Tschad

Hat der Tschad ein Schuldenproblem?

Die Schuldenindikatoren des Tschad sind noch relativ niedrig, aber die sehr kleine und wenig diversifizierte Volkswirtschaft ist stark abhängig von wenigen Exportgütern und deshalb durch die von COVID-19 ausgelöste Rezession hart getroffen worden. Vor diesem Hintergrund ist die Regierung als eines der ersten Länder weltweit um Schuldenerleichterungen unter dem Common Framework der G20 eingekommen.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren (Stand Ende 2020)

IndikatorAusprägungGrenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%)31,540
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)120,2150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)6,015
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%)46,450
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%)248,3200
Auslandsschuldenstand 2019 (US-Dollar)3,571 Mrd.
Schuldendienst: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger 2019 (US-Dollar)157,0 Mio.

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

Wer sind die Gläubiger des Tschad?

CHA Gläubigerprofil 2021.02

Erklärung der Schuldenkategorien

 Die gesamten Auslandsschulden eines Landes setzen sich aus den Schulden des öffentlichen Sektors und denen des Privatsektors zusammen. Im Diagramm sind öffentliche Schulden mit Vollfarben und private Auslandsschulden schraffiert dargestellt.

Bei den öffentlichen Schulden werden drei Gläubigergruppen unterschieden, nämlich multilaterale öffentliche Gläubiger – das sind vor allem Entwicklungsbanken und der IWF -, bilaterale öffentliche Gläubiger – das sind andere Regierungen – und private Gläubiger.

Bei den beiden öffentlichen Gläubigerkategorien unterscheiden wir zudem nach konzessionären, also zinsgünstigen Krediten zu Entwicklungshilfebedingungen, und Krediten zu Marktbedingungen („nicht-konzessionäre“).

Bei den öffentlichen Schulden bei privaten Gläubigern unterscheiden wir die beiden Hauptinstrumente, nämlich Bankkredite und Anleihen. Diese beiden Instrumente unterscheiden wir auch bei den Auslandsschulden des Privatsektors.

Nur der tschadische Staat ist im Ausland verschuldet, nicht aber Banken, Unternehmen und Einzelpersonen. 2013 und 2014 vergab das Unternehmen Glencore Großkredite von insgesamt rund 1,5 Milliarden US-Dollar an den Tschad im Zusammenhang mit der Erschließung von Rohstoffen. Inzwischen betragen diese als „andere private“ firmierenden Schulden rund die Hälfte der Auslandsschulden des Tschad.

Demgegenüber blieben die Schulden bei den öffentlichen multilateralen und bilateralen Gläubigern mit zusammen ebenfalls rund 1,5 Milliarden US-Dollar relativ stabil. Bemerkenswert ist dabei jedoch der für ein so armes Land relativ hohe Anteil an nicht-konzessionären Schulden bei multilateralen Institutionen und in Form von bilateralen Handelsfinanzierungen.

Libyen und China sind die (von der Weltbank identifizierten) wichtigsten bilateralen öffentlichen Gläubiger. Unter den Pariser Club-Mitgliedern spielt nur Frankreich eine (seit 2017 wieder) nennenswerte Rolle als Gläubiger des Tschad. Deutschland hält an den Tschad keine Forderungen.

Trend

Die von der Weltbank bis Ende 2019 ausgewiesenen Schuldenindikatoren zeigen ein ausgewogenes Bild zwischen Verbesserungen und Verschlechterungen. Entscheidend für die aktuelle Krise des Tschad ist der durch COVID-19 ausgelöste Einbruch des Ölpreises, von dem die öffentlichen Finanzen des Tschad stark abhängig sind.

Bisherige Schuldenerleichterungen für den Tschad

Der Tschad hat erst 2015, volle 14 Jahre nach dem Decision Point, den Completion Point im Rahmen der multilateralen HIPC-Initiative erreicht. Durch den kombinierten Erlass unter den beiden Entschuldungsinitiativen HIPC und MDRI wurde der Gesamtschuldenstand von rund 2,4 Milliarden US-Dollar auf rund 1,6 Milliarden also etwa um ein Drittel reduziert.

Zuvor hatte der Tschad seit 1989 vier Mal im Pariser Club der Gläubigerregierungen verhandelt. Drei dieser vier Abkommen, die jeweils einen begrenzten Schuldenerlass einschlossen, sind noch “aktiv”, d.h. es werden darauf weiterhin Zahlungen an die beteiligten Gläubiger geleistet.

2016/17 schuldete der Tschad Forderungen der chinesischen Entwicklungsbank ExIm-Bank um; diese waren für den Aufbau der Ölraffinerie in N’Djamena vergeben worden, und der tschadische Anteil an der Raffinerie diente als Sicherheit. Gleichwohl verzichtete China darauf, die Garantie in Anspruch zu nehmen.

Der Kredit des britischen Unternehmens Glencore wurde 2018 umgeschuldet – allerdings ohne dass der Schuldenstand dadurch reduziert würde.

Anfang 2020 hatte sich unter dem Eindruck beginnender Zahlungsprobleme der Tschad mit Angola darauf verständigt, laufende Zahlungsverpflichtungen mit der Lieferung lebender Rinder zu begleichen.

Im April 2020 wurde dem Tschad von der G20 und dem Pariser Club das Schuldenmoratorium im Rahmen der Debt Service Suspension Initiative (DSSI) angeboten. Die Regierung hat das Angebot akzeptiert und damit 65,4 Millionen US-Dollar an Schuldendienst des Jahres 2020 auf spätere Jahre verschieben können. Das entspricht 0,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts von 2019. Es kann davon ausgegangen werden, dass China rund 26 Millionen US-Dollar beisteuert, Frankreich etwa eine weitere Million. Der Pariser Club hält nach eigenen Angaben 112 Millionen US-Dollar. Wer die weiteren Gläubiger sind, ist nicht bekannt.

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

Der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzt das Überschuldungsrisiko des Tschad trotz der vergleichsweise niedrigen Schuldenindikatoren (s.o.) als „hoch“ ein.

Im Januar 2021 hat der Tschad um eine Umschuldung im Rahmen des Common Framework for Debt Treatments beyond the DSSI der G20 gebeten.

Politische Empfehlungen

Der Tschad wird von G20-Beobachter*innen für einen höchst geeigneten Pilotfall für eine Umschuldung unter dem Common Framework gehalten, da es keine Anleiheschulden gibt, der einzige wichtige Privatgläubiger eng mit einer wichtigen G8-Regierung verbunden ist und der größte öffentliche Gläubiger außerhalb von G20 und Pariser Club die schwache und ihrerseits auf externe Unterstützung angewiesene Regierung Libyens ist. Zudem scheinen die chinesischen Forderungen hauptsächlich solche der einer DSSI-Beteiligung aufgeschlossenen ExIm-Bank und nicht die der exportfinanzierenden China Development Bank (CDB) zu sein.

Der Tschad steht als eines der ersten Länder, die unter dem Common Framework der G20 entlastet werden könnten, mehr als sonst im Fokus der Öffentlichkeit. Mindestens so sehr wie der Tschad selbst brauchen die G20 einen Erfolg für ihr Prestigeprojekt. Vieles wird davon abhängen, ob die Großgläubiger Glencore und Chinese ExIm-Bank, die bereits vor wenigen Jahren umgeschuldet haben, sich nun auf echte Schuldenstreichungen einlassen. Die Regierung sollte diese relativ starke Position ausnutzen, um zu verhindern, dass minimale Schuldenerleichterungen als Lösung verkauft werden.

Weiterführende Informationen

 

Stand: Februar 2021