Manchmal kaum zu glauben …

Als sich Vertreterinnen und Vertreter des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank im Oktober 2018 zu ihrer Jahrestagung auf Bali trafen, waren sich alle einig: Ja, es sei besorgniserregend, wie viele Länder sich mit welch rasanter Geschwindigkeit auf die nächste Schuldenkrise zubewegen. Ja, die Situation spitze sich aufgrund der steigenden Zinsen, der schwankenden Rohstoffpreise und Trumps Handelskrieg gegen China weiter zu. Und ja, die aktuellen Verfahren, mit Schuldenkrisen umzugehen, seien unzulänglich.

Dann sei es ja jetzt wohl an der Zeit, ein effizientes und faires Entschuldungsverfahren für den Krisenfall zu schaffen?, wirft die für erlassjahr.de angereiste Referentin Kristina Rehbein ein.

Was? Ja, nein, man müsse bestehende Verfahren stärken, überhaupt sei heute alles viel komplizierter und es braucht vor allem mehr Transparenz, um die Krise zu verhindern, vielleicht komme es ja auch weniger schlimm …

Eine bizarre Situation

Es ist schon eine bizarre Situation: Alle sind sich einig, dass die nächste Schuldenkrise ansteht und die aktuellen Verfahren zur Lösung ihr nicht gewachsen sind. Und die Vertreterinnen und Vertreter der Gläubigerinstitutionen schlagen vor, man solle die Krise lösen, indem man sie vorher verhindert hätte.

Aktuell haben 17 Länder im Globalen Süden bereits die Zahlungen an ihre Gläubiger ganz oder teilweise einstellen müssen. Wir wissen, dass es unter den absehbar schwierigen Umständen des nächsten Jahres noch mehr werden. Wir erinnern Bundesregierung und Internationalen Währungsfonds an die Erfahrung der Entschuldungsinitiativen der neunziger Jahre, deren sinnlose Verzögerung tausende von Menschenleben gekostet hat. Und ernten ein bedauerndes Schulterzucken.

Kampagnenschwerpunkt 2019

Ein Fortschritt muss nicht zwangsläufig auf der globalen Ebene beginnen. Eine wirksame Entschuldungsinitiative für eine genau definierte Gruppe von Ländern kann ein Präzedenzfall werden, der dann wiederum Fortschritt auf der globalen Ebene anstößt.

2019 richten wir unseren Blick daher vor allem auf die Karibik, genauer auf eine Gruppe von kleinen Inselstaaten, die unter dem Einfluss klimawandelbedingter Naturkatastrophen dringend Schuldenerleichterungen benötigt.

Mit dieser Kampagne unterstützen wir die Forderung des jüngsten Mitglieds der weltweiten Erlassjahrbewegung Jubilee Caribbean:

„Wir fordern, dass Staaten, die Opfer tropischer Wirbelstürme geworden sind, ihren Schuldendienst aussetzen können. Ein solches Moratorium und die Aufnahme effizienter Umschuldungsverhandlungen machen nach einer Katastrophe schnell dringend benötigte Mittel für ­Nothilfe und Wiederaufbau frei.“

Vor dem nächsten Sturm …

Ziel der Kampagne ist, dass die Regierungen und Institutionen der reichen Gläubigerländer dafür sorgen, dass Staaten im Falle von Zerstörung durch Naturkatastrophen ihren Schuldendienst aussetzen können und das Geld sofort den Menschen im Land zur Verfügung steht. Die Lebensbedingungen der Menschen müssen Vorrang haben vor der pünktlichen Begleichung der Schulden.

Ab sofort laden wir Euch ein,

  1. den Aufruf von Jubilee Caribbean zu unterstützen.
  2. im Katastrophenfall eine E-Mail an die Gläubiger zu schicken, die einen sofortigen Zahlungstopp fordert.
  3. einen Vortrag mit einem Referenten oder einer Referentin von erlassjahr.de zu organisieren, um über Verschuldung und Klimawandel zu informieren.

Mehr Informationen dazu hier.

Jubilee Caribbean-Koordinatorin in Deutschland

Vom 15. bis 27. März bietet sich die Möglichkeit, aus erster Hand mehr über die besondere Situation der karibischen Staaten und die Aktivitäten von Jubilee Caribbean zu erfahren. Die Koordinatorin des Netzwerks, Heron Belfon, wird in diesem Zeitraum zu einer Vortragsreise nach Deutschland kommen. Wer Interesse hat, eine Veranstaltung mit ihr zu organisieren, kann sich bei uns in der Geschäftsstelle melden.

Einen ersten Eindruck von Heron Belfon, dem Leben mit der permanenten Gefahr von zerstörerischen Hurrikans und ihren Plänen für das Netzwerk bietet das Interview mit ihr.

Heron Belfon nimmt außerdem als Referentin an unserer Jahrestagung am 22. und 23. März in Mainz teil. Unter dem Thema „Das Wasser bis zum Hals – Verschuldung in Zeiten des Klimawandels“ werden wir uns intensiv mit der Idee einer regionalen Entschuldungsinitiative für die Karibik befassen.

Nicht nur in der Karibik

Überschuldung ist natürlich nicht nur in der Karibik ein Problem. Im Schuldenreport 2019, der voraussichtlich im April erscheinen wird, betrachten wir die Verschuldungssituation aller Niedrig- und Mitteleinkommensländer weltweit. Um die Entwicklung einzelner Länder zu verfolgen, empfehlen wir die Länderprofile auf unserer Homepage (unter „Informieren“). 2019 werden wir dort vor allem die Länder Asiens in den Blick nehmen.

Über geplante Veranstaltungen und Aktionen berichten wir wie immer im monatlichen Newsletter und auf unserer Homepage.

Viele Grüße

Euer Team in der Geschäftsstelle

(Januar 2019)