Wie Griechenland Deutschland die Schulden erließ

Hermann Josef Abs unterzeichnet das Londoner Schuldenabkommen 1953 /Bild: unbekannt
Hermann Josef Abs unterzeichnet das Londoner Schuldenabkommen 1953 / © Deutsche Bank AG, Kultur und Gesellschaft Historisches Institut, Frankfurt am Main, CCL 3.0

Kaum jemand glaubt in Europa noch daran, dass Griechenland ohne einen Kapitalschnitt, d.h. einen Teilerlass seiner Auslandsschulden wirtschaftlich wieder lebensfÀhig werden kann.

Trotzdem beharrt die Bundesregierung, im Verein mit den anderen Mitgliedern der Eurozone, darauf, dass ein Teilschuldenerlass nicht stattfinden darf. Vom Zusammenbruch der Eurozone ĂŒber die Verluderung der Sitten auf den internationalen FinanzmĂ€rkten werden Horrorszenarien fĂŒr den Fall einer Schuldenerleichterung an die Wand gemalt.
Dabei ist die jĂŒngere Wirtschaftsgeschichte nicht gerade arm an Schuldenerlassen zugunsten von souverĂ€nen Staaten. Einer dieser FĂ€lle ist die Streichung von rund der HĂ€lfte aller ausstehenden deutschen Verbindlichkeiten durch 22 GlĂ€ubigerstaaten im “Londoner Schuldenabkommen” von 1953. Einer dieser GlĂ€ubiger war Griechenland.

Zusammengebrochen ist infolge des Schuldenerlasses nichts und niemand. Im Gegenteil: Niemand wĂŒrde in der RĂŒckschau der EinschĂ€tzung des damaligen deutschen VerhandlungsfĂŒhrer H.J. Abs (im Bild zu sehen bei der Unterzeichnung des Abkommens) widersprechen, der konstatierte, dass die umfassende Entlastung der (west-)deutschen Volkswirtschaft ein entscheidender Baustein fĂŒr das spĂ€tere “Wirtschaftswunder” war.

Über den eigentlichen Erlass hinaus wies das Abkommen aber eine Reihe von qualitativen Elementen auf, die fĂŒr Griechenland und andere hoch verschuldete LĂ€nder heute ebenso segensreich wĂ€ren, wie sie es damals fĂŒr Deutschland, keine zehn Jahre nach dem Ende des von ihm begonnenen Weltkriegs, waren:

‱ Der Erlass deutscher Schulden durch Griechenland wurde nicht von der Umsetzung eines Spar- oder Strukturanpassungsprogramms abhĂ€ngig gemacht. Im Gegenteil: Deutschland wurden verschiedene explizit wachstumsförderne VergĂŒnstigungen und Möglichkeiten zu einer expansiven Geldpolitik eingerĂ€umt.

‱ Das Abkommen schloss eine Schiedsklausel fĂŒr kĂŒnftige deutsche Zahlungsschwierigkeiten ein. Über eventuelle weiter gehende Lösungen fĂŒr Griechenland und andere hoch verschuldete LĂ€nder behalten sich die GlĂ€ubiger die letzte Entscheidung in Institutionen wie dem Pariser Club, dem IWF oder durch die Gemeinschaft der AnleiheglĂ€ubiger vor.

‱ Deutschlands Schuldenindikatoren lagen deutlich unter denen von Griechenland heute. Der Schuldenstand der Hellenen betrĂ€gt rund 100% des BIP; er wird absehbar ohne Schuldenschnitt bis 2014 auf rund 140% ansteigen. Deutschland hatte vor dem Abkommen 1952 eine Quote von 21% des BIP; nach der vollen Umsetzung der Entlastung 1958 waren es noch 6%.

‱ Deutschland erhielt die Option, kĂŒnftig seinen Schuldendienst bei einem Handelsbilanzdefizit auszusetzen. Implizit verpflichteten sich die GlĂ€ubiger, deutsche HandelsbilanzĂŒberschĂŒsse zuzulassen, also in Deutschland mehr einzukaufen als man dorthin ausfĂŒhrte, damit Deutschland seinen Schuldendienst aus laufenden Einnahmen und nicht etwa aus seinen Devisenreserven bzw. aus der Aufnahme neuer Kredite bestreiten konnte. Letzteres ist genau der Mechanismus, der Griechenland durch den EuropĂ€ischen Rettungsmechanismus nahe gelegt wird, und der mit katastrophalen Folgen auch zwei Jahrzehnte gegenĂŒber den hoch verschuldeten Ă€rmsten LĂ€ndern praktiziert wurde.

‱ London war ein umfassendes Abkommen ĂŒber öffentliche und private deutsche Auslandsverbindlichkeiten. Dagegen werden die Griechen – wenn ĂŒberhaupt verhandelt wird – mit jeder GlĂ€ubigergruppe einzeln verhandeln mĂŒssen; da die wichtigsten GlĂ€ubiger die Inhaber von Staatsanleihen sind, mĂŒssen sie sogar mit den Zeichnern jeder Einzelanleihe gesondert verhandeln. Das ist nicht nur aufwĂ€ndig, sondern schafft fĂŒr jeden GlĂ€ubiger auch einen Anreiz, keine ZugestĂ€ndnisse zu machen – in der Hoffnung, dass die jeweils anderen es tun, und man selbst ungeschoren davon kommt.

Wenn die Bundesregierung sich schon nicht dazu durchringen kann, mit einem heutigen Schulden ebenso großzĂŒgig umzugehen, wie dieser es seinerzeit mit Deutschland tat, sollte sie es wenigstens aus dem eigenen Interesse an einer effizienten Regelung tun. Solange nicht mal das geschieht, kann man sich als Kind des Wirtschaftswunders fĂŒr den hierzulande gepflegten Diskurs vom faulen und verschwenderischen Griechen nur schĂ€men.