlĂ€ubiger war Griechenland.

Zusammengebrochen ist infolge des Schuldenerlasses nichts und niemand. Im Gegenteil: Niemand wĂŒrde in der RĂŒckschau der EinschĂ€tzung des damaligen deutschen VerhandlungsfĂŒhrer H.J. Abs (im Bild zu sehen bei der Unterzeichnung des Abkommens) widersprechen, der konstatierte, dass die umfassende Entlastung der (west-)deutschen Volkswirtschaft ein entscheidender Baustein fĂŒr das spĂ€tere “Wirtschaftswunder” war.

Über den eigentlichen Erlass hinaus wies das Abkommen aber eine Reihe von qualitativen Elementen auf, die fĂŒr Griechenland und andere hoch verschuldete LĂ€nder heute ebenso segensreich wĂ€ren, wie sie es damals fĂŒr Deutschland, keine zehn Jahre nach dem Ende des von ihm begonnenen Weltkriegs, waren:

‱ Der Erlass deutscher Schulden durch Griechenland wurde nicht von der Umsetzung eines Spar- oder Strukturanpassungsprogramms abhĂ€ngig gemacht. Im Gegenteil: Deutschland wurden verschiedene explizit wachstumsförderne VergĂŒnstigungen und Möglichkeiten zu einer expansiven Geldpolitik eingerĂ€umt.

‱ Das Abkommen schloss eine Schiedsklausel fĂŒr kĂŒnftige deutsche Zahlungsschwierigkeiten ein. Über eventuelle weiter gehende Lösungen fĂŒr Griechenland und andere hoch verschuldete LĂ€nder behalten sich die GlĂ€ubiger die letzte Entscheidung in Institutionen wie dem Pariser Club, dem IWF oder durch die Gemeinschaft der AnleiheglĂ€ubiger vor.

‱ Deutschlands Schuldenindikatoren lagen deutlich unter denen von Griechenland heute. Der Schuldenstand der Hellenen betrĂ€gt rund 100% des BIP; er wird absehbar ohne Schuldenschnitt bis 2014 auf rund 140% ansteigen. Deutschland hatte vor dem Abkommen 1952 eine Quote von 21% des BIP; nach der vollen Umsetzung der Entlastung 1958 waren es noch 6%.

‱ Deutschland erhielt die Option, kĂŒnftig seinen Schuldendienst bei einem Handelsbilanzdefizit auszusetzen. Implizit verpflichteten sich die GlĂ€ubiger, deutsche HandelsbilanzĂŒberschĂŒsse zuzulassen, also in Deutschland mehr einzukaufen als man dorthin ausfĂŒhrte, damit Deutschland seinen Schuldendienst aus laufenden Einnahmen und nicht etwa aus seinen Devisenreserven bzw. aus der Aufnahme neuer Kredite bestreiten konnte. Letzteres ist genau der Mechanismus, der Griechenland durch den EuropĂ€ischen Rettungsmechanismus nahe gelegt wird, und der mit katastrophalen Folgen auch zwei Jahrzehnte gegenĂŒber den hoch verschuldeten Ă€rmsten LĂ€ndern praktiziert wurde.

‱ London war ein umfassendes Abkommen ĂŒber öffentliche und private deutsche Auslandsverbindlichkeiten. Dagegen werden die Griechen – wenn ĂŒberhaupt verhandelt wird – mit jeder GlĂ€ubigergruppe einzeln verhandeln mĂŒssen; da die wichtigsten GlĂ€ubiger die Inhaber von Staatsanleihen sind, mĂŒssen sie sogar mit den Zeichnern jeder Einzelanleihe gesondert verhandeln. Das ist nicht nur aufwĂ€ndig, sondern schafft fĂŒr jeden GlĂ€ubiger auch einen Anreiz, keine ZugestĂ€ndnisse zu machen – in der Hoffnung, dass die jeweils anderen es tun, und man selbst ungeschoren davon kommt.

Wenn die Bundesregierung sich schon nicht dazu durchringen kann, mit einem heutigen Schulden ebenso großzĂŒgig umzugehen, wie dieser es seinerzeit mit Deutschland tat, sollte sie es wenigstens aus dem eigenen Interesse an einer effizienten Regelung tun. Solange nicht mal das geschieht, kann man sich als Kind des Wirtschaftswunders fĂŒr den hierzulande gepflegten Diskurs vom faulen und verschwenderischen Griechen nur schĂ€men.

Rettung mit Bedingung: Slowakei unterstützt deutsche Pläne für ein internationales Insolvenzverfahren

Zuerst war es ein heißes Wahlkampfthema, dann eine strategische Entscheidung: Über die  Beteiligung der Slowakei am europĂ€ischen Rettungspaket fĂŒr das bankrotte Griechenland wurde gerade vor den Parlamentswahlen vom 12. Juni sehr emotional diskutiert. Dabei kamen so manche interessante Aspekte ans Licht: Dass die Slowakei selber Kredite aufnehmen mĂŒsste, um den Griechen was zu leihen. Dass solche “Rettungsaktionen” eigentlich laut den geltenden VertrĂ€gen gar nicht stattfinden sollten. Aber auch, dass ein kleines Land gar nicht so viel EntscheidungssouverenitĂ€t hat in der EU, und dass SolidaritĂ€t in der EU doch wichtiger ist als ein paar WĂ€hlerstimmen. Denn wie die neue Regierung mit Besorgnis meldet, könnte der Haushaltsdefizit der Slowakei bald den griechischen Zahlen Ă€hnlich sein – derzeit wird in Bratislava an einem neuen Sparplan gearbeitet. Also wurde nach wochenlangem Überlegen entschieden, sich an den Garantien in Höhe von 4,37 Mrd. € im Rahmen des “Rettungspakets” zu beteiligen, nicht aber an direkten Soforthilfen in Höhe von 880 Mio. €. Die Beteiligung soll vier Bedingungen haben:  Die EU soll den StabilitĂ€tspakt stĂ€rken, ein geordnetes Insolvenzverfahren fĂŒr bankrotte Staaten einfĂŒhren, das betroffene Land soll alle anderen Optionen geprĂŒft haben und die finanziellen Mittel sollen entsprechend den IWF-Regeln verwendet bzw. zurĂŒckgezahlt werden.

Auf der Seite des slowakischen Regierungsamtes heißt es: “Die Premierministerin Iveta RadicovĂĄ begrĂŒĂŸt die medialisierte Initiative der deutschen Bundesregierung fĂŒr ein geordnetes Insolvenzverfahren fĂŒr untragbar verschuldete LĂ€nder.” Und außerdem: “FĂŒr die Premierministerin RadicovĂĄ ist es inakzeptabel, dass die Folgen des verantwortungslosen Handelns nicht von den Banken, sondern in vollem Maße von den BĂŒrgern der Mitgliedsstaaten getragen werden, die ĂŒber den Rettungsmechanismus nicht entschieden haben und fĂŒr die Krisensituation nicht verantwortlich sind. (…) Die Regierung hat grundsĂ€tzliche EinwĂ€nde gegen die Art, wie die EuropĂ€ische WĂ€hrungsunion mit der Schuldenkrise einiger ihrer Mitgliedsstaaten umgeht. Deswegen wird sie auf einer Einigung bestehen, die gewĂ€hrleisten soll, dass sich das Risiko einer Wiederholung derartiger Situationen minimalisiert.” 

Über die Bedingung Nr.2 ist erlassjahr.de besonders erfreut – wir setzen uns gerade jetzt dafĂŒr ein, dass die Idee eines Internationalen Insolvenzverfahrens noch mehr UnterstĂŒtzung auf internationaler Ebene findet!

Rettungspaket ohne rettende Wirkung

Das milliardenschwere Rettungspaket fĂŒr Griechenland zögert die Staatspleite nur hinaus und macht sie teurer. Das Risiko einer ungeordneten Insolvenz bleibt damit auch erhalten – zum Nachteil der GlĂ€ubiger. “Unter dem Strich ist eine geordnete Umschuldung der griechischen Staatsschulden fĂŒr Schuldner wie GlĂ€ubiger machbar und erstrebenswert. Sie ist unvermeidbar, will Europa eine Ausweitung der Krise vermeiden”, schreibt Nouriel Roubini, Professor an der Stern School of Business der UniversitĂ€t von New York, in der heutigen Ausgabe der Financial Times Deutschland. Den Artikel “Lasst Griechenland einfach pleite gehen” können Sie hier lesen.

Insolvenzverschleppung in Griechenland?

Am Wochenende haben sich die EuropĂ€ische Union und der IWF fĂŒr die einfachste und vielleicht teuerste der drei zuletzt diskutierten Optionen fĂŒr Griechenland entschieden: Insgesamt 135 Mrd. € sollen den Griechen an neuen Krediten in den nĂ€chsten drei Jahren zur VerfĂŒgung gestellt werden. Die Bundesregierung wird den deutschen Anteil von 8,4 Mrd. € fĂŒr das erste Jahr in dieser Woche ziemlich rabiat durch Bundestag und Bundesrat boxen, damit endlich so etwas wie Ruhe einkehrt.
Die Option Nr.3 – Ausschluss der Griechen aus der Eurozone – war nie wirklich eine. Option Nr. 2 – eine geregelte Insolvenz mit Kapitalschnitt und einer Umschuldung der griechischen Verbindlichkeiten – ist damit zunĂ€chst ebenfalls ad acta gelegt, ob wohl sich in Deutschland maßgeblich Politiker, darunter der Finanz- und der Wirtschaftsminister sowie der BundesprĂ€sident dafĂŒr ausgesprochen hatten.
Die Rechnung von EU und IWF kann aufgehen – wenn die Griechen es schaffen, ihr drastisches Sparprogramm umzusetzen und die Weltwirtschaft sich wie erhofft erholt. Wenn diese Voraussetzungen so nicht eintreten, kann es deutlich teurer werden. Das ist eine bittere Lektion aus der Schuldenkrise der Ă€rmsten LĂ€nder in den 80er und 90er Jahren: Jahrelang hatte man seinerzeit mit frischem Geld aus multilateralen Quellen den Schuldendienst an die Banken und Regierungen des Nordens kĂŒnstlich aufrecht erhalten – bis die Schulden bei IWF und Co. selbst zum grĂ¶ĂŸten Problem geworden waren, und eine aufwĂ€ndige Initiative zum Erlass dieser Schulden geschaffen werden musste. Unterm Strich war das fĂŒr die Steuerzahler im Norden, die letztlich fĂŒr die unvermeidlichen Forderungsverzichte bezahlen mussten, teurer als ein frĂŒhzeitiger Schnitt gewesen wĂ€re. Es bedeutete fĂŒr die betroffenen LĂ€nder wegen des andauernden Lavierens am Rande des Staatsbankrotts ein “verlorenes Jahrzehnt” ohne nennenswerte Entwicklungsfortschritte.
In Griechenland ist die Notwendigkeit der Anpassung von öffentlichen Leistungen, Löhnen und (oft ĂŒbersehen) KapitaleinkĂŒnften an die LeistungsfĂ€higkeit der Volkswirtschaft des Staates unbestreitbar. Dass die Anpassungskosten nun ganz und gar dort abgeladen werden, und diejenigen, die die stets hochverzinsten griechischen Papiere gerne gekauft haben, nun mit öffentlichen Geldern ihre Forderungen garantiert bekommen, ist nicht nur sozial unausgewogen. Es macht den spĂ€ter vielleicht unvermeidbaren Schnitt auch deutlich teurer.

Jetzt auch der Wirtschaftsminister: Insolvenzverfahren für Staaten dringend benötigt

Die Griechenlandkrise macht der Politik Beine. Nachdem fast alle relevanten Mitglieder der Bundesregierung sowie der BundesprĂ€sident sich fĂŒr die Schaffung eines Internationalen Insolvenzverfahrens ausgesprochen haben, verlangt es nun auch der Wirtschaftsminister. Siehe: http://www.tagesschau.de/wirtschaft/staatspleite102.html Das ist erst mal sehr positiv, denn in der Vergangenheit haben wir auch gegenĂŒber dem BMWi/BMWA oft ĂŒber die Notwendigkeit eines umfassenden und rechtsstaatlichen Verfahrens gesprochen. Haarscharf daneben liegt der Minister allerdings mit seinem Bezug auf Kapitel 11 des US-Insolvenzrechts. Statt dieses Kapitels, das Unternehmensinsolvenzen regelt, ist der viel geeignetere Bezug das Kapitel 9. Dort geht es um die ZahlungsunfĂ€higkeit von Gebietskörperschaften, und es ist geregelt, inwieweit in die souverĂ€ne SphĂ€re des Schuldner eingegriffen werden darf – und wieweit ausdrĂŒcklich nicht. Geradezu tragisch auch seine ErgĂ€nzung, dass wir ein Insolvenzverfahren sozusagen fĂŒr die Griechenlands dieser Welt benötigen – aber nicht fĂŒr Griechenland. Das erinnert fatal an die Diskussion um den SDRM, den Insolvenzvorschlag des IWF 2001. Der Fonds lancierte ihn mitten in der Argentinienkrise und versuchte danach eine globale Reformdebatte unter der Massgabe zu fĂŒhren, dass Argentinien als der damals brennendste Fall von Staatspleite keinesfalls darunter fallen werde. Erreicht wurde im Ergebnis gar nichts. Hoffentlich vermasseln sie es jetzt nicht auch wieder – und wir erinnern uns in fĂŒnf Jahren daran, dass wir in der Griechenlandkrise damals besser ein Insolvenzverfahren fĂŒr Staaten geschaffen hĂ€tten….